Ende Juli hat Hans-Jochen Bull den ersten seiner beiden Mitarbeiter entlassen müssen. In zwei Wochen wird es auch den zweiten treffen. Und einen Monat später ist die Firma dran: "Ich melde Konkurs an. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht." Der Rostocker Kleinunternehmer ist in die Mühlen der Politik geraten.Dabei fing alles so gut an. Vor zweieinhalb Jahren, im März 1994, hatte der frühere Schiffsmakler Bull seine Firma Baltic Transport Consalt (BTC) beim Handelsregister angemeldet. Transportleistungen zu Wasser und zu Lande bot die Firma an, doch die Auftragsbücher blieben leer wie der Rostocker Hafen, in den sich immer seltener Handelsschiffe verirren.Vor gut einem Jahr aber witterte Bulls die Chance zu einem guten Geschäft. Für ein nordkoreanisches Schiff hatte seine Firma die Beladung und das Abwickeln aller Hafenformalitäten übernommen. Bei der Gelegenheit kam Bull mit den Vertretern des Staatsbetriebes "Korea Butonggang Corp." ins Gespräch, die zu günstigen Preisen gebrauchte Lastkraftwagen suchten.Bull wußte Hilfe. Er könne ehemalige NVA-Laster, die im brandenburgischen Hangelsberg "demilitarisiert" werden, beschaffen, offerierte er den Koreanern. So kam es sehr bald zum Vertrag über die Lieferung von 1 269 "Robur"-Lkw nach Pjöngjang. Kleine Sensation Ein politisch delikates Geschäft, das war Bull klar. Und so fragte er beim Bundesausfuhramt in Eschborn an, ob Bedenken entgegenstünden. Doch die Eschborner Beamten gaben Entwarnung: Die Ausfuhr der Lkw "ist nach derzeit gültigen Bestimmungen nicht genehmigungspflichtig".Bull freute sich und auch die Mitarbeiter der Konversionsfirma "Materialdepot-Servicegesellschaft MBH" (MDSG) im brandenburgischen Hangelsberg schöpften Hoffnung, die alten Laster endlich loszuwerden. Längst waren an den ohnehin nur bedingt kriegsbereiten Lastern die militärischen Accessoires beseitigt: die Gitter und Abblendschlitze vor den Scheinwerfern waren demontiert, die Dachluken zugeschweißt, die Funkgeräte samt Kabel entfernt, die Waffenhalterungen und die Pumpanlage für die Reifen abgebaut. Es waren wieder ganz normale Lkw, nur eben ziemlich heruntergekommen.Auch Heinz-Jochen Bull kam beim Anblick der Robur Zweifel: "Ich rief bei den Koreanern an und eröffnete ihnen, daß die Fahrzeuge nicht im besten Zustand seien", erzählt er, "aber Pjöngjang war das egal. Die Firma schickte sechs Mechaniker, die die Laster an Ort und Stelle wenigstens rollfähig machten. Sie sagten, wenn sie in ihren Werkstätten daheim aus vier kaputten einen funktionierenden Laster basteln könnten, hätte sich das Geschäft für sie schon gelohnt."Bull und seine Leute bestellten einen Güterzug, der die ersten 457 Laster zum Fährhafen Mukran schaffte. Mitte November lief dort ein großer norwegischer Autocarrier ein, der die erste Teillieferung aufnahm und nach Nordkorea transportierte.Für den nach der Wende kaum noch genutzten Fährhafen von Mukran war die Ankunft des norwegischen Schiffes eine kleine Sensation. Kommunalpolitiker ließen sich blicken, für ein paar Tage gab es Arbeit, in der örtlichen Presse erschien eine Reihe "wohlmeinender Artikel, über die wir uns damals sehr gefreut haben", erinnert sich Bull.Doch die Freude währte nicht lange. Anfang Dezember klingelte in Bulls Büro in Rostock das Telefon. Ein Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums meldete sich und fragte nach Details des Nordkorea-Geschäfts. Wenige Tage später rief er erneut an und kündigte den Besuch von "Spähern" der südkoreanischen Botschaft an, die ein Auge auf die Roburs werfen wollten. "Der Beamte sagte, es sei in meinem Interesse, die Südkoreaner nicht abzuweisen, aber ich hatte ja auch nichts zu verbergen", so Bull. Besuch in Bonn Inzwischen waren weitere 200 Robur-Laster an der Küste eingetroffen. Sie standen auf dem Hafengelände in Wismar, wo die zweite Teillieferung verschifft werden sollte. Die Südkoreaner kamen und verknipsten mehrere Filme um den Zustand der Fahrzeuge zu dokumentieren. "Eigentlich waren die sehr freundlich und sagten, daß gegen die Lieferung der Laster wohl nichts einzuwenden sei", erinnert sich Bull.Aber dem Rostocker Unternehmer schwante böses. Bei einer Dienstreise nach Bonn, kurz vor Weihnachten, suchte er das Bundeswirtschaftsministerium auf und fragte nach, ob es Probleme mit seinem Geschäft gäbe. Der zuständige Ministerialrat druckste zunächst ein bißchen herum und eröffnete Bull schließlich, daß man erwäge, per "Einzeleingriff" die weitere Ausfuhr der Robur-Lkw zu untersagen. Er könne da auch nicht viel machen, das Auswärtige Amt mache sich in der Angelegenheit sehr stark.Im Kinkel-Ministerium wollte man zunächst lediglich bestätigen, daß man dem Wirtschaftsministerium "maßgebend" zuarbeite. Schließlich wurde der Außenamtsmitarbeiter deutlicher: Im Amt sei schon eine Entscheidung gefallen, weil die Südkoreaner "Bedenken" gegen das Lkw-Geschäft angemeldet hätten.Am 21. Dezember bekam es Bull schließlich schwarz auf weiß: Die Bundesregierung befürchte, daß eine weitere Ausfuhr der Lkw "zu einer Beeinträchtigung der auswärtigen Beziehungen insbesondere zu Südkorea führt". Nach vorliegenden nachrichtendienstlichen Erkenntnissen werden die bereits gelieferten 457 Fahrzeuge von der nordkoreanischen Armee genutzt; die südkoreanische Botschaft habe daher "die Erwartung ausgesprochen", daß weitere Lieferungen nicht mehr stattfinden. Bevor nun die Bundesregierung endgültig entscheide, habe er, Bull, bis zum 5. Januar die Gelegenheit, sich zu dem Vorgang zu äußern.Nach Bulls Antwort verging ein halbes Jahr untätigen Wartens. Immer wieder wurde der Rostocker vertröstet, noch sei keine Entscheidung gefallen. Derweil summierten sich die Standkosten für die bestellten Robur-Laster. Menschen hungern In dieser Zeit weilte Hans-Jochen Bull zu einer Geschäftsreise in Nordkorea. "Ich habe selbst gesehen, in welch katastrophaler Lage sich das Land befindet", sagte er. "Überschwemmungen haben im vergangenen Jahr fast die gesamte Ernte vernichtet. Die Menschen hungern. Und wenn mal ein Schiff mit Hilfsgütern ankommt, fehlt es an Fahrzeugen, um die Ware durch das Land zu transportieren. Die Koreaner brauchen die Laster, nicht um einen Krieg zu führen, sondern um die Leute vor dem Hungertod zu bewahren. Aber darüber wird in den deutschen Medien nicht berichtet."Am 25. Juni erhält Bull endlich die Entscheidung aus Bonn. "Es wird Ihnen untersagt, gebrauchte Robur-Lkw nach Nordkorea auszuführen", heißt es lapidar. Die Entscheidung beruhe auf einem "Einzeleingriff" des Bundeskanzlers. Wie er später erfährt, gibt es erst einen vergleichbaren Fall in der Geschichte der Bundesrepublik.Für Hans-Jochen Bull ist das nur ein schwacher Trost. Auf seinem Tisch stapeln sich die Rechnungen. Statt des kalkulierten Gewinns von 34 000 Mark stehen jetzt Forderungen in Höhe von 550 000 Mark an, die er begleichen muß. Auf Schadensersatz durch den Bund kann er nicht hoffen: Das Bundesausfuhramt hatte ja ausdrücklich erklärt, daß die Ausfuhr der Ware nicht genehmigungspflichtig sei und für die geänderten politischen Bedingungen in Korea, so argumentieren die Ministerialbeamten in Bonn, könne man die Bundesregierung nicht haftbar machen.Hans-Jochen Bull sieht das anders. Für ihn hat die Regierung die Pflicht, die einheimische Wirtschaft zu schützen. "Ich will Bonn ja nicht das Recht abstreiten über die Ausfuhr von Waren ins Ausland zu entscheiden; aber ich verlange, daß die Regierung die Konsequenzen für die betroffenen Firmen auch dann trägt, wenn sie nicht Siemens oder MBB heißen. Schließlich haben wir uns korrekt verhalten und gegen kein Gesetz verstoßen."Im Augenblick sieht es jedoch eher so aus, als wolle der Bund an Bulls Pleite sogar noch verdienen. Die Firma, die die Robur-Lkw abgerüstet hat, verlangt von dem Rostocker Unternehmer die Bezahlung der noch nicht abgeholten 600 Laster samt Standgebühren. Anteilseigner des Unternehmens ist neben anderen auch das Bundesverteidigungsministerium. "Eine Unverschämtheit" für Hans-Jochen Bull. "Erst macht mir der Bund das Geschäft kaputt und dann will er auch noch mal abkassieren." +++