BERLIN, 27. Januar. Zunächst eine Zusammenfassung des bisherigen Geschehens: Der amerikanische Schriftsteller John Irving hat einen Roman geschrieben, der in der modernen Medienwelt spielt. Das Buch heißt "Die vierte Hand". Die Hauptfigur, der Fernsehjournalist Patrick Wallingford, lernt bei einem Kongress in Japan Barbara und Peter Frei kennen. Sie arbeiten beim ZDF, wie Irving schreibt, Barbara als "wunderschöne" Nachrichtensprecherin, Peter als "angesehener Journalist". Wallingford verliebt sich in Barbara. Es wird aber nichts draus. Nach wenigen Zeilen ist die Affäre zu Ende, ehe sie begonnen hat. Im vorigen Jahr, als das Buch in Englisch herauskam, hatte der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Peter Frey, von Kollegen aus den USA und aus London Hinweise erhalten, dass er in dem neuen Irving-Roman auftauche. Seine Frau las daraufhin "The Fourth Hand" im Original, und nun fragten sie sich, wie wohl alles so gekommen ist. Peter Frey hatte John Irving nie getroffen. Frey vermutete, Irving sei auf ihn aufmerksam geworden, als er Anfang der 90er-Jahre als Korrespondent in den USA gearbeitet hatte. So war es in der "Berliner Zeitung" zu lesen. Peter Frey wollte sich nun gelegentlich an John Irving wenden und sich bei ihm nach den Zusammenhängen, die er nicht für zufällig hält, erkundigen. Damit schien die Geschichte zu Ende zu sein, aber sie war es noch lange nicht.Der dreifache PeterHier beginnt ihr zweiter Teil. Un-mittelbar nach der Veröffentlichung des Artikels schickt Peter Frey eine Mail an den Züricher Diogenes-Verlag, wo Irvings deutsche Romanübersetzungen verlegt werden. Er bittet den Verlag darum, bei Irving anzufragen, wie er in den Roman geraten ist. Daraufhin meldet sich eine Mitarbeiterin des Verlages. Nicht bei Frey, sondern bei der "Berliner Zeitung": "Es ist uns ja alles so peinlich", sagt Ruth Geiger, "jetzt denkt der Doktor Frey, er kommt in dem Buch vor, aber er ist nicht gemeint. Irving kennt ihn gar nicht." In Wirklichkeit sei "Peter Frei" eine Hommage an Peter Arens, der beim ZDF in der Redaktion Geschichte und Gesellschaft arbeitet. Dessen Ehefrau Barbara Hahlweg, Sprecherin der ZDF-"heute"-Nachrichten, habe Irving als Vorbild für "Barbara Frei" gedient. Es wird jetzt leider noch komplizierter. Die Erklärung, warum Peter Arens zu "Peter Frei" wurde, in dem sich nun Peter Frey wiederzuerkennen glaubte, klingt so bizarr, dass sie aus einem Irving-Roman stammen könnte. In einer frühen Fassung des Manuskripts habe "Peter Frei" noch "Peter Bauer" und seine Frau demzufolge "Barbara Bauer" geheißen, erzählt Ruth Geiger, "wir waren es, die Irving gesagt haben, du musst den Namen unbedingt ändern". "Barbara Bauer" wäre vom deutschen Publikum sofort als Gabi Bauer identifiziert worden, die zur Entstehungszeit des Romans noch die "Tagesthemen" moderierte. Solch genaue personelle Zuschreibungen versuche Irving, der - wie man jetzt hört - in seinen Büchern regelmäßig Freunde und Bekannte auftreten lässt, eigentlich zu vermeiden. Also habe ihm Diogenes den unverfänglichen Namen "Frei" vorgeschlagen, "wir haben einen Peter Frei in der Herstellungsabteilung des Verlages", sagt Ruth Geiger, "ein netter Kollege, dem wir eine Freude machen wollten. Wir dachten, den kennt draußen keiner." Wie Peter Arens alias "Peter Frei" und dessen Frau Barbara Hahlweg alias "Barbara Frei" in den Roman gekommen sind, lässt sich nun plausibel erklären. "Ich kenne John Irving seit zwölf Jahren" sagt Arens, "damals habe ich für das ZDF einen Film über ihn gedreht. Wir haben uns angefreundet und sehen uns jedes Mal, wenn er in Europa ist." Bei ihrer letzten Begegnung, 1999, als der Autor mit "Witwe für ein Jahr" auf Lesereise war, habe Irving ihm und seiner Frau beim Abendessen gesagt: ",In meinem nächsten Buch geht es um Journalisten, da spielt Ihr mit. Wir haben das als Scherz aufgefasst", sagt Peter Arens, der sich nun geehrt fühlt, weil es doch kein Scherz war. Barbara Hahlweg, für deren äußere Erscheinung Irving viele Attribute findet ("wachsames Lächeln", "fein geschnittenes Gesicht", "hohe Wangenknochen") fühlt sich gut getroffen, was nicht überrascht. Nur die Formulierung "schmutzig blondes Haar" habe sie gestört. Sie war dann gleich beim Friseur. Da zweifle noch einer an der Wirkung von Literatur. "Ich war doch sehr beseelt, als ich das gelesen habe" sagt sie. Sie habe schon gefürchtet, dass Irving sie herunterputzen könnte, da sie bei jenem Abendessen dessen "amerikanische" Haltung zum Kossovo-Krieg kritisiert habe. Sie hat sich getäuscht. Wie wohl auch die "Stern"-Redakteurin Christine Claussen, die sich in dem Roman ebenfalls erkannt haben will. Als Irving einmal über einen Artikel von ihr verärgert gewesen sei, habe er ihr gedroht, sie werde in seinem nächsten Buch eine Hexe spielen, schreibt Christine Claussen im aktuellen "Stern".Lohn der RechercheNun wirkt in der "vierten Hand" tatsächlich eine Mrs. Clausen mit, allerdings eine ziemlich sympathische. Ruth Geiger erklärt das so: "Wir haben Irving auch auf diese Ähnlichkeit hingewiesen. Er sagte uns, Clausen sei in Wisconsin, wo der Roman spielt, ein Allerweltsname. An eine gleichnamige Frau vom ,Stern konnte er sich nicht erinnern." So jedenfalls würde es Ruth Geiger gern festgehalten wissen. Apropos Ruth. Hieß die Hauptfigur in Irvings "Witwe für ein Jahr" nicht auch Ruth? - "Ich hatte ihm ein wenig bei den Recherchen in Europa geholfen." Wie es aussieht, ist es gar nicht so schwer, in einen Roman von John Irving zu geraten.