Nele Haas wirkt mit ihren nach hinten gebundenen Haaren und den gemusterten Ballerinas alles andere als extremistisch. Die 27-jährige Lehramtsstudentin findet trotzdem: "Den Kapitalismus muss man abschaffen." Sie ist seit gut einem Jahr beim neuen Studierendenverband Die Linke.SDS aktiv. "Es gibt keine Solidarität mehr unter den Studenten, nur noch Konkurrenzdenken und Leistungsdruck", sagt sie. "Jeder denkt zuerst an seinen Vorteil. Das liegt am kapitalistischen System und muss sich ändern."Bereits mit 18 Jahren stand Nele Haas vor Schulen und machte Wahlkampf für die PDS. Im diesem Semester hilft sie mit, das nächste große Projekt des Verbands Die Linke.SDS zu organisieren, die "Kapital-Lesebewegung". "Eigenständiges Denken wird an den Unis immer weniger gefördert", bemängelt sie. "Kritische Wissenschaften werden kaum mehr gelehrt." Das will Die Linke.SDS ändern und bundesweit Karl-Marx-Lesekreise an den Unis ins Leben rufen.Bereits zu seiner Gründung hatte sich Die Linke.SDS auf Karl Marx bezogen: "Ein Gespenst geht um an den Hochschulen: das Gespenst eines neuen linken Hochschulverbands." Mit diesen pathetischen Worten gaben im Mai letzten Jahres 34 linke Hochschulgruppen ihren Zusammenschluss bekannt. Das Zitat, angelehnt an das Kommunistische Manifest, ist nicht das einzige historische Klischee, dessen sich der neue Verband bedient. Mit dem Kürzel SDS (Sozialistisch-demokratischer Studierendenverband) stellen sich die Gründer in die Nachfolge des historischen SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), der unter Rudi Dutschke die Ereignisse um 1968 mitgeprägt hat. Vom alten SDS will man lernen - und es natürlich besser machen.Das Selbstbewusstsein ist enorm. "Die letzte Schlacht gewinnen wir", hatte man wagemutig den vom SDS veranstalteten Kongress "40 Jahre 1968" in diesem Sommer untertitelt. "Das neue Gespenst an den Hochschulen" soll nun zu Ende bringen, was die 68er nicht erreicht haben. Und das ist nichts Geringeres als "die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung".Mit solchen Schlagwörtern hat Die Linke.SDS in der studentischen Hochschulpolitik in erstaunlichem Tempo an Boden gewonnen. 60 Hochschulgruppen gehören dem Verband knapp eineinhalb Jahre nach seiner Gründung an. An vielen Universitäten sitzt Die Linke.SDS bereits mit zweistelligen Prozentanteilen in den Studierendenparlamenten, ist in mehreren ASten vertreten und damit an der studentischen "Regierung" beteiligt. Neben Zielen wie dem "Kampf gegen die neoliberale Umstrukturierung der Universitäten" bringt der neue Verband auch konkrete Forderungen ein: bundesweite Abschaffung der Studiengebühren, "sozialere" Zugänge zu den Universitäten, Teilzeitstudium oder Zulassung zum Masterstudium für alle.Dass der historische SDS, den seine "Nachfolger" zumeist nur als verklärten Mythos kennen, sich bereits Anfang der Sechzigerjahre von seiner Mutterpartei SPD losgesagt hatte und der APO (Außerparlamentarische Opposition) angehörte, übergeht man im neuen SDS gerne. Dieser gehört faktisch der Partei Die Linke an. Jedes studierende Parteimitglied erhält automatisch die Mitgliedschaft im Hochschulverband. Und finanziell genießt Die Linke.SDS großzügige Unterstützung von Seiten der Partei."Es ist ein offenes Geheimnis, dass der neue SDS von der Mutterpartei ziemlich verhätschelt wird", sagt Mike Josef, Bundesvorstandsmitglied der SPD-nahen Juso-Hochschulgruppen. "Natürlich benutzt die Linkspartei den SDS auch, um massiv Wahlkampf an den Unis zu betreiben." Die Linkspartei kann unter den 18- bis 34-Jährigen bisher vergleichsweise wenige Wählerstimmen für sich verbuchen. Die Universitäten sind ein geeigneter Ort, um neue Wähler zu werben. Zudem könnte der SDS für Die Linke als Vorhut gen Westen fungieren.Sollte der Hochschulverband also nichts weiter als eine Wahlwerbemaschinerie sein? Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), verneint diese Frage. Er sieht eine neue Tendenz. "Der SDS ist ein Beleg dafür, dass die Studierenden lange nicht so unpolitisch sind, wie ihnen unterstellt wird", sagt er. Es gebe eine Trendwende in der Bundesrepublik hin zu mehr studentischem Engagement und Protesten. Die Ereignisse in Hessen seien das beste Beispiel dafür. Dort hatte es nach der Einführung der Studiengebühren große Demos und Streiks der Studierenden gegeben. Mit 70 000 Unterschriften und einer Verfassungsklage konnten die Studiengebühren ein Jahr nach ihrer Einführung gekippt werden.Frieder Otto Wolf, Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin, erkennt in Die Linke.SDS einen Beitrag zu einer Richtungsänderung in der bundesdeutschen Gesellschaftsentwicklung. "Die Menschen fangen an, wieder grundsätzliche Gesellschaftskritik zu üben", sagt er. "Das herrschende Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, wird nicht mehr als alternativlos hingenommen, sondern neu in Frage gestellt." Am neuen SDS sei beachtlich, dass er der erste Verband sei, der seit 1968 eine breite und zugleich zentral organisierte linke Studierendenbewegung auf die Beine gestellt habe.Tatsächlich sammelt sich unter dem Namen Die Linke.SDS viel, was vormals als linke Gruppierung verstreut und wenig organisiert in der deutschen Hochschullandschaft umherirrte. Viele der SDS-Mitglieder rekrutieren sich aus ehemals freien linken Hochschulgruppen. Zwar waren diese im "Bündnis linker und radikaldemokratischer Hochschulgruppen" (LiRa), das sich Ende der 90er-Jahre gebildet hatte, lose organisiert, doch war das LiRa in den vergangenen Jahren zunehmend zerfallen. Auch Aktivisten aus als linksextremistisch eingestuften Organisationen wie Linksruck und marx21 gliedern sich in den neuen SDS ein - ein Grund dafür, dass der Hochschulverband in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird.Andreas Keller von der GEW findet es erfreulich, dass es überhaupt Studierende gibt, die sich politisch engagieren. "Studiengebühren, prekarisierte Arbeitsverhältnisse und jetzt auch noch die Probleme der Bologna-Reformen, es gäbe wirklich genug Themen für Proteste", sagt er. "Da freu ich mich über jeden kritischen Studenten."An der Universität Potsdam hat Die Linke.SDS bei den letzten Wahlen 8,1 Prozent der Stimmen erhalten. In diesem Semester wird er dort im AStA vertreten sein. "Ein Erfolg", findet die SDS-Aktivistin Nele Haas. Gewählt wurde der SDS allerdings von nur 404 der über 18 000 Wahlberechtigten. Die Wahlbeteiligung lag gerade mal bei 9,9 Prozent.------------------------------Foto: Rudi Dutschke spricht 1968 während einer Protestaktion in Berlin zu Studenten. Vierzig Jahre danach berufen sich Zwanzigjährige auf die Revolte von einst und wollen wieder einmal die Welt verändern.