Manchmal ist eine Sternstunde des Fernsehens ganz still, ganz unspektakulär, es genügt zu sehen, was wer wie sagt.Am Freitag abend saßen, am Studiotisch soweit wie möglich voneinander entfernt, Ex-DDR-Spionage-Boß Markus Wolf und FDP-"General" Guido Westerwelle in der NDR-Talkshow. Wolf wurde nach seiner Meinung über den "großen Lauschangriff" gefragt; deutlich geniert quetschte der sonst so selbstsichere Mann, dessen "Lauschangriffe" seinerzeit vermutlich so gigantisch wie nur möglich gewesen sind, etwas über das Grundproblem der Beherrschbarkeit von Geheimdiensten heraus, was bei Westerwelle eine Mechanik auslöste.Sichtlich vorbereitet und munitioniert, lieferte er eine wohlformulierte Standard-Ansprache, wie unerträglich es sei, das Unrechtsregime der untergegangenen DDR verglichen mit dem freiheitlich-rechtlichen und so weiter.Er hatte ja mit jedem Wort völlig recht, verursachte aber gleichwohl diffuses Unbehagen, was eigentlich nicht nur daran liegen konnte, daß allzu fettiges Selbstbewußtsein in Verbindung mit beflissen vorgetragener Pflichtübung, keinen Gemeinplatz auslassend, nebelhafte Erinnerungen aus ferner Vergangenheit aktivierte. Gelegentlich verweilte die Kamera wieder bei Wolf; ein Gesicht wie ein Schlachtfeld, wenngleich beherrscht und preußische Contenance wahrend, so hatten doch Zweifel und Versagensängste, wohl auch das Bewußtsein von Schuld oder Mitschuld und sicherlich das Gefühl der Ausweglosigkeit ihre Krater und Riefen hinterlassen.Dergleichen ist dem glatten Anlitz des Jung-Anwalts Westerwelle fremd. Natürlich wird ihn kaum die Erkenntnis ankommen müssen, 40 und mehr Jahre lang einem unerfüllbaren Traum nachgelaufen zu sein, der keine einzige der ungeheuerlichen Zahl von Unrechtstaten rechtfertigen konnte, die für ihn begangen worden sind. Aber, wird immer das Gefühl bleiben, an der besten aller Welten mitzuwirken, so frei von Unrecht und Ungleichbehandlung, daß man jedesmal blanke Augen und eine sieghafte Trompetenstimme kriegt, wenn man von ihr redet? Man möchte denn doch hoffen, daß Zweifel ihn nicht verschonen wird, was kein böser Wunsch ist, im Gegenteil. Wolf Heckmann +++