Unser ist das Recht", schrieb der Völkische Beobachter nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. August 1939. Es sei einer der elementarsten Grundsätze der Politik, gute Beziehungen zu Staaten und Völkern zu unterhalten, "von denen man durch keine natürlichen Gegensätze getrennt wird," erkannte Theodor Seibert in einem Leitartikel für das Parteiorgan der NSDAP. Jeder einzelne Punkt des Abkommens diene "der Vermeidung des Konflikts und der Stärkung der friedlichen Beziehungen beider Länder", war am selben Tag auf der Titelseite der Prawda zu lesen.Zuvor hatten das Deutschland und die Sowjetunion ihre gut gerüsteten Propagandisten vornehmlich gegeneinander aufgeboten. Dass dieselben Einpeitscher nun die Stirn hatten, beide als natürliche Partner einer Übereinkunft darzustellen, die, vorgeblich gegen niemanden gerichtet, dem Erhalt des Friedens dienen sollte, erschütterte Europa. Der Nachhall dieses Bebens ist indes in jenen Ländern Mittel- und Osteuropas, die von dem Pakt unmittelbar betroffen waren, deutlich spürbarer als in Westeuropa. Für Polen, Finnland, Rumänien und die baltischen Staaten markiert der Hitler-Stalin-Pakt den Beginn von Terror, Vertreibung und Völkermord. In ihrer Erinnerung war und bleibt das Unrecht, das ihnen widerfuhr, die Folge eines deutsch-sowjetischen Willkürakts.In Westeuropa dagegen wird die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt überlagert vom Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Immerhin sieht sich die deutsche Außenpolitik in einer besonderen Verantwortung. Zum 70. Jahrestag des Paktes sucht der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach einer gesamteuropäischen Ostpolitik: "Sind wir nicht so weit," fragte Steinmeier in einer Rede am 4. März 2009, "dass Historiker aus Russland, Polen, Deutschland und dem Baltikum eine gemeinsame kritische wie selbstkritische Anstrengung unternehmen, die unterschiedlichen nationalen Sichtweisen abzugleichen, mit denen wir immer noch auf die gemeinsame Vergangenheit blicken?"Offenbar nur unter Mühen. Zwar stimmte die russische Regierung dem deutschen Vorschlag einer russisch-deutsch-polnischen Konferenz zu, die sich im Mai in Warschau dem Thema widmete. Auch die Balten nahmen daran teil. Doch im selben Monat setzte der russische Präsident eine "Kommission zur Verhinderung von Bestrebungen zur Verfälschung der Geschichte zum Nachteil der Interessen der russischen Föderation" ein. Ihr gehören neben Vertretern des Inlandsgeheimdienstes FSB, des Auslandsnachrichtendienstes, des Sicherheitsrats und des Außen- und Justizministeriums auch der Generalstabschef der Armee an. Die Historiker in dem 28-köpfigen Gremium könne man "an einer Hand abzählen", so die russische Menschenrechtsgesellschaft Memorial bitter."Erinnerung verteidigen"Zudem "regelt" künftig ein Gesetz, dass auch Ausländer in Russland vor Gericht gestellt werden können, die "den Anteil der Sowjetunion am Sieg über Hitlerdeutschland schmälern". "Russland ist ein mächtiges, ein reiches und großes Land. Um der eigenen Selbstachtung willen ist es notwendig, unsere eigene Erinnerung der Geschichte zu verteidigen," erklärte dazu der russische Minister für Katastrophenschutz, Sergej Schoigu.Gegen wen?, fragt Memorial in einer Erklärung: Geschichtsfälschungen fügten - unabhängig davon, welche nationale Geschichte sie betreffen und gegen wen sie sich richten - der gesamten Menschheit Schaden zu. Der Versuch, eine besondere Kategorie von Fälschungen zu identifizieren, die ausschließlich den Interessen Russlands schade, erscheint den Unterzeichnern der Erklärung "bizarr". Tatsächlich gebe es Versuche, die sowjetische Geschichte zu verfälschen, allerdings vornehmlich solche, die ein makelloses Selbstbild zum Ziel hätten. Hochrangige Politiker Russlands relativierten den Staatsterror der Stalin-Zeit oder versuchten, ihn zu rechtfertigen.Rechtfertigung war auch das Instrument, das die sowjetische Geschichtsschreibung im Umgang mit dem Hitler-Stalin-Pakt bevorzugte. So wurde etwa die Existenz eines geheimen Zusatzprotokolls über die Aufteilung von Einflusssphären wurde als verleumderische Erfindung des Westens geleugnet.Entsprechend schwer fiel die historische Bewertung des Hitler-Stalin-Paktes den sowjetischen wie den russischen Staatsführern in der Nachfolge Stalins. Eine kurze Interimsperiode historischer Aufklärung erfolgte unter Gorbatschow. In der Zeit der Perestroika bildete der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR 1989 eine Sonderkommission zur politischen und juristischen Bewertung des Nichtangriffspaktes. Der Kongress verurteilte in der Folge den Pakt und das geheime Zusatzprotokoll als rechtswidrig. Das Original des Protokolls allerdings blieb unauffindbar. Es tauchte erst 1992 auf, erschien als Faksimile-Abdruck 1993 und verschwand anschließend wieder. Heute befindet es sich - vor unbefugten Einblicken geschützt - im Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation.Als die baltischen Staaten 2005 von Russland einen allgemeinen Ausdruck des Bedauerns über den Abschluss des Vertrages verlangten, reagierte der damalige russische Präsident Putin verärgert: "Sollen wir das jedes Jahr wieder verurteilen? Wir betrachten dieses Thema als abgeschlossen und werden nicht mehr darauf zurückkommen." An anderer Stelle erklärte Putin: "Die Sowjetunion musste ihre Interessen und ihre Sicherheit an den Westgrenzen garantieren. Darum hat sie diesen Molotow-Ribbentrop-Pakt mit Deutschland unterzeichnet."Der jetzige Außenminister Russland Sergej Lawrow sieht eine Mitverantwortung des Westens am Zustandekommen des Paktes: "Hätte es kein Münchner Abkommen gegeben, hätte es auch keinen Molotow-Ribbentrop-Pakt gegeben." Und der Parteivorsitzende der Kommunistischen Partei Russland, Gennadij Sjuganow bezeichnet den Pakt als "geniale, wenn auch schwierige" diplomatische Entscheidung.------------------------------Foto: Nach der Unterzeichnung des "Nicht-Angriffs-Pakts": Stalin-Karikatur aus der französischen Zeitschrift "Marianne", Ausgabe vom 13. September 1939.