WASHINGTON, 13. Oktober. Die Nachbarin in dem kleinen Ort bei Denver hat alles ganz genau beobachtet. Wie der elfjährige Junge seiner fünfjährigen Halbschwester im Garten der Familie die Hose runterzog. Und wie er ihr bei der Verrichtung der Notdurft half. Seit Ende August sitzt der Junge, Sohn einer Amerikanerin und eines Schweizer Einwanderers, nun im Jugendgefängnis. In Handschellen wurde er abgeführt. "Wir werden nie vergessen, wie er sich an die Bettdecke klammerte, bevor ihn die Polizisten losrissen", erzählte der Vater einer Schweizer Zeitung.FluchtgefahrDer Junge, aus Jugendschutzgründen nur als Raoul W. bekannt, besitzt die schweizerische und die amerikanische Staatsbürgerschaft. Das Außenamt in Bern bemüht sich nun über die Botschaft in Washington, den Elfjährigen frei zu bekommen. Die Appelle stoßen auf taube Ohren. Raoul sei Amerikaner, erklären die US-Behörden, und die Schweizer Intervention deshalb irrelevant. Zudem bestehe Fluchtgefahr.Raoul bestreitet jede Schuld. Er habe doch nur seiner Schwester helfen wollen, die es, wie er sagt, "nicht mehr halten konnte". Nun sitzt er zusammen mit wesentlich älteren Delinquenten in einer Strafvollzugsanstalt. Viele seiner Mitinsassen sind ausgesprochen schwere Jungs, denen Vergewaltigung oder mehrfacher Ladendiebstahl vorgeworfen werden. Die Sheriffs im Bundesstaat Colorado lässt das kalt. Mit ernster Miene erklärt ein Behördensprecher im Fernsehen, man müsse dem "Tathergang auf den Grund gehen", ehe voreilige Stellungnahmen abgegeben würden.Der Fall dokumentiert auf makabre Weise das scheinheilige und durchaus gestörte Verhältnis mancher Amerikaner zur Sexualität. Das historisch verankerte Gedankengut der puritanischen Vorfahren prägt unmittelbar vor der Jahrtausendwende manchenorts noch immer die Moralvorstellungen. FKK-Strände sind in den meisten Bundesstaaten verboten, wer sie dennoch besucht, gilt als Sittenstrolch. Wenn eine Frau am öffentlichen Strand das Bikini-Oberteil abstreift, kann sie festgenommen werden.Verklemmtheit und vermeintliche "political correctness" prägen auch den täglichen Umgang. Aus Angst vor teuren Zivilprozessen hat jede Firma einen Verhaltenskodex. Als Faustregel gilt zum Beispiel in vielen Firmen, dass männliche Mitarbeiter ihren Kolleginnen nicht einmal wegen der neuen Frisur ein Kompliment machen dürfen.Juristisch wäre dies allerdings nur ein Belästigungstatbestand. Wenn ein Elfjähriger der kleinen Schwester die Hose auszieht, handelt es sich dagegen um ein Sexualdelikt. Und das wiegt schwerer.