Wie ein Bahnabgesandter nach der Wende auf Kuba wertvolle Reichsbahncontainer aufspürte: Mit Rum und Raúl

PEKING. Gestern Singapur, heute Peking, morgen Sankt Petersburg. Manfred Michel ist viel in der Welt unterwegs. Der Chef der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene-Straße, einer Tochter der Deutschen Bahn, ist Spezialist für kombinierten Verkehr. Überall, wo neue Terminals auf der Welt entstehen, auf denen Container von Schiff oder Bahn auf den Lkw umgeladen werden, ist Michels Rat gefragt. Derzeit vertritt der Container-Spezialist die Bahn in dem internationalen Joint Venture China United International Rail Containers. Das Unternehmen, an dem die Deutsche Bahn mit acht Prozent beteiligt ist, baut im Reich der Mitte ein landesweites Netz für den kombinierten Verkehr auf. "Für uns ist das eine große Chance, an dem rasant wachsenden Güterverkehr in China teilzuhaben", sagt Michel. Allein in diesem Jahr sollen in China 30 Milliarden Euro in den Bau von 7 800 Kilometer neuen Bahnstrecken investiert werden. Die neuen Umschlagterminals sollen entlang dieser Strecken entstehen."Ich bin praktisch über Nacht vom Vorstand hierher abkommandiert worden", sagt Michel. Er sei seit vielen Jahren eine Art "Feuerwehrmann" für den Bahnvorstand, wann immer es um Containertransporte geht. Seine Feuertaufe erfuhr Michel vor 19 Jahren, unmittelbar nach der Wende. Damals arbeitete er bei der Bahntochter Transfracht und war zuständig für das gesamte Containerequipment. Als im ersten Halbjahr 1990 beschlossen wurde, Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn zu fusionieren, erhielt Michel den Auftrag, die Containersparte der Reichsbahn auf Marktwirtschaft zu trimmen.185 000 verschollene StahlkistenEs war ein Abenteuer, das Michel nie vergessen wird. "Als erstes mussten wir alle Container registrieren und in die Unternehmensbilanz einstellen", berichtet Michel. Doch wie macht man das, wenn kaum Container im Lande, sondern die meisten in ganz Osteuropa verstreut sind? "Die Reichsbahn hatte damals rund zigtausende Container", sagt Michel. Das sei ein Vielfaches im Vergleich zum Bundesbahnbestand gewesen, denn in der DDR war die Reichsbahn der größte Gütertransporteur. "Die Container waren technisch von super Qualität und beste deutsche Stahlarbeit." Das wussten auch die befreundeten Länder der DDR zu schätzen. "Sie behielten die guten DDR-Container zumeist im eigenen Lande, und schickten ihre Transporte in alten Stahlkisten zurück." Zum Glück war jede Containerbewegung in einem dicken Reichsbahnbuch registriert.So erfuhr Michel, wo die Container verblieben sind: An der Erdgastrasse in Russland, in Vietnam, in Osteuropa und auf Kuba. Immerhin gelang es Michel, in Russland und den DDR-Nachbarstaaten im Osten rund 15 000 Container zurück zu holen. Eine dieser 20-Fuß-Stahlkisten hatte damals einen Wert von rund 10 000 D-Mark. "Das ist alles,was Sie gefunden haben?" wurde Michel vom Vorgesetzten gefragt. "15 000, mehr nicht?"Insgesamt hatten die Transfracht-Finanzexperten einen Buchwert der DDR-Container in Höhe eines dreistelligen Millionen-D-Mark-Betrags errechnet. Also musste suchte Michel weitersuchen. Er stieg in eine Interflug-Maschine und flog nach Kuba, wo sich die mit Abstand meisten Container befinden sollten. Er traute seinen Augen nicht. Überall tauchten die DDR-Container auf, sie waren leicht zu erkennen: DRXU stand in großen Buchstaben auf den teuren Kisten. Viele von ihnen wurden von den einfallsreichen Kubanern umgewidmet. Sie dienten als Hühnerstall, Legebatterie, Garage, Lebensmittellager und wurden selbst zu Wohnungen umgebaut. "Da war kein Rankommen mehr", sagt Michel. Und die Container, die er in den Häfen aufspürte, wurden wiederum weder von der kubanischen Seerederei noch von der Hafengesellschaft herausgerückt.Es gab viele Gespräche, es floss viel Rum und es wurden viele Zigarren geraucht, ehe Michel mit den Kubanern ins Geschäft kam. "Wir wollten zumindest einen finanziellen Ausgleich aushandeln." Selbst beim heutigen Staatschef Raúl Castro, der damals Verteidigungsminister war, habe er vorgesprochen. Man habe sich schließlich auf einen Ausgleich geeinigt, den die Kubaner in Raten abzahlten. "Die erste Rate habe ich mit dem Koffer nach Deutschland geschafft", erzählt Michel. Später wurde das Geld von den Kubanern überwiesen. Immerhin eine zweistellige Millionensumme sei so zusammengekommen.------------------------------Güterwaggons gut gefülltRekord: Der Gütertransport mit der Eisenbahn ist im Jahr 2007 auf einen Höchststand gestiegen. Die Transportleistung lag laut Statistischem Bundesamt bei knapp 115 Milliarden Tonnenkilometern. Dieser Wert, der sich aus der Zahl der beförderten Güter und der Versandweite ergibt, stieg um rund sieben Prozent und lag so hoch wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die Bahn kann für den Güterverkehr auf ihr rund 34 000 Kilometer langes Schienennetz zurückgreifen.Boom in Fernost: Im Vergleich zu den Zahlen aus China hat das deutsche Wachstum jedoch Schneckentempo. Denn in China sollen allein in diesem Jahr 30 Milliarden Euro in neue Bahnstrecken investiert werden, das Schienennetz soll damit um 7 800 Kilometer wachsen. Die Deutsche Bahn profitiert allerdings auch dort, denn sie hält acht Prozent an einem internationalen Firmenzusammenschluss, der im Rahmen dieses rasanten Wachstums Großaufträge erhalten hat.------------------------------Foto: In der DDR selten, im Ausland heiß begehrt: Reichsbahn-Container auf dem Rangierbahnhof Dresden 1977.