Sechs Jahre zuvor war in Berlins zerstörten Straßen noch erbittert gekämpft worden. Jetzt am 6. Juni 1951 eröffnen zum ersten Mal die Internationalen Filmfestspiele. Der Kurfürstendamm ist noch zu großen Teilen von Ruinen gesäumt und von klaffenden Lücken gezeichnet, manche Grundstücke waren vorerst nur ein- oder zweistöckig bebaut worden. Der kulturelle Mittelpunkt der Westsektoren liegt in der Nachkriegszeit noch nicht wieder in Charlottenburg, sondern in Steglitz an der Schlossstraße: Der Titania Palast hat den Krieg weitgehend unversehrt überlebt, ein kantiger, modernistischer Koloss aus ineinander geschobenen Kuben, 1928 eröffnet, und ganz dem Geist der Zwanziger Jahre verpflichtet. In dem Kino mit fast 2 000 Plätzen sind nach dem Krieg auch die Philharmoniker untergekommen. Es ist ein Bau im internationalen Metropolenstil, der mit seinen eleganten, über Eck geführten Lichtbändern im Stil der Neuen Sachlichkeit von einer glücklichen, dynamischen und unterhaltsamen Zukunft hatte künden wollen - ein luxuriöser Bau für Großstadtmassen, der sich nun inmitten des Nachkriegsdesasters wie eine gebaute Illusion ausnimmt. "Sprung ins Glück" hatte der Titel des Eröffnungsfilm von 1928 bezeichnenderweise geheißen. Daraus war bekanntlich nichts geworden.Jetzt aber, so rasch nach Kriegsende, fühlt es sich schon wieder nach Sprung ins Glück an. Das erste Berlinale-Plakat zeigt den Berliner Bären und die Flaggen verschiedener Staaten, zuvörderst die der USA, Großbritanniens und Frankreichs. International ist im Berlin der frühen Fünfziger ein Zauberwort. Man taumelt begierig in die weltweite Wiederanerkennung. Niemand spricht darüber, wie unglaublich es eigentlich ist, dass die Staatengemeinschaft ausgerechnet in Berlin, der Hauptstadt des eben erst beendeten Terrors, wieder feiern soll. Und wäre es nicht ausschließlich die westliche Staatengemeinschaft, die sich hier als Internationale der Filmnationen gegen den neuen Gegner Ostblock behauptet, wäre diese hastige Versöhnung ja in der Tat kaum denkbar.Nun beschwört der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter zum Auftakt der Festspiele die Stadt Berlin mit schneidender Stimme als "Bollwerk, das die totalitären Mächte vergeblich berennen." Dann geht es los mit dem Eröffnungsfilm: Alfred Hitchcocks "Rebecca".Trotz des guten Willens unter den Westalliierten ist die Gründung der Berlinale alles andere als leicht. Die Idee hat viele Gegner: Die Franzosen und Italiener sind zunächst dagegen wegen der Filmfestspiele in Cannes und Venedig. Sogar die deutsche Filmwirtschaft opponiert; sie würde ein Festival lieber in Wiesbaden, München oder Köln sehen. Es ist ein in der amerikanischen Militärverwaltung arbeitender Filmoffizier, Oscar Martay, der sich maßgeblich für die Berlinale einsetzt. Martay sieht den Film als zentrales Mittel im politischen Kampf um die Köpfe: So setzt er durch, dass die Berlinale bis zum Mauerbau stark verbilligte Karten für Besucher aus der sowjetisch besetzten Zone anbietet. Später werden dafür eigens sogenannte Randkinos in der Nähe der Sektorengrenze angemietet. Martay legt die Berlinale bewusst in den Sommer, parallel zu den Welt-Jugend-Festspielen in Ost-Berlin. "Damit wird das nötige Gegengewicht und die größte Attraktion für die Ost-Berliner und die Ostzonenbevölkerung und nicht zuletzt auch für die Jugend der östlichen Volksdemokratien geschaffen", schreibt er in der Planungsphase.Als es endlich losgeht, ist der Berliner von Stolz und Neugier ergriffen. Die Journalistin Dora Fehling schreibt im Telegraph: "Steglitz stand kopf. D.h. eigentlich stand es Schlange. Es stand Mauer. Die Polizei riegelte ganze Straßenzüge ab, als lägen hochentzündliche Minen in der Gegend. Vor dem Titania-Palast wurden Zeitungen und Zeitschriften in solchen Haufen verschenkt, dass es der Rucksäcke bedurft hätte, sie alle mitzunehmen. Und klitzekleine Parfumfläschchen gab es, gute Luft zu erzeugen, an der es in dem doch relativ großen Raum des Titania-Palastes so sehr mangelte, dass statt des Abenddresses der Badeanzug weitaus besser am Platz gewesen wäre."Von Anfang an richten sich die Filmfestspiele nicht nur an die Leute vom Fach, sondern an das große Publikum. Die Berlinale wird zum Herzstück der neuen kulturellen Identität der Stadt. Es gibt Freilichtvorführungen in der Waldbühne und die "Internationale Starrevue" im Sommergarten am Funkturm; ein Auto-Blumencorso führt quer durch West-Berlin. Mit Stimmzetteln können die Berliner den Publikumsliebling wählen und vergeben den Preis an "Cinderella" von Walt Disney.Und von Anfang an erleben Filmemacher das Berliner Publikum als ein besonders enthusiastisches, aber auch besonders kritisches. 1951 fallen die deutschen Beiträge allesamt durch. Demonstrativ wird gegähnt und hohngelacht. Die Zeitung Der Tag mahnt das Publikum zur Zurückhaltung angesichts der ausländischen Gäste: "Es geht schließlich um den deutschen Film, um einen Verzweiflungskampf sogar, und dem ehrlichen kritischen Menschen wird es bang und bänger ums Herz, wenn ein deutscher Streifen nach dem anderen abrutscht".Rauschend dagegen wird bei Filmszenen applaudiert, die, wie ein Kritiker schreibt, "den Menschen in seiner Würde und Freiheit zeigten". Als in dem Film "Bright Victory" ein Weißer einen Schwarzen fragt "Wollen wir Freunde sein?", sollen Beifall und jubelnder Zuruf aufgebraust sein wie selten zuvor, "machtvoll, lange und von ganzem Herzen." Das Berlinale-Publikum fühlt sich eben als Avantgarde der jungen Demokratie.Schnell gewöhnt sich Berlin daran, dass ausländische Stars wieder gerne in die Stadt kommen. Als 1955 neben Romy Schneider und Maria Schell, neben Curd Jürgens und O.E. Hasse nur zwei, dazu noch unbekannte Schauspieler aus Hollywood auftauchen, wirft die Berliner Journalistin Karena Niehoff selbstbewusst die soziale und politische Bedeutung der Stadt in die Waagschale. Mit barschen Worten will sie die Stars in die ungemütliche Großstadt kommandieren, und zwar in deren wohlverstandenem Eigeninteresse: "Es ist gerade die besondere, pfleglich zu behandelnde Eigenart der Berliner Festspiele, dass sie vor einer Menschenkulisse stattfinden, die ihnen mehr als einen ornamentalen, die ihnen den sozialen, körperlichen Hintergrund gibt, an den gerade der Film gebunden ist. Vielleicht sind die kostbaren Herrschaften noch nicht genügend davon überzeugt worden, das nicht nur Berlin sie braucht, sondern sie noch mehr die Großstadt nötig haben, die kräftiger an ihrem Kurswert arbeitet als das kleine zärtliche Cannes oder das schwelgerische Dekorum Venedigs."Schnell trumpft das "Festival des kleinen Mannes" auf. Aus dem Fehlen einer Internationalen Jury (erst 1956 erhält die Berlinale vom Internationalen Verband der Filmproduzenten den begehrten A-Status und damit die Jury) macht es eine Tugend. Die Berliner stimmen inzwischen mit der Eintrittskarte ab. Je nachdem, wo sie eingerissen wird, heißt das Urteil "sehr gut", "gut", "mäßig" oder "schlecht". "Die Jury, die Berliner Bevölkerung", verkündet Ernst Reuter 1952 beifallheischend, "ist ebenso tolerant wie urteilsfähig. Die offizielle Feststellung des publikumswirksamsten Films durch die Berliner zeigt, dass der verleumdete Publikumsgeschmack in Berlin einer offiziellen Preisverleihung gleichkommt." Lieschen Müller, schreibt der Filmkritiker der "Kölnischen Rundschau", sieht sich in einer Front mit der der Kritik.So wird die Basis bereitet für die enorme Beliebtheit, der sich die Berlinale bis heute bei den Berlinern erfreut. Die isolierte, bald eingemauerte Stadt hungert nach kulturellem Austausch. Und immer muss es das Beste, das Glanzvollste, das Außerordentliche sein. "Es genügt uns einfach nicht, daß jemand kommt und uns irgend etwas bringt", schreibt 1964 die "Bild Berlin": "Wer uns etwas bieten will, muss Hervorragendes in der Tasche haben. Das hat nichts mit Undankbarkeit zu tun. Armen Verwandten kann man Undankbarkeit vorwerfen, wenn sie die geflickte Jacke ablehnen - wir sind keine armen Verwandten und wollen es nicht sein."Das rüde Selbstbewusstsein entspricht der kämpferischen Attitüde der Hauptstadt. In der vom Kommunismus umzingelten Halbstadt entsteht auch die besondere politische Aufmerksamkeit, für die die Berlinale bis heute steht. Nachdem 1956 der deutsche Botschafter in Paris erfolgreich dagegen protestiert, dass Alain Resnais' Auschwitz-Dokumentation "Nacht und Nebel" beim Festival in Cannes gezeigt werden soll - und zwar mit der ungeheuerlichen Begründung, nach den Festival-Richtlinien dürften keine Filme gezeigt werden, die die nationalen Gefühle eines Volkes verletzen -, ist es die Berlinale, die den Film demonstrativ zeigt. Die einleitenden Worte spricht Willy Brandt. Ging es vor dem Mauerbau jahrelang darum, der Defa die Zuschauer abspenstig zu machen, versucht der Berliner Senat schon vor Unterzeichnung der Ostverträge gegen den Willen des Bundes die Berlinale für Filme aus dem Osten zu öffnen. 1974 wird der erste sowjetische Spielfilm gezeigt, ein Jahr später der erste ostdeutsche: "Jakob der Lügner" von Frank Beyer gewinnt gleich den Silbernen Bären.Einen Silbernen Bären als Sonderpreis der Jury erhielt sieben Jahre zuvor, 1967, Eric Rohmer für seinen wunderbaren Film "Die Sammlerin". Dekadentes Geschwätz von gelangweilten, überheblichen und sexuell gestörten Nichtsnutzen war der Film für die einen, das Aufkeimen einer freieren, gelasseneren, skeptischeren Zeit bedeutete er für die anderen. Im bourgeoisen Zeitvertreib reicher Dandys und deren skeptischer Beobachtung durch eine Erfahrungen sammelnde junge Frau wetterleuchtet dort der Hedonismus einer viel späteren, fast noch heutigen Zeit. Insgesamt war der Film ein Glücksversprechen. Für viele standen damals die Zeichen wieder auf Sprung ins Glück. Der Kritiker Uwe Nettelbeck war sich sicher: "Noch sieht dieser Film sich an wie ein Film von einem anderen Stern oder aus einer anderen, späteren Zeit, noch klingt das Glücksversprechen, das er gibt, phantastisch. Das müsste nicht so sein, und eines Tages wird es nicht mehr so sein." Hat er Recht behalten? Jedenfalls sind das prophetische Sätze, wie sie mit dieser Überzeugung und diesem Wagemut nur in der politisch überreizten, hellwachen Atmosphäre der Berlinale formuliert werden können.------------------------------Foto: Das Plakat der ersten Filmfestspiele in BerlinFoto: Warten auf die Stars - das machten die Berliner auch schon bei der ersten Berlinale 1951 vor dem Titaniapalast in Steglitz.