Am 9. Oktober 1933 erlebte Berlin ein politisches Spektakel, das deutschlandweit im Radio übertragen wurde. An diesem Sonntag marschierte ein Fackelzug der SA vom Krankenhaus Friedrichshain zum Nikolai-Friedhof an der Prenzlauer Allee, an das vor wenigen Monaten von Adolf Hitler eingeweihte Ehrengrab Horst Wessels. Nach den Reden wurde das von Wessel geschriebene Kampflied der Bewegung gesungen, das bereits zweite Nationalhymne des "Dritten Reichs" war: "Die Fahne hoch!/Die Reihen fest geschlossen!/SA marschiert mit ruhigem festen Schritt".Anlass für die von Propagandaminister Joseph Goebbels inszenierte Feierlichkeit war Wessels 26. Geburtstag. Der Jurastudent und SA-Sturmführer, der am 23. Februar 1930 an den Folgen eines Anschlags gestorben war, gehörte zu den populärsten nationalsozialistischen Helden. Besonders stolz auf ihn war man in Bielefeld, wo Horst Ludwig Wessel am 9. Oktober 1907 in einem deutschnationalen Pfarrhaus geboren wurde. Sein Vater Ludwig, seit 1913 Pastor in der Berliner Nikolai-Gemeinde, meldete sich 1914 freiwillig als Feldgeistlicher. Er machte als Kriegsprediger Karriere.Der Sohn, der vom Pfarrhaus in der Berliner Jüdenstraße die Kriegsniederlage und anschließende Revolution beobachtete, folgte den Ideen des 1922 verstorbenen Vaters. Mit fünfzehn wurde Horst Wessel Mitglied der Bismarck-Jugend, der Organisation der Deutschnationalen Volkspartei. Im Kampf gegen die Republik, gegen Marxisten und Juden radikalisierte er sich immer mehr. Er trat dem Bund Wiking bei, einer paramilitärischen Organisation aus dem Umfeld der Organisation Consul. Diese war für die politischen Morde an Matthias Erzberger und Walther Rathenau verantwortlich. 1926 begann Wessel mit dem Jurastudium und wurde Mitglied von NSDAP und SA. In Berlin war die Organisation noch schwach und von sozialistischen Ideen beeinflusst. Der Student organisierte Ausflüge und Märsche, stellte eine Schalmeienkapelle auf - eine Provokation besonderer Art, galt doch die Schalmei als Blasinstrument der Proletarier. Das Engagement blieb Goebbels nicht verborgen. Er lobte den "fabelhaften Idealismus" Wessels, der im von Sozialdemokraten und Kommunisten dominierten Friedrichshain den SA-Sturm 5 führte.Im Milieu der Sturmlokale, das von Prügeleien und Saufgelagen geprägt war, fand Wessel wie so viele andere aus der vaterlosen Generation eine neue Heimat. Im politischen Straßenkampf machte er sich rasch einen Namen. Entsprechend verhasst war er bei den Kommunisten, die mit einem Steckbrief vor dem "Arbeitermörder" warnten. Der Anschlag auf ihn war jedoch nicht von langer Hand geplant. Wessels Vermieterin, Witwe eines KPD-Mitglieds, suchte Anfang 1930 bei den Genossen Hilfe, weil es Streit mit der zugezogenen Freundin des Untermieters gab. Wessel hatte die 18-jährige Erna Jaenichen, eine Prostituierte, wenige Monate zuvor im Scheunenviertel kennengelernt. Albrecht "Ali" Höhler, mehrfach vorbestrafter Zuhälter und Mitglied des Rot Frontkämpferbunds, und weitere Genossen wollten Wessel "eine proletarische Abreibung" verpassen. Höhler schoss ihn am 14. Januar 1930 in seinem Zimmer in der Großen Frankfurter Straße 62 nieder und bescherte der aufstrebenden NSDAP damit einen idealen Märtyrer. Noch während Wessel im Krankenhaus Friedrichshain lag - er starb sechs Wochen später als Folge der Verletzung an einer Blutvergiftung - begann die Propagandaschlacht. Die "Rote Fahne" stellte die Tat als Eifersuchtsdrama um den Zuhälter und "Nazistudenten Wessel" dar; die NS-Presse schrieb von einem politischen Mord. Goebbels besuchte den Verwundeten im Krankenhaus und stilisierte ihn in Nachrufen zum Christus der Bewegung: "Sein Geist stieg auf, um mit uns allen weiterzuleben". Er inszenierte die Beerdigung auf dem Nikolai-Friedhof am 1. März als politische Manifestation.Gegendemonstranten griffen den Trauerzug an, der auf dem Weg zum Friedhof das Karl-Liebknecht-Haus passierte. An der Friedhofsmauer begrüßten die politischen Gegner den Toten mit einer Inschrift: "Dem Zuhälter Horst Wessel ein lautes Heil Hitler!" Der Mörder Wessels und seine Gehilfen wurden bald gefasst. Der Prozess vor dem Landgericht Moabit, bei dem sie im September 1930 wegen "vorsätzlicher Tötung" zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteil werden, erregte die Öffentlichkeit. Die NS-Presse echauffierte sich über die milden Urteile, die Kommunisten über die Klassenjustiz. Obwohl die "Rote Hilfe" den Angeklagten beistand - verteidigt wurden sie Hilde Benjamin -, distanzierte sich die KPD von ihnen. Kriminelle wie "Ali" Höhler entsprachen nicht dem proletarischen Ideal.Am Wessel-Mythos arbeitete nicht nur Goebbels. Hanns Heinz Ewers veröffentlichte 1932 eine Biografie, in der er Wessel als zweiten Theodor Körner feiert. Der Skandalautor, dessen Buch nach eigenen Angaben von Hitler persönlich autorisiert wurde, überwarf sich dennoch mit der Familie Wessel: Dass Ewers die Beziehung Wessels zur Prostituierten nicht ausgespart hatte, gefährdete für sie das Ansehen des Verstorbenen. Gegen den Roman, der in zwei Jahren eine Auflage von 170 000 erreicht, klagte auch Erna Jaenichen. Goebbels verbot das Werk, das vom politischen Gegner mit Hohn und Spott überzogen wurde, schließlich 1934.Doch Ewers Biographie war die Vorlage für einen Film. Nach Probevorführungen ordnete Goebbels an, den Film, der Wessels Biografie nochmals schönt und alle Beziehungen zur Halbwelt verschweigt, neu zu schneiden. Unter dem Titel "Hans Westmar. Einer von Vielen" kam er im Dezember 1933 in die Kinos. Die Versuche der Mutter Margarete und der Schwester Ingeborg, aus dem Tod Horst Wessels mit eigenen Publikationen Kapital zu schlagen, erzürnten Goebbels: "Lange Auseinandersetzung mit Frau Wessel. Sie will Horsts Lied privatisieren. Ich lehne das kalt ab. Das Lied gehört der Nation. Die Mutter ist unausstehlich. Sie verdient diesen heldenhaften Jungen gar nicht", schrieb er im Tagebuch.Das NS-Regime beanspruchte die alleinige Deutungshoheit über das Schicksal Wessels. Überall wurden Denkmäler für ihn aufgestellt, Straßen, Plätze, Schulen, Kasernen und eine Division der Waffen-SS nach ihm benannt. Am 9. Oktober 1933 erklärte Goebbels das Sterbezimmer Wessels zur nationalen Gedenkstätte. Das Krankenhaus trug seinen Namen; der Bezirk Friedrichshain wurde zur Horst-Wessel-Stadt. Aus dem Bülowplatz wurde der Horst-Wessel-Platz. Bielefeld benannte einen Hügel des Teutoburger Walds nach ihm.Mit dem "Dritten Reich" verschwand auch der staatliche Kult um Wessel. Die Denkmäler wurden geschleift, das Ehrengrab auf dem Nikolai-Friedhof planiert, das Horst-Wessel-Lied verboten. Geblieben sind hunderttausende Männer, die den Namen des "Blutzeugen der Bewegung" erhielten, und der in rechtsextremen Kreisen fortlebende Mythos vom idealistischen Studenten, der sein Leben im politischen Kampf opferte.------------------------------"Seine Mutter will Horsts Lied privatisieren. Ich lehne das kalt ab." Joseph Goebbels------------------------------Foto: Begräbnis Horst Wessels auf dem Nikolai-Friedhof in Friedrichshain. Der Bezirk hieß später Horst-Wessel-Stadt.