Sergej Solowkin wurde zum Tode verurteilt. Am 11. März 2002 sollte das Urteil vollstreckt werden. Man wollte ihn auf offener Straße hinrichten, wenige Meter vom Eingang seines Hauses entfernt. Es war ein normaler Auftragsmord. Einer von Dutzenden, ja vielleicht Hunderten, die in Russland beinahe jeden Tag und in beinahe jeder Stadt geschehen. Diesmal passierte es in Sotschi, dem berühmten Badeort am Schwarzen Meer. Der Journalist Solowkin war hier manchem ein Dorn im Auge.Dass der Fünfzigjährige nicht längst im Grabe liegt, sondern als Stipendiat der deutschen "Stiftung für politisch Verfolgte" in Hamburg lebt, verdankt er einem Wunder. Und sich selbst. Denn als ihn der erste Schuss des Mörders aus nächster Nähe knapp verfehlte, reagierte Solowkin sofort: Der ehemalige Kriminalkommissar zog seine Gaspistole und schoss auf den Attentäter. Der hatte nicht mit dem Widerstand des Opfers gerechnet. Er schoss noch einmal, traf wieder nicht, ergriff dann die Flucht und rannte direkt in die Arme einer zufällig vorbeifahrenden Polizeipatrouille. "Es klingt absurd, aber wer hinter dem Attentat steht, darüber kann ich noch immer nur spekulieren", sagt Solowkin. Neben ihm sitzt seine Frau Emma, die den Anschlag miterlebte. Sie hat geschrieen, als sie den Angreifer mit einer Pistole auf ihren Mann zukommen sah. Vielleicht hat ihm ihr Schrei das Leben gerettet.An und für sich ist es für die Polizei ein Kinderspiel, ein Verbrechen und das Tatmotiv aufzudecken, wenn der Attentäter gefasst und das Opfer am Leben geblieben ist. Nicht aber in Sotschi. Der Schütze, ein junger Armenier aus Abchasien, der in Sotschi ohne Papiere lebte, gestand schon beim ersten Verhör, dass ihm für den Mord an Solowkin tausend Dollar versprochen worden waren. Und er nannte denjenigen, der ihm den Mordauftrag erteilt hatte, einen stadtbekannten Kleinkriminellen. Selbstverständlich verlegte sich der Ganove aufs Leugnen. Die Polizei konnte ihm nichts nachweisen und ließ ihn laufen. Später erfuhr Solowkin, dass der Mann lediglich ein Vermittler war. Fünfzehntausend Dollar hatte man ihm für die Beseitigung des unbequemen Journalisten angeboten. Aber wer war der Auftraggeber?"Ich habe immer über konkrete Personen geschrieben und sie beim Namen genannt. Es sind sehr einflussreiche und gefährliche Leute. Mindestens 15 Fälle kommen infrage, wenn man darüber nachdenkt, warum das Attentat auf mich verübt worden sein könnte", sagt Solowkin und zählt seine jüngsten Publikationen auf. Geschichten, die haarsträubend und für Russland banal zugleich sind.Dem stellvertretenden FSB-Chef von Sotschi wurde ein Videoband zugespielt, auf dem das Gespräch zwischen einem Mafiapaten, einem wichtigen Amtsträger und einem Finanzier heimlich aufgezeichnet worden war. Die Herrschaften sprachen über 300 000 Dollar Schmiergeld, die sie im Zusammenhang mit dem Kauf eines Grundstücks auf dem Gelände des Naturparks von Sotschi gezahlt hatten. Dort planten sie den Bau einer Nobelsiedlung. Ein Millionendeal und ein Umweltskandal. Was unternimmt der Geheimdienst, Putins wichtigste Stütze im Kampf gegen die Korruption, um den Bau zu stoppen und die Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen? fragte Solowkin in einem Brief an den FSB-Oberst. Der Gesetzeshüter antwortete nicht. Statt Ermittlungen gegen das kriminelle Trio einzuleiten, kaufte er sich in der Siedlung ein. Hier wohnt er nun in einer prachtvollen Villa mit Blick aufs Meer, wohlgemerkt in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Gangsterbosses. Derjenige, der dem Journalisten das Belastungsmaterial zukommen ließ, wurde mit Baseballschlägern krankenhausreif geschlagen. Solowkins Auto haben Unbekannte demoliert."Morddrohungen, ob mündliche oder schriftliche, nehme ich nicht ernst, weil sie in der Regel von Dilettanten ausgehen", sagt Solowkin. "Profis reden nicht - sie handeln." Ein anderer Fall, über den Solowkin geschrieben hat, erschütterte ganz Russland. Ein gewisser Ruben Grigorjan verliebte sich in die Siegerin des Schönheitswettbewerbs "Miss Sotschi", Eleonore Kondratjuk. Sie hielt aber nicht viel von ihrem Anbeter, dem Kontakte zur Unterwelt nachgesagt wurden. Der gekränkte Grigorjan heuerte Killer an. Sie lauerten dem Mädchen auf dem Weg zum Strand auf und gossen ihr konzentrierte Schwefelsäure ins Gesicht. Damit die Schwefelsäure noch verheerender wirkte, wurde sie mit Öl vermischt. Eleonore überlebte den Anschlag, blieb aber für immer entstellt. Die Säure vernichtete ihren Mund, ihre Augen und Ohren. Auch zahllose plastische Operationen in Deutschland, wo sie sich jetzt ärztlich behandeln lässt, haben die Brandwunden nicht gänzlich beseitigen können.Nach den Tätern wurde kaum gesucht. Grigorjans Boss und der für den Fall zuständige Polizeiermittler sind gute Freunde. Erst Solowkins Artikel in der örtlichen und Moskauer Presse zwangen die Polizei zum Handeln. Einen der untergetauchten Unholde, einen gewissen Adgur Gotschua, hat der Journalist in einem abchasischen Dorf aufgespürt. Doch der Prozess gegen ihn wurde zur Farce: Lediglich fünf Jahre Haft bekam Gotschua für seine Gräueltat. Durch seine Publikationen hat Solowkin jedoch erwirkt, dass das Urteil wesentlich verschärft wurde. War das Attentat auf Solowkin ein Racheakt Gotschuas?Die Arbeit des Gerichtes in Sotschi sieht Solowkin sehr kritisch. "Wie kann man erklären, dass ein Richter mit einem bescheidenen Gehalt teuerste Armbanduhren und Anzüge trägt und wie die Made im Speck lebt?", schrieb er im Zusammenhang mit einem anderen Gerichtsskandal in der angesehenen Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta". Der Richter verklagte das Blatt und den Autor wegen Ehrabschneidung auf zehn Millionen Dollar - als hätte sich die Geschichte nicht in Russland, sondern in Amerika zugetragen. Eine Moskauer Richterin, bei der der Fall schließlich gelandet ist, gab der Klage ihres Amtsgenossen statt. Sie fand nur seine Forderungen etwas überzogen und minderte das Schmerzensgeld auf eine Million Dollar. Zwar sah der Richterspruch von der Strafe gegen Solowkin ab, aber für die Zeitung bedeutete er faktisch den finanziellen Ruin. Nur die Proteste russischer Journalisten und das Eingreifen einiger wichtiger Politiker retteten die Zeitung vor dem Aus, auch wenn das Urteil offiziell nicht aufgehoben wurde. "Dieser Gerichtsbeschluss ist beispiellos in der Zeitungsgeschichte des postkommunistischen Russland. Eine Million Dollar - so viel beträgt nicht einmal die Gesamtsumme aller Schmerzensgelder, die russische Journalisten bezahlt haben", sagt Solowkin. "Klar, dass es hier nicht um die Ehre einer Person geht, sondern um die Abrechnung mit einem unbequemen Blatt. Es werden angeblich rechtsstaatliche Mittel angewandt, aber der Hintergrund ist rein politischer, totalitärer Natur.""Nowaja Gaseta", bei der Sergej Solowkin fest angestellt ist, gilt als couragierteste russische Zeitung. In jeder Ausgabe bringt sie Enthüllungsstorys über die Unterwelt, Oligarchen, die Machthaber im Kreml und in der Provinz. Während der Präsidentschaftskampagne 2000, als praktisch alle russischen Medien Propaganda für Putin machten, war "Nowaja Gaseta" die einzige große Zeitung, die sehr skeptisch über den KGB-Oberst und Befürworter des neuen Tschetschenien-Krieges schrieb."Nowaja Gaseta" muss sich immer wieder wegen "Diffamierung" vor Gericht verantworten. Die Investoren des Blattes werden eingeschüchtert und seine Journalisten bedroht. Vor Jahren wurde der Redakteur Igor Domnikow im Treppenaufgang seines Hauses von Unbekannten mit Hämmern erschlagen. Die Kolumnistin Anna Politkowskaja, die über Gewalttaten der russischen Truppen in Tschetschenien berichtete, bekam Morddrohungen von einem Armeeoffizier mit dem Spitznamen "Kadett" und musste im Ausland untertauchen. Mit dem Mord an Sergej Solowkin sollte wohl ein weiteres Exempel statuiert werden.Die Geschichten ähneln sich, doch die Lage eines kritischen Journalisten in der Provinz ist grundsätzlich anders als die seines Kollegen in der Hauptstadt, sagt Solowkin. "In Moskau haben viele Enthüllungsjournalisten als moralische und finanzielle Unterstützung den Staat oder einen mächtigen Arbeitgeber hinter sich. In der Provinz dagegen bist du immer allein. Alle wissen über dich alles. Geld, das du verdienst, kann dir als Bestechung unterstellt werden - nach dem Motto: Du machst jemanden im Auftrag seines Konkurrenten schlecht. Das Schlimmste ist, dass du dich nicht verstecken kannst und für deine Feinde immer greifbar bist. Ein Enthüllungsjournalist in der Provinz ist ein Kamikaze."Für seine Reportagen ist Solowkin zweimal mit dem Larissa-Judina-Preis des russischen Journalistenverbandes geehrt worden. Larissa Judina, die als Journalistin in Kalmükien arbeitete, fiel 1998 einem Mordanschlag zum Opfer. Sie hatte in ihren Artikeln die Politik des kalmükischen Präsidenten Kirsan Iljumshinow kritisiert und nach der Herkunft seines Millionenvermögens gefragt. Der Mord wurde nie aufgeklärt. Ebenso wie der Mord am Journalisten Sergej Kalinowski in Smolensk, an Oleg Dolganzew in Petrosawodsk, Waleri Iwanow in Togliatti, Sergej Korabelnikow in Tula, Wladimir Kirsanow in Kurgan und und und. Auch der Anschlag auf Solowkin wurde zu den Akten gelegt: Der Attentäter wurde dem Gericht übergeben, für die Polizei ist der Fall damit erledigt. Aber Solowkin weiß: Diejenigen, die mehrere tausend Dollar für seinen Kopf bezahlt haben, wollen das Geld nicht einfach abschreiben."In Deutschland fühle ich mich wie ein neugeborenes Kind", sagt Solowkin, Flüchtling und Stipendiat in einer Person. Kürzlich hat ihn ein Rücknahmeautomat für Flaschenleergut beeindruckt, und heute hat er zum ersten Mal Papaya gegessen. In Deutschland fühlt er sich glücklich und zum ersten Mal seit vielen Jahren einigermaßen sicher. Sein deutsches Visum ist zunächst auf drei Monate ausgestellt.Solowkin weiß, diejenigen, die mehrere tausend Dollar für seinen Kopf bezahlt haben, wollen das Geld nicht einfach abschreiben.