Wie die Handballerin Laura Steinbach sich von ihrem prominenten Vater emanzipiert: Tränen im Trainerzimmer

BERLIN. Laura Steinbach hatte Talent, sie spürte früh: "Mein Bruder und ich, wir können beide sehr, sehr gut schwimmen." In den Ferien fuhren sie zu ihren Großeltern, die waren Trainer. Sie übten, sie wurden besser, aber zu Hause, wenn die Schule wieder losging, konnten sie ihre Begabung nicht weiter pflegen. In dem Ort, in dem sie wohnten, gab es kein Hallenbad. So ist Laura Steinbach also keine Schwimmerin geworden. Sie fährt als Handballerin zu den Olympischen Spielen nach Peking, und sie ist froh, dass es so gekommen ist. Sie wird ohnehin oft an ihren Vater erinnert: Klaus Steinbach, erst Schwimmer, Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1972, Bronzemedaillengewinner bei den Spielen 1976, später Sportfunktionär, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von 2000 bis 2006, Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaften in Sydney und Athen.Es spricht für Laura Steinbachs Stärke, dass sie ihren eigenen Weg gefunden hat und nicht den Spuren gefolgt ist, die da schon waren. Einen Spruch hat sie immer wieder gehört: "Du bist doch die Tochter von dem Steinbach." Angefangen hat das, als sie ihre ersten Bundesligaspiele bestritt, bei TuS Metzingen, im Alter von 16 Jahren. Der Spruch hat sie genervt: "Ich habe dann immer gesagt: Ich bin doch eine eigene Person, ich habe das doch ganz alleine geschafft." Sie will sich nicht nachsagen lassen, dass ihre Karriere auf Beziehungen basiert. Sie sagt: "Mein Vater hat nichts damit zu tun. Er hat sich nie eingemischt. Er hat mich immer machen lassen."Aber er hat sie geprägt. Den Sportfunktionärsvater hat sie eher wenig wahrgenommen, die öffentliche Kritik an ihm, etwa nach der gescheiterten Leipziger Olympiabewerbung, hat sie kaum interessiert: "Ich war da noch jünger und habe gedacht: Was reden die denn da?" Den Schwimmervater hingegen betrachtet sie als Vorbild. Sie misst Erfolgen im Sport eine hohe Bedeutung bei. Sie erinnert sich: "Ich hatte immer meine Ziele, und die konnte mir auch keiner nehmen. Ich habe das, was ich wollte, meistens geschafft." Jetzt hat Bundestrainer Armin Emrich sie für die Spiele in Peking nominiert, als Ersatzfrau für die Weltklassespielerin Nadine Krause im linken Rückraum. Er hat Steinbach, 22, der erfahreneren Ania Rösler, 26, vorgezogen. Er glaubt, dass sie mit der Rolle als Joker, als Frau für gewisse Minuten, besser zurechtkommt als die aussortierte Konkurrentin. Emrich sagt: "Laura strahlt positive Energie aus. Sie ist ein kreativer Typ. Sie versucht, aus dem, was ihr an Spielanteilen zur Verfügung steht, immer das Beste zu machen."Steinbach weiß genau, was sie kann und was nicht. Sie zählt ansatzlos ihre Stärken auf: ihr Auge, ihre Übersicht, ihre Wurfgewalt aus der Distanz - und die Tatsache, dass sie ihr erstes großes Turnier spielt. "Ich habe den Vorteil, dass ich international noch nicht so bekannt bin", sagt Steinbach. "So hat keine gegnerische Torhüterin irgendwelche Wurfbilder von mir." Sie weiß aber auch, dass sie in der Abwehr aggressiver werden muss. Sie arbeitet daran. Renate Wolf staunt manchmal, wie Steinbach sich steigert. Seit einem Jahr trainiert sie die Spielerin bei Bayer Leverkusen. Wolf sagt: "Ihre Entwicklung in den letzten sechs Monaten war enorm, wenn man bedenkt, dass das Mädel mit einer Kreuzbandruptur nach Leverkusen kam." Steinbach ist so, wie die Trainerin sich eine Spielerin wünscht: "Sie hat sehr ihre eigenen Ziele im Blick, aber sie verliert nie das gesamte Team aus den Augen. Sie ist sehr reif, sehr intelligent."Kämpfe in der MittagspauseNatürlich weiß Steinbach, dass sie als Handballerin nicht reich werden wird. Sie sorgt vor. Sie studiert Lebensmitteltechnik an der Fachhochschule in Trier, sie ist fast fertig. Eigentlich hätte sie jetzt ihre letzten Klausuren schreiben müssen, mitten in der Vorbereitung auf Olympia. Sie darf sie im September nachholen, ohne einen Fehlversuch angerechnet zu bekommen. Sie hat dafür gekämpft. Eine Klausur hat sie zwischen Testspiele und Trainingslager gequetscht: "Ich habe mich bemüht zu zeigen, dass ich will." Gelernt hat sie in den Mittagspausen, und auch nach Peking schleppt sie ihre Unterlagen mit. "Ob ich sie raushole, ist eine andere Frage. Aber der gute Wille zählt."Noch weiß Steinbach nicht, was sie mit ihrem Studium einmal anfangen will: Qualitätskontrolle? Produktentwicklung? Diese Entscheidung hat Zeit. Ob sie sich am Ende als Sportfunktionärin versucht? "Ich würde niemals nie sagen", sagt sie. Ihre Mutter sitzt daheim in Bad Urach im Gemeinderat, für die Freien Wähler, als stellvertretende Bürgermeisterin. Das politische Engagement, sagt Laura Steinbach, "liegt bei uns so ein bisschen in der Familie". Aber über die Zukunft will sie jetzt gar nicht nachdenken. Sie hat genug damit zu tun, die Gegenwart zu bewältigen. Vorige Woche, als Bundestrainer Emrich sie auf sein Zimmer rief und ihr sagte, dass sie in Peking dabei ist, da konnte Steinbach sich nicht beherrschen: "Ich saß da, mir kamen die Tränen." Dass sie dieses Ziel erreichen würde, damit hatte sie nicht gerechnet.------------------------------Patient namens HensAlle spielen: In Bestbesetzung bestreiten die deutschen Handballerinnen ihre abschließenden Vorbereitungspartien für Olympia. Am Sonnabend und Sonntag spielen sie in Köln und Halle/Westfalen gegen Angola.Einer fehlt: Ohne Pascal Hens tritt das deutsche Männerteam zu den Testspielen an den gleichen Orten gegen Russland an. Der Rückraumspieler aus Hamburg kuriert weiter die Folgen einer Bauchmuskelzerrung aus.------------------------------Foto : "Ich habe das, was ich wollte, meistens geschafft": Laura Steinbach, 22.