LEIPZIG, 22. Januar. In der Welt, in der Gert Uwe Postel lebt, ist er mächtig. Es ist eine Welt mit hierarchischen Strukturen. Eine Gesellschaft, in der akademische Titel ein Gradmesser für Anerkennung und Erfolg sind. In dieser Welt zählt es viel, wenn der Vater Theologieprofessor oder Medizinalrat ist, wenn der Onkel eine Arztpraxis hat, wenn man selbst kenntnisreich über italienische Opern und Schopenhauer parlieren kann und weiß, wann es geboten ist, einen Frack zu tragen. Ganz freiwillig lebt Gert Uwe Postel aber nicht in dieser Welt, die nur aus Schein besteht. Die respekteinflößenden Berufsbezeichnungen, sie sind allesamt erfunden, das Wissen nur Blendwerk. Der 40jährige Gert Uwe Postel leidet an einer "Persönlichkeitsstörung mit narzißtischen Zügen", das hat die psychologische Sachverständige Sabine Nowara festgestellt. Und weil ihm die Diskrepanz zu schaffen macht zwischen seinem eigenen Ich, dem eines Briefträgers, eines zehnmal vorbestraften, geschiedenen Mannes mit durchschnittlichem Intelligenzquotienten, und dem mächtigen, angesehenen, akademischen Ich, das er gerne wäre, deshalb lebt er in ständiger Angst, depressiv zu werden. Zwei Jahre lang war er schon in Behandlung. Erfolgreiche BewerbungAber auch den Psychotherapeuten hat er nur Geschichten erzählt. Und selbst, als er 1993 in der Berliner Charité wegen starker endogener Depressionen in der psychiatrischen Abteilung lag, konnte er es nicht lassen, auf seine Weise Anerkennung zu suchen. Vom Krankenhaustelefon aus bewarb er sich als Psychiater beim Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg. Erfolgreich übrigens. Als er entdeckt wurde, zeigte er sich selbst an. Das damals beim Amtsgericht in Berlin-Tiergarten eingeleitete Verfahren wurde von der 6. Strafkammer des Landgerichts Leipzig eingestellt, weil es Vorwürfe gibt, die schwerer wiegen: Vom 15. November 1995 bis zum 10. Juli 1997 hat Postel als Oberarzt für Neurologie und Psychiatrie im Landeskrankenhaus im sächsischen Zschadraß gearbeitet. Drei Abteilungen der psychiatrischen Klinik mit fünf Ärzten und Psychologen unterstanden ihm, er hat Gutachten zur Entmündigung von Patienten geschrieben, und er ist 25mal als psychiatrischer Sachverständiger vor den Amts- und Landgerichten in Chemnitz, Dresden und Leipzig aufgetreten. Patienten persönlich untersucht habe er nicht, sagt Postel, als er sich am dritten Prozeßtag in Leipzig zum ersten Mal äußert. Wer wie viele Medikamente bekomme, solche Fragen überließ er den Assistenzärzten. "Ich habe nicht sehr viel gemacht, nur organisatorische Dinge. Ich habe Urlaubspläne erarbeitet und Termine überwacht", erklärt der in allen Punkten geständige Angeklagte. Juristisch gesehen hat der jungenhaft wirkende Mann allerdings Patienten, Kollegen und Gerichte betrogen, Titel mißbräuchlich geführt und Urkunden gefälscht.Der Essener Psychiatrie-Professor Norbert Leygraf, der gemeinsam mit Sabine Nowara den Angeklagten vier Tage lang untersucht hatte, nannte Postel in seinem Gutachten schuldfähig trotz einer Persönlichkeitsstörung. Wie bei vielen narzißtischen Menschen habe sich die Störung bei Postel in der Kindheit entwickelt, sagt Nowara. Der Vater des in Bremen geborenen Postel stammte aus einer Akademiker-Familie, war selbst aber nur Kfz-Mechaniker. Darunter litt Postels Vater so sehr, daß er eine tiefsitzende Abneigung gegen Gebildete hatte und seinen Sohn davon abhielt, aufs Gymnasium zu gehen. Dies aber hatte Postels Mutter gewollt. Eine Schneiderin, die sich umbrachte, nachdem ihr langjähriger Liebhaber gestorben war. Weil die Eltern die Bedürfnisse des Sohnes nach Geborgenheit und Emotionalität nicht erfüllt hätten, sagt Nowara, habe sich dieser "existentiell bedroht" gefühlt und aus dieser Verfassung heraus Phantasien entwickelt. Als 13jähriger erzählt er zum Beispiel, daß Willy Brandt mit ihm gesprochen habe. Sein Lügen wird belohnt die Erwachsenen bewundern das Kind. Damit hatte Gert Uwe Postel den ersten Schritt in seine schöne Welt des Scheins unternommen. Allerdings gelang Postel die Hochstapelei nicht von Anfang an. 1978, als er sich mit einem gefälschten Abiturzeugnis als Rechtsgehilfenanwärter beworben hatte, flog der Schwindel auf. Vier Jahre später war er dreister und ließ sich mit gefälschten Papieren als stellvertretender Amtsarzt Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy in Flensburg einstellen. Alte Geschichten holten ihn einDer 24jährige Briefträger formulierte nun Gesundheitszeugnisse, untersuchte Prostituierte und wies Patienten in die Psychiatrie ein. Hätte er seine Brieftasche mit einem echten und einem gefälschten Ausweis nicht verloren, wäre er wohl nicht zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt und durch sein Buch "Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy" bundesweit bekannt geworden. Er wäre Assistenzarzt an der Uniklinik Kiel geworden. Das Bewerbungsgespräch dafür hatte er nämlich bereits erfolgreich absolviert gehabt. Diese alten Geschichten und vielleicht auch die Tatsache, daß Gert Postel auch noch öffentlich behauptet hatte, der Drahtzieher von Reiner Pfeiffers Aktionen in Barschels Staatskanzlei gewesen zu sein und Barschel kurz vor dessen Tod in Genf getroffen zu haben, beendeten im Juli 1997 die Karriere des Lügendoktors auch in Sachsen. Denn die Eltern einer neuen Mitarbeiterin im Landeskrankenhaus Zschadraß, die aus Flensburg stammte, erinnerten sich an den Namen "Gert Postel", der nun plötzlich als richtiger Arzt der neue Chef ihrer Tochter sein sollte. Ohne diesen Zufall würde Oberarzt "Dr. Postel" vielleicht noch immer bei Visiten als "besserwisserischer Wessi" auftreten, so wie ihn ein 56jähriger Lehrer erlebt hatte, der von Postel arbeitsunfähig geschrieben wurde. Postel hatte sich zwar die "psychiatrische Begriffswelt" angeeignet, wie sein ehemaliger Chef in Zschadraß, Horst Krömker, sagt, aber eigentlich, das gesteht Postel dem Vorsitzenden Richter Erich Drath, hat er von Psychiatrie keine Ahnung. Angst, daß dies alles auffliegt, hatte er nicht. Denn ein Oberarzt hat stets Assistenzärzte zur Seite, an die er delegieren könne. "Aber das Ministerium hätte doch schon vorher einen Auszug aus dem Bundeszentralregister anfordern können", fragt Richter Drath. "Nein", sagt Postel, "ich habe mich informiert. Ich habe mich als Leipziger Verwaltungsrichter ausgegeben, im Gesundheitsministerium angerufen und nachgefragt, ob solche Auszüge von Oberarzt-Bewerbern verlangt werden." Und selbst wenn er die Stelle eines Chefarztes der forensischen Abteilung im Landeskrankenhaus Arnsdorf angenommen hätte, die ihm Gesundheitsminister Hans Geisler (CDU) angeboten hatte, hätte er anders als vom Ministerium nun dargestellt dafür kein Führungszeugnis gebraucht. Postel kennt sich aus in der Welt, die er sich zusammengezimmert hat. "Er hat einen siebten Sinn für soziale Resonanz", sagt Psychiater Leygraf. In einer Zeit des computerlesbaren Personalausweises und genetischen Fingerabdrucks findet der anachronistisch anmutende Hochstapler immer wieder Menschen, die bereit sind, seine Legenden zu glauben. Postel ruft beispielsweise bei einer Stempelfabrik in Berlin an, gibt sich als "Leiter der behördenübergreifenden Beschaffungsstelle" aus und bestellt einen Stempel des Generalbundesanwaltes. Ein Bote, sagt er, würde den Stempel abholen und gleich bezahlen. Dann fährt Postel diesmal als Bote los und kauft den Stempel mit 30 Prozent Behördenrabatt. Später beglaubigt er damit seine gefälschten Zeugniskopien. "Woher wußten Sie, daß es eine solche Beschaffungsstelle gibt", will der Vorsitzende Richter Drath in Leipzig von ihm wissen. "Die Stelle gibt es nicht", entgegnet Postel.Als eine Richterin des Amtsgerichts Berlin-Tiergarten 1994 gegen Postel wegen Ladendiebstahls ermittelt, ruft er bei ihr als Richter Dr. Baerenbourg vom Amtsgericht Hamburg an und sagt, auch er habe Postel verurteilt, deshalb könne die Berliner Sache eingestellt werden. Er bittet um die Unterlagen, die die Richterin auch sogleich losschickt. Damit sich die Hamburger Justiz nicht über die Akten aus Berlin wundert, meldet sich Postel dort als Beamter vom Amtsgericht Tiergarten und entschuldigt sich für die fehlgeleitete Sendung: "Zerreißen Sie s einfach." Nach weiteren Anrufen des vermeintlichen Hamburger Richters stellt die Berliner Richterin das Verfahren ein. Wenn Postel auffliegt, läßt er sich nicht von irgendwem verteidigen, sondern von Prominenten-Anwälten, beispielsweise von dem ehemaligen Honecker-Anwalt Nicolas Becker. Zusammen mit dem Frankfurter Anwalt Jürgen Schneider hat er ihm nun auch wieder als Pflichtverteidiger in Leipzig beigestanden. Stolz läßt Postel seine Verteidiger nachhaken, wie viele Wiederaufnahmeverfahren es wegen seiner in 25 Strafverfahren gefälschten Gutachten gegeben hatte und mit welchem Erfolg. Nur zwei, räumt der Vorsitzende Richter Drath ein und beide ohne Erfolg. Postel sieht das als Wertschätzung seines Hochstapelns. Daß die Begründung der Diagnosen allerdings unhaltbar sind, stört ihn dabei wenig.Selbstsicheres AuftretenAusgestattet mit dem Doktortitel und der Funktion eines Oberarztes, bewegte sich der im "richtigen Leben" sonst so "unsichere und ängstliche Mensch", so Gutachter Leygraf, in seiner Welt so selbstsicher, daß er sogar eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine Justizbeamtin verfaßte, weil diese ihm sein Honorar für die Gutachtertätigkeit kürzen wollte. Postel schrieb daraufhin an den Gerichtspräsidenten, daß eine Beamtin des mittleren Justizdienstes nicht die erforderliche Qualifikation besitze, um den Zeitaufwand eines Facharztes auch nur ansatzweise zu beurteilen. Künftig verbitte er sich diese "überaus schikanöse" Behandlung, sonst würde er seine Gutachtertätigkeit niederlegen. Und diesen netten "Oberarzt" vergraulen, der immer so gewandt auftrat, so schnell Gutachten tippte und in der Landesklinik so beliebt war, das wollte keiner. Der Präsident gab der Beschwerde des Postboten statt. So wohlwollend wurde Gert Uwe Postel am Freitag abend im Landgericht Leipzig nicht behandelt. Staatsanwalt Michael Dahms forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und acht Monaten für Postel. Die 6. Strafkammer verurteilte ihn schließlich zu vier Jahren Haft. Der Vorsitzende Richter Erich Drath sprach von "mittelschwerer Kriminalität" und hielt Postel sein Geständnis zugute. Er rechnete ihm aber strafverschärfend an, daß er sich als unbelehrbar gezeigt habe.