MASBURG, im November. Walter Krohn ist ein schwieriger Fall. Aus scheinbar heiterem Himmel knallt der Mann die Faust auf den Tisch und schimpft über die Welt: "Verbrecher sind das! Alle! Verbrecher!" Einen Choleriker nennen ihn manche. Er sei ein Mann, der sich alle zum Feind macht, heißt es.Der 69jährige Baumschulbesitzer Walter Krohn ist Erfinder. Sieben Patente hält er. Dank seiner Ideen müßte Walter Krohn eigentlich ein gemachter Mann sein. Er müßte sich zurücklehnen können. Sein schönes Haus bei Masburg in der Eifel mit Frau und Familie genießen. Und aus Spaß vielleicht an neuen Erfindungen werkeln. Doch statt dessen kämpfte er in den letzten Jahren um das nackte Überleben. Alles, was er besitzt, sein Haus, seine Werkhalle und seine Baumschule, sind inzwischen verpfändet.Die Katastrophe des Walter Krohn beginnt eines Abends vor etwa fünf Jahren, als der Tüftler wieder einmal eine Idee hat. "Im Fernsehen lief gerade eine Sendung über das Minenräumen an der deutsch-deutschen Grenze", erinnert er sich, "da traute ich meinen eigenen Augen nicht: mit langen Stangen stocherten die Soldaten in der Erde nach den Sprengsätzen herum ­ eine Methode wie aus dem Mittelalter." Krohn muß sofort an seine "Waldfräse" denken, eine seiner Erfindungen.Diese Fräse räumt Forstflächen auf. Nach Waldbränden etwa. Wie zum Beispiel vor ein paar Jahren bei Berlin. 230 Hektar. "Die Krohnsche Fräse ist einmalig", schwärmt Forstmeister Rudi Charwat in Borgsdorf, "ohne diese Maschine hätten wir das Gebiet nicht so schnell wieder aufforsten können. Ich kenne nichts Besseres. Sogar aus dem Ausland sind Förster hergekommen, um sich das Ergebnis anzuschauen." Wer schwere Baumstümpfe aus 35 Zentimeter Tiefe heraushebeln und zerstückeln kann, müßte auch mit Minen fertig werden, denkt sich Walter Krohn angesichts der Fernsehbilder vom ehemaligen Grenzstreifen. Er beginnt, sein Gerät umzubauen. Nach kurzer Zeit bietet er der Bundeswehr die "weltweit erste funktionierende zivile Minenräummaschine" an, wie er sagt. Oberstleutnant Werner Maar, damals als Beauftragter des Verteidigungsministers mit dem innerdeutschen Minenräumprogramm beschäftigt, ist von der Vorführung begeistert: "Ein riesiger Fortschritt. Man hätte sofort auf dieses Gerät umsteigen müssen", sagt er heute. Auch ein zweiter Probelauf verläuft sehr erfolgreich. Das Bundesamt für Materialprüfung in Berlin testet die Fräse ebenfalls und empfiehlt sie.Dann allerdings herrscht Sendepause. Kein Auftrag trudelt beim Erfinder in der Eifel ein. Dabei stellt sogar der Bundesrechnungshof in einer vertraulichen Mahnung an die Verantwortlichen in Bonn fest, daß das Krohnsche Minenräumen wesentlich billiger wäre als die herkömmliche Art. "Man wollte ihn nicht, diesen Außenseiter aus der Eifel", sagt Werner Maar heute, "da waren zuviel andere Interessen im Spiel." Am Ende kostet das innerdeutsche Minenräumprogramm um die 500 Millionen Mark. "Ich hätte es für 32 Millionen gemacht", sagt Unternehmer Krohn verbittert.Doch er gibt nicht auf. Denn die Kriege der letzten Jahrzehnte haben weltweit über 100 Millionen Minen hinterlassen. Noch heute zerfetzen diese heimtückischen Waffen in über 60 Ländern beinahe täglich schutzlose Zivilisten, Kinder, Frauen oder Männer. An die 400 Menschen werden auf diese Weise jede Woche verstümmelt oder getötet, schätzt die UNO, im Jahr sind es etwa 20 000.Mit Kinkel in MosambikNun, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, besteht die Chance, die Minen großflächig zu beseitigen; in der norwegischen Hauptstadt Oslo verpflichteten sich die Vertreter von 80 Staaten unlängst, dies innerhalb der nächsten zehn Jahre zu tun.Im Sommer 1996 besucht Außenminister Klaus Kinkel Mosambik. Walter Krohn ist mit ein paar seiner Maschinen dabei und darf sie vorführen. Kinkel ist beeindruckt, sagt weitere Unterstützung zu. In der Umgebung von Moamba nördlich der Hauptstadt Maputo läßt Krohn dann 150 Hektar von Minen räumen, 20 000 werden vernichtet. Endlich können die Bauern ihre Felder wieder bestellen. Doch dann werden die Maschinen plötzlich von den mosambikanischen Behörden beschlagnahmt. Eine südafrikanische Firma drängt zu dieser Zeit mit eigenem Gerät auf den "Minenmarkt" des Nachbarlandes."Minenräumen wird jetzt international eine interesssante Branche", sagt Thomas Gebauer von der Hilfsorganisation Medico International. "Da läßt sich künftig Geld verdienen." Für dieses Jahr bewilligte die EU bereits 52 Millionen Ecu für diesen Zweck. Eine etwa gleichgroße Summe steht 1998 zur Verfügung. Die USA stellten ebenfalls Millionen Dollar bereit. Humanitäre Organisationen wie Medico International, die sich seit Jahren um die Opfer kümmern, sehen die Vergabe der Gelder mit gemischten Gefühlen. "Es ist untragbar, wenn etwa Rüstungsfirmen, die bisher an der Produktion solch todbringender Waffen verdienten, sich nun auch deren Beseitigung vergolden lassen wollen", sagt Thomas Gebauer. In Deutschland entdecken die im Waffengeschäft tätigen Firmen Rheinmetall und Diehl den künftigen Markt. Diehl etwa, so Firmensprecher Metzenroth, hofft, weltweit bis zu zehn Minenräumgeräte pro Jahr zu verkaufen. Die Diehl-Maschine ähnelt der von Krohn, bestätigt Metzenroth, "so wie ein Auto dem anderen". "Es ist meine Erfindung", beharrt Walter Krohn, "ich habe darauf ein Patent." Es nützt ihm wenig. Er hat nicht das Geld, um einen Prozeß zu wagen.Unterdessen wird die Diehlsche Minenfräse dieser Tage in Bosnien getestet. Mit Geldern aus dem Bundeshaushalt. "Gleiches Recht für alle", sagt Petra Sigmund vom Auswärtigen Amt, "wir haben auch die Maschine von Herrn Krohn gefördert." "Direkt finanzieren wir allerdings nur die Erprobung, nicht einen etwaigen Einsatz. Letzteres übersteigt leider unsere Möglichkeiten." Für ziviles Minenräumen stehen dem Auswärtigen Amt dieses Jahr 13 Millionen Mark zur Verfügung. Im Verteidigungsetat sind dagegen das Vierfache für neue Minen vorgesehen. Walter Krohn will das nicht in den Kopf: "Da stehen meine Minenfräsen einsatzbereit herum", flucht er. "Sie könnten täglich Menschenleben retten. Die Bauern könnten ihre Felder bestellen."Ein paar Nummern zu großIm BMZ, dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklungshilfe, findet der Erfinder aus der Eifel ebenfalls keine Partner. "Wir beschäftigen uns nur mit Minenräumen, wenn es für ein konkretes Entwicklungsprojekt unmittelbar notwendig ist", heißt es dort. Die Krohnsche Fräse sei mehrere Nummern zu groß für die Vorhaben dieses Ministeriums.Im Wirtschaftsministerium schließlich sieht man auch keine rechte Möglichkeit, dem Mittelständler unter die Arme zu greifen. "Es kann ja nicht unsere Aufgabe sein, ihn gegen die Großen zu schützen", sagt ein Mitarbeiter des Ministeriums freimütig, "wir wollen die Effizientesten unterstützen." So effizient wie ein Rüstungskonzern ist Walter Krohns kleine Werkstatt in der Tat nicht.Noch hat der Erfinder nicht aufgegeben. In seiner Werkhalle in der Eifel legen er und die sieben Mitarbeiter seiner Firma gerade letzte Hand an eine verbesserte Version der Minenfräse. Sie soll nicht nur Antipersonenminen, sondern auch Panzerminen entschärfen. Mit einem neuen Verfahren sollen außerdem die restlichen Metallteile aus der Erde gezogen werden."Wenn nichts anderes hilft", verkündet der Erfinder Krohn kämpferisch, "werde ich demnächst mit meiner neuen Maschine neben der Autobahn auftauchen und dort probepflügen. Hoffentlich wird die Öffentlichkeit wenigstens dann aufmerksam." Vielleicht hat er das ja nicht mehr nötig. Vor ein paar Tagen konnte ihm das Auswärtige Amt mitteilen, daß es den deutschen Diplomaten nach vielen Gesprächen endlich gelungen sei, die konfiszierten Maschinen in Mosambik freizubekommen. Außerdem werde ihm in dem afrikanischen Land nun doch eine Fläche zum Minenräumen zur Verfügung gestellt werden. Für Krohn eine Rettung fünf Minuten vor zwölf.