MANNHEIM. Wolfgang Gayer kann Geschichten erzählen. Zum Beispiel die, dass er sich früher nicht getraut hat, Geschichten zu erzählen. Vor einem Auftritt im Aktuellen Sportstudio habe er sich regelrecht gedrückt, sagt er. Damals, im April 1970, hatte er beim 9:1 der Berliner Hertha gegen Borussia Dortmund vier Tore geschossen, bis heute Herthas höchster Sieg in der Bundesliga. "Ich bin ein einfacher Mensch, ich konnte nicht so reden und wollte nicht", sagt Gayer so, als ob er bis heute nicht wüsste, ob er damals nicht doch besser ins TV-Studio hätte gehen sollen. Aber ändern kann er das, wie so vieles in seinem Leben, nicht mehr.Sein Kaffee ist längst kalt geworden vom vielen Erzählen, hier, in einem Café am Mannheimer Marktplatz. Der 67-Jährige hat Bilder mitgebracht, die ihn als jungen Fußballer zeigen. Auf einem erzielt er ein Tor gegen Bayern München, Franz Beckenbauer steht hilflos daneben. Gayer, Sohn eines Spenglers, aufgewachsen mit neun Geschwistern in der Mannheimer Neckarstadt, hat gegen alle Fußballgrößen der Sechziger- und Siebzigerjahre gespielt. Er lief für Borussia Neunkirchen, Hertha BSC und 1860 München 145 Mal in der Bundesliga auf und erzielte 45 Tore. Mit dem Wiener Sport Club spielte er bereits 1963 in New York, und die österreichische Presse nannte ihn wegen seiner eleganten Art "Mozart". Doch Wolfgang Gayer blieb ein Unvollendeter.Er war ein Schlitzohr auf dem Platz, ein Instinktfußballer mit dem Riecher für entscheidende Tore. Der Ball war sein bester Freund, das Spiel mit ihm seine Welt. Doch im Leben fehlte ihm manchmal dieser Instinkt, der ihn im Spiel zu einem der besten Mittelfeldspieler seiner Zeit werden ließ.In der Nacht, in der er den Fehler seines Lebens beging, war Wolfgang Gayer betrunken. Es war am 5. Juni 1971 gegen halb vier Uhr morgens in der Wohnung von Volkmar Groß, dem Hertha-Torwart. Die große Saisonabschlussparty verlagerte sich vom damals angesagten Waldhaus in das nahe Hochhaus in Charlottenburg, wo viele Profis der Hertha lebten. In der Mitte des Wohnzimmers stand ein Koffer. Inhalt: 250 000 D-Mark.Am Nachmittag hatte die Hertha im Olympiastadion 0:1 gegen Bielefeld verloren. Dass Bielefeld, für das es um den Abstieg ging, bei einer Niederlage diese Summe zahlen würde, war abgesprochen. Eigentlich habe man aber vor dem Spiel beschlossen, so Gayers Version, das Bielefelder Geld nicht anzunehmen. Nun aber saßen 13 Fußballstars besoffen vor dem Koffer mit dem vielen Geld und stellten sich die Frage: "Sollen wir es nehmen oder nicht?" Irgendwann kam es zur Abstimmung, und auch Wolfgang Gayer hob den Arm dafür, das Geld für die Niederlage anzunehmen."Der Alkohol ist keine Entschuldigung, ich werde mir das nie verzeihen", sagt Gayer heute bitter: "Hätte ich den Arm unten gelassen, wäre nichts passiert." Sein Votum war ausschlaggebend, die Abstimmung endete 7:6. Danach verteilten sie das Geld, 15 000 Mark für jeden. Nur ein paar Tage später flog der große Bundesliga-Skandal auf. Wolfgang Gayer wurde zwei Jahre gesperrt. Wegen 15 000 Mark.Gayer wusste nichts über Südafrika, außer dass es dieses Land gab. Doch am anderen Ende der Welt gab es für ihn und einige andere Hertha-Profis eine Zukunft als Fußballer. Ihre Sperren galten hier nicht, Südafrika war vom Weltfußballverband Fifa wegen seiner Apartheid-Politik ausgeschlossen."Ich wollte Fußball spielen. Das war meine Welt. Irgendwo musste es ja weitergehen", sagt Gayer. Die Hertha-Sünder Wolfgang Gayer, Bernd Patzke und Peter Enders kamen nach Durban, wo sie in der ersten Saison mit Durban City die Meisterschaft gewannen. Nach einer Runde wechselten sie nach Kapstadt zum FC Hellenic, wo Volkmar Groß und Arno Steffenhagen, die ehemaligen Kollegen aus Berlin, spielten.Gayer genoss Privilegien. Mit Billigung der südafrikanischen Regierung durften die Profis aus Deutschland ihr Salär in die Heimat überweisen, umgerechnet rund 6 000 Mark im Monat. In Durban lebte Gayer in einem Luxus-Hotel am Strand, in Kapstadt in einer Wohnung am Hang des Tafelbergs mit Blick aufs Meer. Gayer zeigt ein Bild der Meistermannschaft von Durban City, es sind nur weiße Männer zu sehen. In der südafrikanischen Liga durften nur Weiße spielen, viele Profis aus England, Schottland oder Irland verdienten am Kap zusätzliches Geld, wenn die englische Liga Sommerpause hatte.Die Realität des Landes, in dem eine rassistische weiße Minderheit die schwarze Mehrheit unterdrückte, blendete Gayer weitgehend aus. Sie trainierten zwei Mal am Tag, genossen das Essen und spielten Fußball. "Ich hatte aber einen guten Kontakt zu den Farbigen", sagt Gayer zurückhaltend. 30 000 Zuschauer kamen im Schnitt zu den Spielen in Durban, vorwiegend Schwarze, die getrennt nach ethnischen Gruppen und separiert von den Weißen ins Stadion durften. "Ja, so war das", sagt Gayer. Sonntags spielten die dunkelhäutigen Südafrikaner in ihrer eigenen Liga. Gayer hat die Spiele oft besucht und gestaunt über das Können der schwarzen Kicker. Aber auch darüber, dass bei diesen Spielen nur rund 500 Leute zuschauten.Karriereende in LinzWurzeln hat Gayer keine geschlagen in Südafrika, er ist nie wieder dahin zurückgekehrt, nachdem seine Sperre aufgehoben wurde und er im November 1973 zu 1860 München gewechselt war. Nach einer Runde zog es ihn wieder nach Österreich, wo er beim Linzer ASK mit 37 Jahren seine Karriere beendete.Es gab viele Brüche im Leben und in der Karriere des Wolfgang Gayer. Doch er ist immer wieder auf die Füße gefallen, und dafür ist der einfache Mann aus den einfachen Verhältnissen dankbar. "Ich bin froh, nach meiner Laufbahn nicht abgestürzt zu sein, wie manch anderer Fußballer", sagt er. Heute lebt er wieder in der Neckarstadt. Und sagt: "Ich hätte mehr aus meiner Karriere herausholen können. Aber ich hatte niemand, der mich anständig beraten hat." Dann spaziert er über die Brücke zum Fototermin auf einem Bolzplatz am Fluss.------------------------------"Hätte ich den Arm unten gelassen, wäre nichts passiert." Wolfgang GayerFoto: Im Leben fehlte Wolfgang Gayer, heute 67 Jahre alt, manchmal dieser Instinkt, der ihn im Spiel zu einem der besten Mittelfeldspieler seiner Zeit werden ließ.