Im Jahre 1973 gestaltete der Grafiker Horst Hussel ein Werbeplakat für den DDR-Verlag Volk & Welt. Es zeigte einen riesigen Elefanten, neben dem Tier tummelten sich winzig ein bärtiger Mann, ein lachendes Kind, ein weißes und ein schwarzes Schaf. Auf dem Rücken des Elefanten befand sich ein Schirm, an dem ein Fisch festgebunden war; links und rechts ragten Wachtürme. In Hussels Entwurf steckte einiger Hintersinn, denn der Verlag Volk & Welt war selbst ein Elefant. Als größter und wichtigster Belletristikverlag für internationale Literatur bot er einer Leserschaft, die bis auf wenige Ausnahmen nicht ins westliche Ausland reisen durfte, eine Anschauung von Welt, die auch die Staaten des "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiets" einschloss. Das Ausland gehörte nur bedingt oder vermittelt zur Erfahrung der DDR-Bürger; auch Osteuropa und die Sowjetunion konnte man nicht ohne Auflagen und Genehmigungen erkunden. Wo die Kunst in der DDR viele Ersatzfunktionen übernehmen musste, sollten Volk & Welt-Bücher Kopfreisen ohne Pass ermöglichen. Verlagsreihen wie die "Erkundungen" oder die aufwändigen Bild-Text-Bände ("Venedig", "Paris zu Fuß") bemühten sich um Vorstellungswelten. Route und Leitung dieser Kopfreisen wurden in zermürbenden Gutachterkämpfen zwischen Lektoren und DDR-Zensurbehören wie der Hauptverwaltung "Verlage und Buchhandel" immer wieder neu ausgehandelt. Vor zwei Jahren sind Archiv- und Buchbestände des einstigen sozialistischen "Leitverlags" Volk & Welt in einer Nacht- und Nebelaktion nach Eisenhüttenstadt gelangt, wo sie ab morgen in einer ebenso interessanten wie schmerzlichen Ausstellung des Dokumentationszentrums "Alltagskultur der DDR" zugänglich sind. Als Volk & Welt im Februar 2001 liquidiert wurde, sollten auch die Archivbestände des Verlags "entsorgt" werden, doch Mitarbeiter des Dokumentationszentrums schafften das Bucharchiv bei Glatteis mit drei Kleintransportern von Berlin nach Eisenhüttenstadt und arbeiteten es, zusammen mit Briefen, Fotos und Dokumenten, für eine Ausstellung auf.In deren Mittelpunkt stehen Länderschwerpunkte und deren Vorstellungswelten sowie die Verlagsgeschichte, ergänzt von Annotationen zum "Hinterland" des Editionsbetriebs: Nachdichtern, Übersetzern, Fachautoren. 1947 wurde Volk & Welt von Michael Tschesno-Hell gegründet und 1964 mit dem Verlag Kultur & Fortschritt fusioniert. In sieben Räumen vermittelt "Europa im Kopf" (Kuratorin: Regina Weber, wissenschaftliche Beratung: Simone Barck und Siegfried Lokatis) durch Fotos, Briefe, Programmplanungen, Werbematerialien und Zensur-Gutachten umfassend und anschaulich Zusammenhänge zwischen offizieller Kulturpolitik, Verlagsalltag und Literaturbetrieb in der DDR. Ein Begleitband zur Ausstellung ("Fenster zur Welt", herausgegeben von Barck und Lokatis) vertieft das Gezeigte.Die ehemalige Cheflektorin Marianne Dreifuß etwa, wie viele Volk & Welt-Lektoren der Anfänge eine sogenannte "Westemigrantin", wurde 1960 mit einer Parteistrafe belegt, weil sie es versäumt hatte, aus einem Sachbuch eine Anmerkung über den Hitler-Stalin-Pakt zu tilgen, obwohl es den Pakt zu dieser Zeit für DDR nicht gegeben hat. Titel wie "Juli 41" von Grigori Baklanow, deren Erscheinen immer wieder aufgeschoben wurde, weil sie Partei-Dogmen unterliefen, präsentiert die Schau in einem Kühlschrank. Die Ausstellung folgt nicht allein der Chronologie und Kulturpolitk, sondern auch den Produktionsabläufen. So sind der Buch-Herstellung, dem Vertrieb und der Werbung eigene Räume gewidmet. Bücher, Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften, Plattenhüllen und Filmplakate geben einen Eindruck davon, wie ausschnitthaft sich dem DDR-Leser fremde Länder darstellen mussten. Ein Bücherlabyrinth präsentiert schließlich alle Reihen des Verlags - so wie man sie in den Buchhandungen nie sah."Europa im Kopf" veranschaulicht, was für eine ungeheure kulturelle Vermittlungsleistung der Verlag Volk & Welt erbracht hat - und wie man dabei zwischen Ambition und Tabu jonglierte. Schon deswegen gehört die Schau auch nach Berlin. Der jetzige Ausstellungsort wirkt auf den Besucher allerdings symbolisch wie Hussels Plakat auf den Betrachter: einst war Eisenhüttenstadt - bis 1961 "Stalinstadt" - die "erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden", eine blühende Vorzeige-Arbeiterstadt. Heute hat es mit Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität zu kämpfen; vor kurzem wurde ein Wahrzeichen zerstört, die Statue eines Maurers aus den Gründungsjahren. Die Stadt verfügt dieser Tage über genau zwei Kulturanbieter: ein Theater und das Dokumentationszentrum, das inzwischen einen bescheidenen Museumsshop betreibt, in dem man "Trabant"-Spielzeugautos kaufen kann und T-Shirts mit "Plaste und Elaste"-Druck. Von der Ostalgie-Welle, die das Fernsehen erfunden hat, profitiert hier niemand.Europa im Kopf: Der Verlag Volk und Welt in der DDR // Vom 26. 10. 2003 bis 14. März 2004 im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Erich-Weinert-Allee 3, 15890 Eisenhüttenstadt. Telefon: (03364) 41 73 55.Öffnungszeiten: Di - Fr. 13 - 18 Uhr, Sa, So, Feiertage 10 - 18 Uhr, (außer 24. 12. , 31. 12. und Karfreitag). Eintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro.Im Internet unter: www. alltagskultur-ddr. de.Zur morgigen Eröffnung wird um 15 Uhr die Stanislaw Lem-Adaption "Der schweigende Stern" gezeigt, der erste DDR-Science Fiction-Film. Vorführung in Anwesenheit der Regisseure Kurt Maetzig und Hans-Dieter Grabe.Der äußerst kenntnisreiche und sehr empfehlenswerte Begleitband zur Ausstellung ist im Ch. Links Verlag Berlin erschienen: Simone Barck/Siegfried Lokatis (Hrsg. ), "Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR-Verlags Volk & Welt" (2003) 440 Seiten, Broschur; 19,90 Euro.Die Buchpräsentation findet in Berlin am Dienstag, 28. Oktober, um 20 Uhr im Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, 10405 Berlin statt.CH. LINKS VERLAG Der Bücherkarren des Verlags Volk & Welt - Abbildung aus dem erwähnten Begleitband zur Ausstellung.