Bald 20 Jahre ist es her, dass der französische Medienkonzern NRJ den Sprung auf den deutschen Hörfunkmarkt gewagt hat. Energy Berlin war 1991 die Keimzelle für eine bundesweite Radiokette, die noch immer Lücken aufweist. An diesem Mittwoch ergänzt sie NRJ um ein weiteres Glied. Der einst als FAZ Business Radio gestartete und zuletzt als Main FM vor sich hin dümpelnde Frankfurter Sender startet am Mittwoch einen neuen Anlauf unter dem Namen Energy Rhein-Main. Entsprechend der Lizenzvorgaben als wirtschaftsorientierter Spartensender will Energy Rhein-Main mit dem neuen Gesellschafter NRJ einen Mix aus Unterhaltung und Wirtschaftsinformation bieten. Anders als in Berlin lautet das Sendermotto nicht "Hit Music Only", sondern "Hit Music & News". Christophe Montague hofft, mit diesem Mix die Zahl der Hörer pro Stunde von derzeit gerade einmal 13000 binnen drei Jahre auf mindestens 45000, möglichst 60000 zu erhöhen.Energy Rhein-Main ist die nunmehr achte Energy-Station in Deutschland. Außer in Frankfurt am Main und Berlin sitzen sie in Bremen, Stuttgart, München, Hamburg und Nürnberg sowie in Sachsen. In den nächsten Monaten soll eine Station in Rheinland-Pfalz und mittelfristig weitere in Hannover, Köln-Düsseldorf und Essen hinzukommen.Je länger die Energy-Kette wird, desto höher ist die Zahl der erreichten Hörer, was der NRJ Group Vorteile in der Vermarktung verschafft. Dabei geht es NRJ weniger um klassische Hörfunkspots, sondern vielmehr darum, großen Werbungtreibenden einerseits eine relativ konsistente Zielgruppe anzubieten, nämlich "im Durchschnitt 32 Jahre alte, kaufkräftige Großstädter, die neuen Technologien ebenso aufgeschlossen sind wie neuen Lebensstilen", sagt Montague. Andererseits kann NRJ auf diese Weise in Deutschland effizienter und damit rentabler arbeiten. Zum Beispiel haben alle Energy-Sender den gleichen Internet-Auftritt, und möglicherweise könnte es bald am frühen Abend eine bundesweite Sendung geben, die auf allen Sendern parallel ausgestrahlt wird.Eine über das gesamte Land verteilte Radiokette - das ist schon lange auch der Traum von RTL. Ein bisher unverwirklichter. Woher also schöpft Montague Zuversicht? Anders als RTL konzentriere sich die NRJ Group in Deutschland allein auf den Hörfunk, müsse also keine fürchten sie Montague zufolge medienrechtliche Bedenken wegen zu großer Marktmacht. Zudem gehe NRJ sehr pragmatisch vor: Es sei nicht notwendig, alleiniger Eigentümer eines Senders zu sein. Die Alternative seien Partnerschaften, insbesondere mit Verlagshäusern. Ähnlich agiert NRJ in anderen Ländern, etwa in der Schweiz, wo die Gruppe mit Ringier (Blick, Cicero) kooperiert. Dennoch: Der Wunsch, eine bundesweite deutsche Energy-Kette aufzubauen, ist ein lange gehegter. "Wir werden das hinkriegen, die Frage ist nur, wann", sagt Montague. Als Zeitraum, um auch in Hannover, Köln-Düsseldorf und dem Ruhrgebiet präsent zu sein, strebt er zwei Jahre an. Notfalls würde er sich auch mit schwächeren Frequenzen zufriedengeben - womit Montague bei den Nachteilen des deutschen Hörfunkmarkts angekommen ist.Anders als andere Vertreter privater Rundfunkveranstalter plädiert er nicht dafür, den öffentlich-rechtlichen Sendern Werbung zu verbieten. Es würde die Wirkung von Hörfunkwerbung insgesamt schwächen, könnten 40 Prozent der deutschen Bevölkerung nicht mehr mit Radiowerbung erreicht werden, sagt der 46-Jährige.Kritik übt er hingegen an der üppigen Frequenzausstattung der ARD-Sender, die "in erheblicher Diskrepanz zum privaten Hörfunk" stünde: "Die Sendeleistung von ARD-Sendern ist bis zu 40Mal größer als in anderen Ländern Europas", sagt Montague, nennt dies eine "Wettbewerbsverzerrung zulasten der privaten Anbieter" und fügt, wo er schon einmal beim Kritisieren ist, hinzu: "Die Tatsache, dass außerdem ein und dasselbe Programm oftmals über mehrere Frequenzen gehört werden kann, ist eine Verschwendung von Freque nzen und obendrein ökonomischer Schwachsinn."Trotz aller Widrigkeiten: Der deutsche, genauer: der deutschsprachige Markt genieße bei der NRJ Group außerhalb des Heimatmarkts Frankreich Priorität, sagt Montague, der außer für Deutschland auch für die restlichen 13 Länder, in denen die Pariser aktiv sind, zuständig ist - von Kanada über den Libanon bis Russland. Vor allem dank des Zuwachses in den deutschsprachigen Gebieten sind die Erlöse von NRJ International im ersten Halbjahr 2010 auf 17 Millionen Euro angestiegen (nach 16,4 Millionen im Vorjahreszeitraum).Aber ist es nicht so, dass Jugendliche Musikstreams und MP-3-Spieler dem Radio vorziehen? Überraschenderweise sei genau das falsch, das gelte für ganz Europa, sagt Montague. Natürlich müsse das Programm mit sozialen Netzwerken wie Facebook verknüpft und mit Veranstaltungen wie "Energy in the Park" oder den "Energy Music Awards" Markenwelten geschaffen werden. Wichtig sei vor allem, Radio im Zeitalter des Internets anders zu positionieren: "Inhalte werden immer wichtiger, der Musikanteil verringert sich." Selbstkritisch sagt Montague, der nach den Jahren 2003 bis 2006 seit zwei Jahren wieder bei der NRJ Group arbeitet: "Da haben wir in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt bei Energy Berlin und speziell bei den Morningshows, Fehler gemacht." Es sei wichtiger geworden, Geld in Inhalte zu investieren. Und damit zurück zur Medienpolitik: Die Gefahr, mit Radio Dudelfunk zu betreiben, wäre seiner Ansicht nach geringer, hätten Investoren eine längerfristige Planungssicherheit. Er meint damit die Laufzeiten der von Landesmedienanstalten vergebenen Lizenzen. Bei aller Kritik: Der Drang, in Deutschland weitere Energy-Sender zu starten, um auf diese Weise rentabler zu werden, ist ungebrochen.------------------------------Foto: Mit Veranstaltungen wie "Energy in the Park" will der Medienkonzern NRJ ein Markenimage fördern.