Wie die Stasi Frank Castorfs Inszenierungen rezensierte und frühe Theaterarbeit dokumentierte: Othello und die Selbstschußanlage

Die Stasi war gelegentlich nicht recht bei Troste. Sie schrieb Casdorf, Castroff, Castorff und Castrow. Sie suchte den jungen Regisseur in Berlin in der Varn-Kagenstraße, wo sie ihn in der Varnhagenstaße hätte finden können. Sie kontrollierte sämtliche Post der Eltern, weil sie nicht begriff, daß der gesuchte Bube Frank polizeilich bei der Oma, ein Stockwerk höher, gemeldet war. Sie schrieb manchmal von "Prämieren" und "estetischen" Kategorien. Wenn man so will, hatte sie heitere Seiten. Konspirative Kritiker Die Stasi war des jungen Castorfs erster Theaterkritiker. Die Zeitungen haben damals geschwiegen. Wir sind in der Mitte der achtziger Jahre. Auszug aus einer Rezension der "Othello"-Inszenierung am Theater Anklam, 1983, geschrieben von Quelle "Zumpe", enthalten in Castorfs Stasi-Akte. Zitat: "Szenen zwischen Othello und Desdemona wurden fast nur auf Englisch gemurmelt. Ansonsten verzichtete man gänzlich auf Shakespeares Text. In der Eifersuchtsszene bellt Othello Desdemona an. Gezeigt wurden musikalische Einlagen, tänzerische Pantomime, vermittelt wurde ein zerstörtes Menschenbild, das Shakespeare-Stück seines humanistischen Inhalts, die Figuren ihrer sozialen Bezüge beraubt, die theatralische Form zerstört."Der konspirative Rezensent fragt besorgt: "Wie beenden hier die Hauptfiguren, die übrigens nur identifizierbar waren, weil sie oft mit ihren Rollennamen angesprochen wurden, ihr Leben? Rodrigo öffnet den Kühlschrank, um sich eine Flasche Bier herauszunehmen. Der Schrank war inzwischen mit einer Selbstschußanlage versehen worden. Eine Explosion ist Rodrigos Todesursache. Othello steckt Desdemona mit dem Kopf in einen Wassereimer und ersäuft sie. Othello stopft sich eine Handvoll Tabletten in den Mund und bricht tot zusammen."Ein Dokument der frühen Jahre, durch das wir erfahren können, daß sich der "C:", wie die Aktenautoren gern abkürzen, bis heute künstlerisch treu geblieben. Der Anklamer geheime Rezensent begriff, was jetzige Feuilletons auch schreiben: Der Castorf ist verrückt. Welche Schlußfolgerung aber zog der Theaterspion damals aus seiner Beobachtung? Absurdes Theater Er sprach das Verdikt: "Aus modischen oder politschen Gründen hat man sich der Idee des absurden Theaters bedient". "Man" war Castorf. Absurdes Theater galt als westlich dekadent und sozusagen "strafbar". Die Dunkelmänner des realen Sozialismus bevorzugten in der Kunst das Lichte, Eindeutige. Es wurden "staatliche Maßnahmen ergriffen", das Stasi-Unternehmen "Othello" gestartet, die Operative Personenkontrolle (OPK) eingeleitet. Aktendeckel: "Castorf, Frank, Betriebs-Verkehrseisenbahner/Diplom-Theaterwissenschaftler." Das Ziel: "vorbeugende Verhinderung der Inszenierung weiterer Stücke, die nicht im Einklang mit unserer sozialistischen Kulturpolitik stehen". Kurzeinschätzung der Person: "Keine anormalen Charaktereigenschaften. Keine auffälligen Verhaltensmerkmale. Besondere Kennzeichen: starker Kehlkopf. Genannter bezieht keine klare politische Haltung. Die durch ihn am Theater Anklam inszenierten Stücke tragen Züge westlicher Einflüsse. Er verfolgt das Ziel, als bedeutender Regisseur unserer Republik in die BRD zu gelangen."Ein weiterer IM-Theaterkritiker, der namenlos mit " ... " zeichnet, meldete der vorpommerschen Kreisdienststelle Anklam betreffs "Othello"-Inszenierung: (Originalorthographie) "Es bestand eine verrückte Kostümierung, z. B. In Igelytkleidung und eigenartige Auffassung, z. B. daß Othello mit Jago ein schwules Verhältnis haben könne und genauso waren also lesbische Szenen und sehr eigenartig, schockierde Handlungen auf der Bühne, die nicht nur die Fleischeslust, sondern eigentlich für jede Geschmäcker Perversitäten offen ließen."Ein dritter Stasi-Rezensent, der Experten-IM "Wolke", der philosophische Kopf unter Castorfs geheimdienstlichen frühen Kritikern, findet die Verallgemeinerung: "Mir scheint, hier in Anklam hat sich das alternative Theater bereits etabliert. Hier macht man, was man in der Hauptstadt nicht wagen würde, testen, wieweit die staatlichen Organe belastbar sind, ehe sie gegen so etwas einschreiten. Man sucht offensichtlich die Konfrontation. Bis hierher ist eine Stufe erreicht worden, die das Theater für die sozialistische Gesellschaft untauglich macht, indem es nur materielle und geistige Mittel verbraucht, ohne der Gesellschaft zu nützen. Es steht aber nicht mehr auf dem Boden der Weltanschauung der Arbeiterklasse. Es ist nicht einmal bürgerlicher Realismus. Es wird gegen Shakespeare und vor allem gegen die Zuschauer gespielt."IM Dario Fo schreibt keine Rezension, sondern eine Probenreportage: "Wenn Castorf Regie führt, dann besteht unter den Schauspielern eine hohe Disziplin. Keiner traut sich, etwas gegen seine Entscheidungen zu sagen. Auch die Schauspieler, die keine Rolle in seinen Stücken erhalten haben, verfolgen interessiert die Proben. Andere, die aufgetreten waren, kehren sofort in den Zuschauersaal zurück, um die Proben von dieser Seite aus weiter verfolgen zu können. Man kann sagen, daß die Schauspieler ihm richtiggehend hörig sind. Feststellen kann man dabei auch, daß C. sehr viel mit den Schauspielern arbeitet, auch Disziplin verlangt, es kein Zuspätkommen, aber auch keinen Alkoholgenuß während der Proben gibt." Die Inszenierung "Othello" wurde verboten. Vorsicht: Brecht Als Brecht-Experte erweist sich die Quelle "Zumpe": Sie vermeldet: Das Stück "Trommeln in der Nacht", in dem von der Novemberrevolution die Rede sei, habe "geschichtlich seine Berechtigung gehabt". Castorf werde es "für politisch zweifelhafte Aussagen mißbrauchen", warnte er die Abteilung XX der "Inneren Mission" der DDR: "Aus Kenntnis der Aufführungen des Castorf ist es denkbar, daß er diese Handlung in die Gegenwart verlegt. Das kann hintergründig beispielsweise durch das Bühnenbild erfolgen. So ist eine Grundaussage möglich, die dahingeht, daß ein Arbeiter der heutigen Zeit sich von Kämpfen für den Frieden oder z. B. vom Kampf um eine höhere Arbeitsproduktivität zurückziehen sollte, um sich vorrangig seinen eigenen familiären Problemen zuzuwenden. Es wird sich ein Bild der Resignation ergeben."Der Stasi-Zuträger "Zumpe" führt auch einen Beweis an, nämlich, daß Castorf "ein Ehepaar mit einem jungen Schauspieler und einer alten Schauspielerin besetzt, um so schon vom Ansatz her Spannung herzustellen. Ich halte ihn für einen geschickten Manipulator, der ein Weltbild darstellen will, das dem Materialismus hohnspricht. Ein Theatermann, der auf das Publikum pfeift, hat auf dem Theater der DDR nichts zu suchen." Keine Diskussion Der im Geiste noch schlichtere Genosse Hansen, Oberleutnant zu Anklam, resigniert: "Es hat auch keinen Sinn, über den künstlerischen Gehalt mit dem C. zu sprechen bzw. zu diskutieren, da er dazu viel zu intelligent ist, um sich fassen zu lassen." IM Dario Fo bringt alles auf den Punkt: "Auf der Bühne stehen richtig zerstörte Leute, zerstörte Menschen, die sich aufgegeben haben, völlig entnervte Menschen. Castorf ist mit seinen Gedanken manchmal schon so weit voraus, daß er gar nicht mehr beachtet, was er eigentlich meint." +++