Seine Lieblingstiere sind Piranhas. Ein ganzer Schwarm schwimmt in einem großen Aquarium in einem seiner Großraumbüros. "Piranhas sind ein wenig wie mein Betrieb. Einerseits sind sie sehr aggressiv, andererseits müssen sie sehr liebevoll gepflegt werden", sagt Nicholas Werner, dessen Unternehmen sich in einem unscheinbaren Industriegebäude in Berlin-Marienfelde befindet. Sein mit dunklen schweren Holzmöbeln eingerichtetes Büro wirkt so riesig, dass man meint, es könnten sich dort alle seiner annähernd 300 Mitarbeiter zur Betriebsversammlung treffen.Der gelernte Mediziner, der nebenbei noch Jura und Wirtschaft studiert hat, hätte auch Profi-Tänzer werden können, doch die Preise im Paartanzen gewinnen jetzt seine beiden Söhne. Er könnte auch wieder an alte Erfolge im Boxring anknüpfen, doch heute begnügt er sich mit ein paar Schlägen im Keller-Trainingsraum seines Unternehmens. In der Politik hatte er es 1998 unter seinem Freund und Förderer General Lebed mit gerade 30 Jahren immerhin zum Vize-Gouverneur gebracht. Doch unter Putin kann er sich ein Engagement in der russischen Politik vorläufig nicht vorstellen.Auch Wodka und DorschleberNicholas Werner wurde 1968 in Moldawien geboren. Sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Jüdin. Beide leben heute in den USA. Dort hätte er auch hingehen können. Aber für den Aufbau seiner Werner Media Group wählte er den Standort Berlin. Und bis jetzt scheint ihm sein Erfolg Recht zu geben. 2001 kaufte der Deutsch-Russe für einen Spottpreis die dümpelnde Zeitschrift Europa-Center, benannte sie in Europa-Express um und machte sie in kurzer Zeit mit 120 000 Exemplaren zur auflagenstärksten russischsprachigen Wochenzeitung Deutschlands. Hinzu kamen weitere russischsprachige Printprodukte wie das Lifestyle-Magazin Ganz Europa (Auflage 90 000), die regionale Berlinskaja Gazeta (Auflage40 000) und die monatliche Evreyskaya Gazeta (Auflage 50 000)."Wir haben in Deutschland ein Potenzial von rund 4,5 Millionen Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. Das ist wirtschaftlich überhaupt noch nicht ausgeschöpft", schwärmt Nicholas Werner, der mal deutsch spricht, mal sein Russisch dann doch zur Sicherheit übersetzen lässt. Für ihn sind seine Zeitungen ein Beitrag zur Integration, denn Schwerpunkte der Berichterstattung sind deutsche und europäische Themen und nicht wie etwa bei türkischsprachigen Medien in Deutschland der ständige Blick in die alte Heimat.Im September ist das deutschsprachige Pendant zur Gazeta, die Jüdische Zeitung herausgekommen, ein 40-seitiges Monatsblatt mit einer Startauflage von immerhin 39 000 Exemplaren. Dass man mit dieser Auflage auf Anhieb gleich mehr als doppelt so stark auftritt wie die vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegebene Jüdische Allgemeine, sieht Werner nicht als aggressives Konkurrenzgebaren. Das jüdische Leben sei dank der großen Zuwanderung russischsprachiger Juden in den letzten 15 Jahren so reichhaltig und bunt geworden, dass die Zeit reif gewesen sei für eine zweite jüdische Zeitung, die unabhängig vom Zentralrat ist.Nach nur vier Jahren hat sich Werner durchgeboxt. Seine Media Group ist schon so etwas wie ein kleines Imperium, das in diesem Jahr einen Umsatz von 15 Millionen Euro anstrebt. Zweites Standbein ist der Handel mit osteuropäischen Produkten, die über den Katalog-Versand "Semja" bestellt werden können. Zusätzlich eröffnet der Konzern in Berlin Anfang Oktober 20 je 200 Quadratmeter große Läden unter dem Markennamen "Retro - Geschmack der Nostalgie". Von Wodka bis Krimsekt, von Dildo bis Dorschleber reicht das Angebot.Die Neugründungen des Nicholas Werner erfolgen so rasant, dass seine Marketingabteilung kaum mit der Aktualisierung der Werbemappe hinterher kommt. Möglichst noch in diesem Jahr will Werner von Marienfelde aus das russische Radioprogramm "Europa Zentrum" starten. Alles sei bereit, man brauche allerdings die Lizenz der Medienanstalt. Andere Zeitungen wie die FAZ sind mit ihren Radioprojekten längst gescheitert, aber das möchte Nicholas Werner lieber nicht zur Kenntnis nehmen. Sein Radio werde erfolgreich sein, da ist er sich sicher.Wie Axel SpringerUnd er hat noch weitere Pläne: Der Versand-Katalog soll demnächst auch auf deutsch erscheinen. Außer seinen eher seriösen Zeitungen möchte er noch ein Yellowpress-Format auf den Markt bringen. Daneben fehlt ihm neben seinem Hochglanzmagazin Ganz Europa noch ein einfacher gestaltetes Frauenmagazin. Bald wird an den Kiosken auch ein DVD- und Kino-Magazin in russischer Sprache erscheinen. Das journalistische Flaggschiff, die wöchentliche Europa-Express, soll schließlich zu einer Tageszeitung aufgewertet werden. Nur ins Fernsehgeschäft wolle er vorerst noch nicht einsteigen, das sei selbst ihm zu kostenintensiv, sagt Nicholas Werner.Nach nur vier Jahren kann sich die Werner Media Group als Marktführer russischsprachiger Medien in Deutschland bezeichnen. Das rasante Wachstum erinnert an einen Mann, der auch einmal einen großen Verlag in Berlin aufgebaut hat. Auf die Frage, ob er sich selbst als eine Art russischer Axel Springer von Berlin sieht, antwortet Nicholas Werner knapp: "Da, da, ja schon".------------------------------Verleger und HändlerDie Werner Media Group ist seit 2001 auf dem Markt. Der Umsatz stieg von 400 000 Euro (2001) auf 15 Millionen (erwartet für 2005). Die Holding beschäftigt heute 310 Mitarbeiter.Kern des Unternehmens ist das Verlagshaus mit Sitz in Berlin. Herausgegeben werden u.a. die Wochenzeitung Europa-Express, das Lifestyle-Magazin Ganz Europa, die regionale Berlinskaja Gazeta, die monatliche Evreyskaya Gazeta und die Jüdische Zeitung.Die Firma ist ferner aktiv im Versandhandel mit Non-food-Artikeln und im Einzel- und Großhandel mit russischen Spezialitäten. Sie bietet außerdem Marketing, Werbung, Versicherungen und anderes mehr.Zielgruppe sind die 6 Millionen russischsprachigen Haushalte in der EU. Die Firma will helfen, diese Menschen "in das moderne europäische Leben zu integrieren".------------------------------Foto: Die Firmenzentrale in Marienfelde------------------------------Foto: Nicholas Werner in seinem Büro in Berlin-Marienfelde. Im Aquarium hinter ihm schwimmen Piranhas.

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