Wie ein britischer Pharmariese mit seiner Berliner Tochter Jerini umgeht: Gekauft und verraten

BERLIN. So tapfer sein wie die Patienten - "to be as brave as the people we help" -, das hat sich der britisch-amerikanische Arzneimittelkonzern Shire als Firmenmaxime gewählt. Doch im Moment zeigt sich Shire alles andere als mutig. Im Gegenteil: Das Pharmaunternehmen lässt seine Berliner Tochterfirma Jerini ohne wirtschaftliche Not im Stich und hat Ende Juni rund 50 Mitarbeitern gekündigt, die in den Labors in der Invalidenstraße neue Medikamente entwickelten.Als Shire das Berliner Biotech-Unternehmen vor einem Jahr für 360 Millionen Euro kaufte, feierten die 160 Mitarbeiter gerade den größten Erfolg der Firmengeschichte. Im Mai 2008 hatte die europäische Arzneimittelbehörde einen von Jerini entwickelten Wirkstoff namens Icatibant genehmigt. Mit dem Arzneimittel lässt sich eine seltene erbliche Neigung zu Hautausschlag, Schwellungen der Magen-Darm-Schleimhaut und lebensgefährlichen Kehlkopfattacken bekämpfen. Eine Spritze kostet etwa 1 500 Euro; nach Schätzung des Gründers von Jerini, des Charité-Mediziners Jens Schneider-Mergener, lässt sich mit dem unter dem Namen Firazyr gehandelten Medikament langfristig ein Umsatz von 150 Millionen Euro im Jahr erzielen.Rettungsversuch gescheitertDoch dem Forscher fehlte das Geld, um das Medikament erfolgreich selbst zu vermarkten. Daher ließ sich Schneider-Mergener auf den Deal mit dem britischen Pharmakonzern ein - wohl wissend, dass es dem allein um die Lizenz für Icatibant ging. Um die 50 Mitarbeiter seiner präklinischen Forschungsabteilung zu retten, gründete Schneider-Mergener im vergangenen Jahr die Jenowis AG. Die neue Firma hat ihren Sitz direkt neben dem der Jerini AG; im Vorstand sind mehrere Mitglieder des ursprünglichen Jerini-Vorstandes.Wie Jerini-Sprecherin Stacy Wiedenmann bestätigt, war geplant, dass die rund 50 Wissenschaftler bei der Jenowis AG an ihren Projekten weiterforschen - darunter waren aussichtsreiche Mittel zur Schmerz- und zur Krebstherapie sowie gegen Altersblindheit, deren Lizenzen Jenowis Jerini abgekauft hätte. "Es war jedoch sehr schwierig, Investoren für Jenowis zu finden", sagt Sprecherin Wiedenmann. Daran sei das Projekt letztlich gescheitert.So schlecht sah es für das Geschäft jedoch gar nicht aus. Nach Informationen der Berliner Zeitung hatte sich ein Konsortium gefunden, das die benötigten 20 Millionen Euro Anschubfinanzierung aufgebracht hätte. Shire alias Jerini sagte zu, sich mit bis zu sieben Millionen Euro zu beteiligen. Die IBB Beteiligungsgesellschaft, eine Tochter der staatlichen Investitionsbank Berlin, hätte bis zu 1,5 Millionen Euro beigesteuert, die ebenfalls staatliche KfW Bankengruppe noch einmal etwa genauso viel. Auch von der Investitionsbank Berlin sollte es einen Zuschuss geben. Zudem hatte man einen Schweizer Investor gefunden, der bis zu sieben Millionen Euro bereit gestellt hätte. Auch der Ex-Jerini-Vorstand um Jens Schneider-Mergener wollte sich mit eigenen Mitteln an dem Konsortium beteiligen. Man war kurz davor, die Verträge wasserfest zu machen, als Jerini alias Shire plötzlich von den Plänen Abstand nahm und die rund 50 Mitarbeiter auf die Straße setzte.Die Reaktionen der übrigen Konsortiumsmitglieder reichen von Unverständnis bis Entsetzen. "Die Entscheidung kam für uns total überraschend", heißt es von der IBB Beteiligungsgesellschaft. "Auch für mich kam der Rückzug von Shire völlig unerwartet", sagt Jerini-Gründer Schneider-Mergener. "Wir haben über lange Zeit viel Energie in das Projekt gesteckt und sind nun sehr enttäuscht." In der Biotechnologie-Branche ist man ebenfalls verwundert: "Über lange Zeit sah alles danach aus, als würde die Ausgründung klappen", sagt Thilo Spahl, Sprecher des Verbandes Biotop Berlin-Brandenburg. "Ich habe nur positive Signale wahrgenommen."Entlassungen günstigerDer derzeitige Vorstand der Jerini AG war nicht bereit, die Entscheidung zu kommentieren. Jens Schneider-Mergener vermutet, dass finanzielle Überlegungen den Ausschlag gaben: "Die Firma abzuwickeln und die Mitarbeiter zu entlassen, kostet Shire zwar Geld, ist aber günstiger als die Beteiligung an dem Konsortium." Wirtschaftliche Not war bei Jerini indes nicht erkennbar: Im ersten Quartal 2009 konnte die Firma ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 50 Prozent steigern - vor allem durch den Verkauf von Firazyr-Spritzen.------------------------------Foto : Nach dem Abbau von 50 Stellen hat Jerini keine Forschungsabteilung mehr.