Kaum ein Dokumentarfilm hat in der letzten Zeit so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie "Henker". Die Kulturnachrichten nahmen sich ausführlich des Themas an, Regisseur und Produzent gaben Statements ab. Kurze Einspielungen aus dem Film waren untermalt von schauriger Musik. Schon die Titelzeile "Henker", deren Buchstaben von Blut zu triefen scheinen, zeigt, wie mit dem Film auch das Bedürfnis nach Grauen bedient werden soll. Dabei verhandelt "Henker" ein großes Thema: Es geht um die Todesstrafe und um die Haltung der Gesellschaft, die das Geschäft des Tötens an bestimmte Personen delegiert und sie dafür stigmatisiert.Bedauerlicherweise hat der Film diese Aspekte allenfalls gestreift und sich vor allem auf das Sensationsträchtige des Themas konzentriert. Die beiden Autoren Becker und Dedio haben sechs Männer porträtiert, die in staatlichem Auftrag Menschen getötet haben: zwei Deutsche, ein Amerikaner, ein Ungar, ein Rumäne, ein Jugoslawe. Von ihren sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten erfährt der Zuschauer wenig. Stattdessen müssen die Protagonisten vor der Kamera, manchmal quälend lange, mit Henkerseilen und einer echten Guillotine hantieren. Sie erzählen davon, wie das Blut spritzte und was sie dabei empfunden haben.Dennoch bekommt man eine Ahnung davon, in welch gravierend unterschiedlichen historischen Konstellationen diese sechs Männer ihre Rolle spielten - man würde auch gern erfahren, wie die Männer mit dieser Rolle umgingen und umgehen. Ionel Boeru beispielsweise, der Securitate-Mann, der an der Erschießung des Ehepaars Ceaucescu beteiligt war. Oder Joseph Malta, der US-amerikanische Soldat, der nach dem Zweiten Weltkrieg die in Nürnberg zum Tode verurteilten Naziverbrecher hinrichtete. Wir erleben Hermann Lorenz, der in Leipzig in den 50er- und 60er-Jahren Verurteilte durch Genickschuss tötete und den Franzosen Fernand Meyssonnier, der in Algerien FNL-"Terroristen" (wie er sagt) köpfte. Hat der Henker in einer Demokratie eine moralische "Berechtigung", seinen Beruf auszuüben? Macht er sich (mit-)schuldig? War die Hinrichtung der Naziverbrecher nach 1945 in jedem Fall gerechtfertigt? Warum hat sich 1989 die rumänische Geheimpolizei so rasch des Diktatoren-Paars entledigt?Jede dieser Geschichten enteröffnet spezielle Fragen, aus denen heraus die einzelnen Porträts hätten entwickelt werden können. Doch die Autoren des Films wenden sich solchen Fragen gar nicht erst zu. Becker und Dedio haben versucht, Interviews aus dem Archiv und anderes Material so zurechtzubiegen, dass sie in ihr Konzept passen. Als besonders fragwürdig erweist sich das im Fall von Paul Sakowski, dem mit Abstand widersprüchlichsten und bewegendsten der sechs Porträtierten. Sakowski ist als "der Henker von Sachsenhausen" in die Geschichte eingegangen. 1947 wurde er von einem sowjetischen Militärtribunal zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Dennoch ist er derjenige, der die Bezeichnung "Henker" am wenigsten verdient. Seine tragische Geschichte lässt sich in wenigen Worten kaum erzählen: 1938 kam Paul Sakowski im Alter von 18 Jahren als politischer Häftling in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Etwa ein Jahr später schlug er im Klinkerwerk einen Kapo mit dem Spaten nieder, als der einen Mithäftling misshandelte. Paul Sakowski wurde dafür an den "Pfahl" gehängt; er kam auch für unbestimmte Zeit in Dunkelarrest, was der Verurteilung zu einem langsamen, qualvollen Tod gleichkam. Nach etwa zehn Wochen jedoch machte der Leiter des Zellenbaus, SS-Hauptscharführer Kurt Eccarius, ihn zum Kalfaktor. Sakowski rettete sein Leben, indem er ein Handlanger der SS wurde - bei Bestrafungen von Mithäftlingen und auch bei Hinrichtungen. Im September 1941 musste er zusammen mit anderen Häftlingen bei der berüchtigten Mordaktion an etwa 14 000 sowjetischen Kriegsgefangenen als Helfer dienen. Er musste die Körper der Erschossenen aus der Genickschussanlage schleppen, damit die nächsten Opfer in den Raum geführt werden konnten. Nachts verbrannte er die Leichen in den Krematoriumsöfen. Nach der Befreiung wurde Paul Sakowski im Juni 1945 in Berlin festgenommen und den sowjetischen Untersuchungsbehörden übergeben. Im Prozess spielte seine besondere Situation als Häftling keine Rolle. Zusammen mit den SS-Leuten des Kommandostabs des KZ Sachsenhausen kam er nach Workuta. 1956 hat man ihn als so genannten "nicht amnestierten Deutschen" zum weiteren Strafvollzug in die DDR überstellt. Erst 1970 wurde er freigelassen, nach 33 Jahren Haft, zuletzt verbüßt im Lager X der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Eine Begnadigung und vorzeitige Entlassung hatte die Stasi vor allem deshalb abgelehnt, weil sie Paul Sakowski als wichtigen Zeugen in Sachsenhausen-Prozessen ständig zur Verfügung haben und seine Aussagen unter Kontrolle behalten wollte.Kann man einen Menschen mit diesem Schicksal tatsächlich in eine Reihe stellen mit Personen, die den Beruf des Henkers freiwillig ausgeübt haben? Ich zweifle daran. Der Film verschweigt die widersprüchliche und tragische Lebensgeschichte von Paul Sakowski zwar nicht, doch die Autoren verschweigen etwas Anderes, in meinen Augen sehr Wesentliches. In den von ihnen verwendeten Interviews, die Regina Scheer und ich im Jahr 1997 im Auftrag der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten mit Paul Sakowski führten, bestritt er nämlich vehement, ein Henker gewesen zu sein. Immer wieder sagte er, dass die Russen dieses Geständnis aus ihm herausgeprügelt hätten. In Wahrheit hätte er niemals einen Menschen umgebracht; er habe aber den Galgen aufstellen und nachher den Toten abnehmen und in den Sarg legen müssen.Das kann man ihm glauben oder nicht. Man kann es als seine Form des Umgangs mit der Erinnerung deuten, als verzweifelten Versuch, auf seine Zwangslage als Häftling hinzuweisen. Die Autoren des Films haben Paul Sakowskis Version aber schlicht unterschlagen. Sie haben stattdessen alle Aussagen von Sakowski im besagten Interview, in denen er von den Hinrichtungen, von dem Mord an den sowjetischen Kriegsgefangenen, überhaupt von Gewalt und Tod spricht, so montiert, als ob er (wie die anderen Gesprächspartner im Film) von seiner eigenen Henkerstätigkeit berichten würde. Bewegt sich ein solcher Umgang mit den Quellen vielleicht noch im Graubereich zwischen Manipulation und Fälschung, so gehen die Autoren aber noch einen Schritt weiter. Sie verwenden auch einen Lebensbericht, den Paul Sakowski in der DDR-Haft in den 50er-Jahren verfasste und der sich heute im Stasi-Archiv befindet. Darin schildert der Verfasser sehr eindrücklich, wie er nach dem ersten Tag der Mordaktion an den sowjetischen Kriegsgefangenen in seiner Zelle einen Albtraum hatte: Ein Mann mit einem Einschussloch in der Stirn stand neben seinem Bett und starrte ihn an. Diese Passage wird im Kommentar des Films zitiert. Allerdings wird sie in einen anderen Kontext gestellt. Es wird behauptet, Sakowski habe dies in der Nacht nach der ersten Hinrichtung, die er verantwortete, geträumt. So wurden störende Fakten zurechtgeschnitten, damit sie in den Film passen. Sakowski, der heute schwer krank in einem Altersheim lebt, kann sich dagegen nicht mehr wehren. Nachdem er im Laufe seines Lebens von wechselnden Regimes immer wieder instrumentalisiert wurde, wird er in "Henker" erneut zum Objekt gemacht. Dieses Mal von Filmemachern, die einerseits den Anspruch auf Seriosität erheben, aber andererseits mit der historischen Wahrheit und der Würde des Menschen nicht gerade zimperlich umgehen. Annette Leo ist Historikerin und Publizistin.Sakowski bestritt vehement, ein Henker gewesen zu sein.PROGRESS FILMVERLEIH Von mehreren Regimes instrumentalisiert und jetzt in einem Dokumentarfilm zum Objekt gemacht: Häftling Paul Sakowski.