Nur noch wenige Monate trennen uns von jenem Augenblick, an dem ein neues Jahrtausend eingeläutet wird. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in irgendeiner Weise an das bevorstehende Ende des Milleniums erinnert wird. Dies alles geschieht viel zu früh, meinen die Mathematiker, weil rein rechnerisch das neue Jahrtausend erst am 1. Januar 2001 beginnt. Dem Milleniumfieber tut dies keinen Abbruch, irgendetwas in unserem Inneren sperrt sich gegen das unhandliche Datum 2001. Nun, was sind schon ein paar Monate im Fluss von 2 000 Jahren? Geht man dem Datierungsproblem einmal auf den Grund, dann stellt man fest, dass wir die Jahrtausendwende gar nicht zu früh begehen, sondern viel zu spät. Jesus wurde nämlich lange vor dem Jahre 1 unserer Zeitrechnung geboren. Wer wissen will, wie es zur Festlegung dieses ominösen Jahres 1 nach Christus kommen konnte, der muss sich mit Dionysius Exiguus beschäftigen.Der Mönch Dionysius lebte in einer Zeit radikaler Veränderungen, im Westen Europas war die Macht des Römischen Weltreiches gerade zusammengebrochen. Statt römischer Ordnung herrschte hier das von den germanischen Heerführern ausgelöste Chaos der Völkerwanderung. Italien, Kernstück des untergegangenen Imperiums, wurde in jenem unruhigen 5. Jahrhundert vom legendären Ostgotenkönig Theoderich beherrscht, der seine Residenz in Ravenna aufgeschlagen und Rom damit an den Rand des politischen Geschehens gedrängt hatte. Einzig die Anwesenheit des Papstes erinnerte noch an die Größe vergangener Jahrhunderte. "Weltpolitik" wurde nicht mehr in Rom gemacht, sondern im Osten Europas, in Konstantinopel. Dort hatte das römische Kaisertum seine letzte Zufluchtsstätte gefunden. Niemanden berührte diese Gewichtsverlagerung mehr als den Papst, der sich durch den Rückzug seines kaiserlichen Schutzherrn nach Konstantinopel und den Vormarsch der germanischen Heere plötzlich in einer Welt von Heiden und "falschen" Christen allein gelassen sah. Zwar gab es auch nach dem Umbruch im Westen Europas noch immer rechtgläubige Christen, aber die überwältigende Mehrheit von ihnen lebte im Osten, an den dicht besiedelten Küsten Nordafrikas, Palästinas und Kleinasiens. Verzweifelt versuchte der Papst, den Kontakt zu den dort befindlichen Christengemeinden aufrechtzuerhalten und ihnen gegenüber seinen Anspruch als oberster Hüter der Glaubenslehre durchzusetzen. Doch die Patriarchen von Alexandria, Antiochia und Konstantinopel ließen sich nicht bevormunden. Zu allem Überfluss geriet der Papst mit seinen Brüdern im Osten ausgerechnet jetzt in Streit über die Frage, ob Jesus zugleich Mensch und Gott sein könne. Da sich Acacius, der Patriarch von Konstantinopel, außer Stande sah, der vom Papst vertretenen Zweinaturenlehre rückhaltlos zuzustimmen, kam es zum Bruch zwischen Ost und West. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte wurde die Christenheit durch ein Schisma gespalten. Die beiden auseinander gebrochenen Teile wieder zusammenzufügen war von nun an das oberste Ziel der päpstlichen Bemühungen. So lagen die Dinge, als Dionysius im Jahre 496 seinen Fuß auf das Pflaster der Stadt Rom setzte, um einen wichtigen Auftrag zu erledigen. Der vom Westufer des Schwarzen Meeres stammende Mönch Dionysius war ein Kind des griechischen Ostens. Aufgewachsen unter den Fittichen eines Bischofs namens Petrus, hatte er eine umfassende klassisch-hellenistische Bildung und seinen Beinamen erhalten: Exiguus, was so viel heißt wie der Geringe, der Demütige. Rasch war es dem begabten jungen Mann gelungen, sich in seiner Heimat einen Namen als Übersetzer griechischer Texte ins Lateinische zu machen und damit auf seine Art eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen. Dionysius war also kein Unbekannter mehr, als ihn jenes schicksalhafte Angebot erreichte, das ihn zur Erfüllung seiner "historischen Mission" nach Rom führte. Der Papst höchstpersönlich hatte den sprachgewandten Mönch zu sich gerufen, um ihn an einem Projekt von größter Tragweite zu beteiligen: Dionysius sollte die in griechischer Sprache abgefassten Quellen des Kirchenrechts ins Lateinische übersetzen, sie ordnen und in ein praktikables Instrument der Tagespolitik verwandeln. Was der Papst mit dieser Pionierarbeit beabsichtigte, war klar: Er wollte das Monopol über das Kirchenrecht erlangen, um es als Waffe zur Durchsetzung seines Führungsanspruchs nutzen zu können. Beharrlich fügte Dionysius in den folgenden Jahren die Konzilsbeschlüsse und Papsterlässe zu einem geschlossenen Rechtscorpus zusammen, auf den der Papst fortan bei jedem Glaubensstreit zurückgreifen konnte. Unter Mithilfe seines im Hintergrund agierenden Schriftgelehrten gelang es dem Papst schließlich, sich im März 519 mit den Kirchenführern des Ostens auszusöhnen und damit die Kirchenspaltung zu überwinden. Trotz dieses Erfolges war die Christenheit damals von einer fest gefügten Kirchenordnung unter Führung des Papstes noch weit entfernt. Das zeigte sich deutlich bei der alljährlichen Festlegung des Ostertermins. Immer wieder kam es vor, dass die Christen der einen Diözese bereits die Auferstehung des Herrn mit einem Festgelage feierten, während die Brüder und Schwestern andernorts gerade mit dem Fasten begannen.Als sich der Papst mit dem Ostertermin für das Jahr 526 beschäftigte, bemerkte er mit Entsetzen, dass die Berechnungen der Gelehrten um mehrere Tage differierten. Nur sieben Jahre nach der großen Aussöhnung mit seinen Amtsbrüdern im Osten wollte er nicht schon wieder einen Streit riskieren. Da erinnerte sich der Papst an den in Ehren ergrauten Übersetzer der kirchlichen Rechtsquellen. Er kannte das Kirchenrecht besser als jeder andere. Als profundem Kenner der griechischen Literatur waren Dionysius die Osterberechnungen des Kyrill von Alexandria bestens vertraut. Nach dessen Vorbild verfasste er in monatelanger Kleinarbeit eine so genannte Ostertafel, auf der die Ostertermine gleich für die nächsten 95 Jahre im Voraus bestimmt wurden. Mit dieser Fleißarbeit allein war freilich nicht viel gewonnen, denn noch war völlig unklar, wie dieser zukunftsweisende Vorschlag den Kirchenführern gegenüber durchgesetzt werden konnte. Um sein Ziel zu erreichen, griff der Mönch nun zu einer äußerst wirkungsvollen Notlüge. Die Osterberechnung nach Kyrill, so argumentierte er wider besseren Wissens, gehe auf einen Beschluss des Konzils von Nicäa zurück, das den rechten Weg durch eine Erleuchtung des Heiligen Geistes gefunden habe. Dieses Argument wirkte unwiderstehlich, denn das legendäre Konzil von Nicäa aus dem Jahre 325 stellte eine Autorität dar, der sich niemand zu widersetzen wagte. Die Aussage des ehrenwerten Dionysius wurde nicht weiter hinterfragt, und so führte diese Notlüge das Ende des Osterstreits herbei.Allein die Überwindung der ständigen Querelen um das Osterfest war schon eine geschichtsmächtige Leistung, doch damit hatte Dionysius seinen Beitrag zur Historie längst nicht vollendet. In seinem Kopf schwirrte noch ein Gedanke herum, der unbedingt nach Entäußerung drängte. Ausgelöst wurde die geistige Unruhe des Mönchs durch ein kleines, aber nicht unerhebliches Detail in Kyrills Berechnungstabellen: Den damaligen Gepflogenheiten entsprechend, hatte Kyrill nämlich die Jahre nach dem Regierungsantritt des römischen Kaisers und berüchtigten Christenverfolgers Diokletian datiert. Für einen Christenmenschen, meinte Dionysius, gezieme es sich nicht, die Jahre nach diesem "gottlosen Kaiser" zu zählen. Viel nahe liegender sei es doch, die Jahreszählung mit der Geburt Christi zu beginnen. Ungeklärt blieb allerdings noch die Frage, mit welchem Jahr die Neue Christliche Ära beginnen sollte. Auch darauf wusste der findige Dionysius eine Antwort. Zur Festlegung der gesuchten Jahreszahl studierte er die Berichte der vier Evangelisten, während er vorhandene Geschichtsquellen aus der Antike für heidnisches Machwerk hielt und sie folgerichtig ignorierte. Damit war Dionysius auf reine Spekulation angewiesen, weil sich die Evangelisten bekanntlich über Jahr und Tag der Geburt Christi ausschweigen. Auf Grund der spärlichen Bibelangaben konstruierte er ein höchst fragwürdiges Denkmodell. Dionysius ging dabei von der damals in Theologenkreisen allgemein gültigen Ansicht aus, dass Jesus an einem 25. März auferstanden sei. Er suchte nun nach einem passenden Ostertermin in der Vergangenheit und stieß auf den 25. März des Jahres 784 römischer Zeit. An diesem Tag, so glaubte Dionysius, musste Jesus auferstanden sein. Da die Bibel auf ein Alter des Gekreuzigten von 30 Jahren schließen lässt, gelangte Dionysius zum Jahr 754 als Geburtsdatum des Herrn. Der Rest war Formsache: aus dem Jahr 754 römischer Zeit machte er das Jahr 1 christlicher Zeit und benannte die Jahre seiner Ostertafel kurzerhand nach der "Menschwerdung des Herrn". Fortan besaß die Christenheit ihre eigene Zeitrechnung. Doch die Sache mit der Festlegung des Jahres 1 hat einen Haken, womit wir wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen angelangt wären. Zieht man nämlich alle verfügbaren Quellen heran, insbesondere die astronomischen Daten im Zusammenhang mit dem "Stern von Bethlehem", dann kann die Geburt des Jesuskindes nur in der Zeit zwischen 7 und 4 vor Christus stattgefunden haben. Die Jahrtausendwende ist also, genau genommen, schon längst vorbei.Für einen Christenmenschen, meinte Dionysius, gezieme es sich nicht, die Jahre nach diesem "gottlosen Kaiser" zu zählen.