Der Schriftsteller George Orwell ist vor allem dafür bekannt, dass er über den Überwachungsstaat geschrieben hat: 1948 erschien sein düsterer Zukunftsroman mit dem Titel "1984" - die Geschichte eines kleinen Beamten im "Wahrheitsministerium" eines Superstaats, der sich vergeblich gegen den übermächtigen Führer auflehnt.Aber nicht nur Orwell hat über den Überwachungsstaat, auch der Überwachungsstaat hat umgekehrt über Orwell geschrieben - nur dass dieser Gegentext sehr viel später erst veröffentlicht wurde. In diesen Tagen ist eine schmale Akte freigegeben worden, die der britische Inlandsgeheimdienst MI5 über George Orwell führte. Die Dokumente, die auf der Webseite der National Archives einzusehen sind, zeugen von dem Misstrauen, das Geheimdienst und Polizei gegenüber dem Sozialisten Orwell hegten. Sie zeugen aber auch davon, wie dieses Misstrauen als unbegründet zurückgewiesen wurde.Die nur wenige Dutzend Seiten umfassende Akte enthält den Bericht eines Sergeant Ewing vom Januar 1942, wonach Orwell "fortgeschrittene kommunistische Ansichten" habe. "Einige seiner indischen Freunde sagen, sie hätten ihn oft auf kommunistischen Veranstaltungen gesehen. Er kleidet sich wie ein Bohemien, sowohl im Büro wie in der Freizeit". Zu diesem Zeitpunkt betreute Orwell bei der BBC das englischsprachige Rundfunkprogramm für Indien.So wie Sergeant Ewing vom "Special Branch" der Londoner Polizei George Orwells Leben nüchtern zusammenfasst, wirkt es wie eine Kette von Verdachtsmomenten: Orwell, der selbst einige Jahre Polizist im britisch beherrschten Burma gewesen war, habe 1927 den Posten dort ohne Angabe von Gründen aufgegeben. "Angeblich hat er seinen engen Freunden gesagt, er sei nicht im Stande, Personen zu verhaften für Taten, die er selbst nicht für falsch halte." Anschließend habe Orwell eine "prekäre Existenz als freier Journalist" geführt. 1936 sei er der Polizei im nordenglischen Wigan wegen kommunistischer Aktivitäten aufgefallen, und im März 1937 habe er im Spanischen Bürgerkrieg mit der sozialistischen POUM gekämpft.Im Inlandsgeheimdienst MI5 las man Sergeant Ewings Bericht mit Skepsis. Ein Mitarbeiter notierte Anfang Februar 1942, er habe bei der "Special Branch" nachgefragt, was denn mit Orwells "fortgeschrittenen kommunistischen Ansichten" gemeint sei. "Ich entnahm dem Gespräch, dass der gute Sergeant etwas ratlos war, wie er diese individuelle Haltung beschreiben solle. Das entspricht unserem Bild von Blair alias Orwell. Seine jüngsten Werke - ,Der Löwe und das Einhorn' und seine Beiträge zu Gollancz' Symposium ,Der Verrat der Linken' - offenbaren, dass er gegen die kommunistische Partei ist und sie gegen ihn." Der Akte liegt ein Fragebogen der Zeitschrift "Left" vom November 1941 bei, als Beleg für Orwells linkspatriotische Haltung im Krieg. Folgerichtig erhebt das MI5 1943 ausdrücklich keine Einwände gegen Orwells Akkreditierung als Korrespondent des Sunday Observer beim Alliierten Hauptquartier in Nordafrika.Die frühesten Dokumente stammen aus einem ein Schriftwechsel zwischen Inlands- und Auslandsgeheimdienst und Londoner Polizei von 1929. Ein Eric Arthur Blair - der sich noch nicht das Pseudonym Orwell gegeben hatte - schreibe in Paris für linke Organe, angeblich habe er sich auch der kommunistischen "Worker's Life" angedient. Ein Bericht aus Paris bestätigt nur: "Er verbringt seine Zeit damit, Zeitungen zu lesen, darunter ,L'Humanité', aber man hat ihn noch nicht mit Kommunisten umgehen sehen".In diesen Jahren lebte Orwell in großer Armut; sie blieb sein Thema auch 1936, als er eine Sozialreportage über englische Elendsviertel recherchierte, die unter dem Titel "Der Weg nach Wigan Pier" erschien. Damals wurde die Polizei im nordenglischen Wigan auf ihn aufmerksam. Seine anschließende Zeit im Spanischen Bürgerkrieg, die ihn gegen jegliche Sympathien für Stalins Sowjetunion immunisierte, hat sich merkwürdigerweise in den Dokumenten kaum niedergeschlagen - man wüsste gerne, was der NKWD in seinen Akten zu Orwell versammelte.Die britischen Sicherheitsorgane waren also klug genug, Orwell nicht anzutasten. Er war ein leidenschaftlicher Demokrat, ein Feind von Nationalsozialismus und Stalinismus, der sogar bereit war, selbst mutmaßliche Moskau-Sympathisanten bei der Regierung zu denunzieren. Die Sicherheitsorgane waren aber auch dumm genug, sein Geburtsdatum fast durchweg falsch anzugeben. Immerhin vermerkt die Akte fast drei Jahre nach Orwells Tod 1950, dass es nun nichts mehr zu berichten gebe.------------------------------Foto: Eric Arthur Blair alias George Orwell (1903-1950). Passbild aus der Akte.