NEW YORK, im März. Minutenlang steht David Pullman am Fenster seines Büros und schaut hinunter auf das erste Grün in den Straßen von Manhattan. "Ein ganz unglaublicher Ausblick", sagt er dann. "Und da drüben ist mein neues Zuhause." Er zeigt auf eine der eleganten Wohnburgen am Central Park. "Wissen Sie, vor ein paar Tagen hat mich meine alte Lehrerin aus der Highschool angerufen", erzählt Pullman. Und sie fragte: "Ist das wirklich der gleiche David, der bei mir auf der Schulbank saß?" Irgendwie sei unfaßbar, wie eine einzige wirklich gute Idee das ganze Leben verändern könne, sagt der 36jährige.Noch vor zwei Jahren war David Pullman ein einfacher Angestellter eines Investmenthauses. Heute ist er Unternehmenschef und Multimillionär und gilt als einer der größten Aufsteiger des vergangenen Jahres. Gerade hat seine Firma, die Pullman Group, eine Außenstelle in Los Angeles eröffnet. Weitere Niederlassungen in Europa sind geplant. Die Manager-Zeitschrift "Success" kürte ihn jetzt zu einem von fünf jungen amerikanischen Entrepreneurs, die "die Markttrends vorausgesehen haben und die Finanzmärkte von morgen dominieren werden".David Pullman war es, der Rockstar David Bowie 1997 zum Börsenobjekt machte und damit bis dahin unbekanntes Territorium an der Wall Street beschritt. Als einziges Unternehmen der Welt hat sich die Pullman Group seitdem darauf spezialisiert, die Rechte von Musikern, Buchautoren und anderen Künstlern an deren Werken in Anleihen umzuwandeln.Ein simpler VorgangBonds im Wert von einer Milliarde Dollar wurden durch die Firma allein im vergangenen Jahr lizenziert. Das Volumen des gesamten Markts schätzt Pullman auf über eine Billion Dollar. "Der Vorgang ist ganz simpel", erklärt der Firmenchef. "Zuerst wird die Erwartung künftiger Einnahmen eines Künstlers bewertet. Diese Einschätzung setzen wir in ein Wertpapier um, das wiederum an Investoren verkauft wird. Und am Ende profitieren alle.Tatsächlich haben die Anleihen für beide Seiten Vorteile: Die Bowie-Investoren beispielsweise erhalten bei einer zehnjährigen Laufzeit einen Normalzins von 7,9 Prozent, knapp 2,4 Prozentpunkte mehr als bei vergleichbaren US-Staatsanleihen. Der Popstar behielt seine Musikrechte und konnte mit den Einnahmen sofort anstatt jahrelang auf Tantiemen warten zu müssen in die Zukunft investieren. Immerhin 55 Millionen Dollar machte Bowie auf einen Schlag, als er auf Pullmans Ratschlag hin und mit dessen Hilfe die "Bowie-Bonds" auf den Markt brachte.David Pullman erzählt, wie alles begann. "Vor etwa zweieinhalb Jahren traf ich eher zufällig auf William Zysblat, den Manager von David Bowie. Wir redeten über Gott und die Welt, und plötzlich erwähnte Zysblat ganz nebenbei, daß Bowie die Musikrechte zu allen seinen Produktionen besitzt. Ich stutzte für einen Moment, und dann begannen die Räder in meinem Kopf zu rattern. Wir können die Rechte beleihen, sagte ich dann zu Zysblat."Innerhalb von nur wenigen Tagen wurde ein Treffen zwischen Pullman und Bowie arrangiert. "Warum sind wir nicht schon früher auf die Idee gekommen", soll der Popstar gesagt haben. Als die Bowie-Anleihe schließlich an den Kapitalmarkt kam, waren viele entsetzt. Die Vermarktung der Erfolgsgarantie von 250 Hits, die Bowie bis 1993 auf 25 Platten preßte, darunter Songs wie "Let s Dance" und "China Girl", stand im krassen Kontrast zum traditionellen Handel mit Industrieanleihen und Staatspapieren. "Du bist verrückt", sollen, so Pullman, selbst gute Freunde und Kollegen gesagt haben. Das habe sich jedoch umgehend geändert, als Moody s die Bowie-Bonds mit A3 bewertete. Damit hatte die berühmte New Yorker Rating Agentur die Anleihe als "gute" Investition ausgewiesen. Von da an ging es steil bergauf. Das gesamte Bündel der Bowie-Bonds wurde von der Prudential Insurance Company of America aufgekauft. Millionen Dollar wanderten in Pullmans und Bowies Taschen. Zahlreiche Künstler wandten sich an Pullman, um es Bowie gleichzutun. Pullman gelang es bald, sein eigenes Unternehmen aus der Finanzgruppe "Fahnestock & Co", seinem bisherigen Arbeitgeber, auszugliedern. Neue Verträge folgten. Im August vergangenen Jahres gingen das Mowtown-Trio Edward und Brian Holland und Lamont Dozier mit ihren Songs wie "Stop! In the Name of Love" und "Baby I need Your Loving" an die Börse. Im November folgte das Gesangsduo Ashford & Simpson. Verhandlungen mit Rod Steward, Joan Jett and the Blackhearts, Crosby, Stills, Nash and Young, Kim Carnes, Tupac Shakur, Patti Smith und Pat Benatar stehen kurz vor ihren Abschlüssen. Auch Popgrößen wie Paul Simon, die Rolling Stones und Elton John hätten, so Pullman, Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt.In Deutschland verhandelt die Pullman Group mit den Musikanwälten Walter Lichte und Helge Sasse über die Vermarktung der Song-Rechte von beispielsweise Peter Maffay und Herbert Grönemeyer oder Produzenten wie Dieter Bohlen und Frank Farian. "Wir werden auch in Deutschland für großes Aufsehen sorgen", verspricht Pullman. Habe man den Popbereich erst einmal unter Kontrolle, könne man auch an Anleihen in anderen Musiksparten und ganz anderen Kunstbereichen denken. "Wie wäre es zum Beispiel mit Interpreten wie Luciano Pavarotti oder Bestsellerautoren wie Stephen King und John Grisham. Wir haben einen Billionen-Dollar-Markt erschlossen", sagt Pullman selbstbewußt.

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