Letzten Sommer habe ich meiner Mutter in München beim Auszug aus ihrer großen Wohnung geholfen. Es ging nur um die Ecke, in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie wollte in Schwabing bleiben. Wir hatten lange in der alten Wohnung gelebt - so zog sich das Ausmisten über Wochen hin.Eines Tages, ich räumte gerade eine Umzugskiste leer, lag vor mir auf dem Boden des Kartons eine weiße Schuhschachtel, darin eine kleine rot-schwarze Kladde und ein paar Bücher. Auf dem Notizbuch klebte eine Karikatur aus der Süddeutschen Zeitung. Sie zeigte einen als Elefant marschierenden Atomreaktor, der radioaktive Köttel fallen ließ und aus dem Schornstein-Rüssel tönte: "Wir übernehmen die Verantwortung, ist das klar?"Ich hatte die 20 Jahre alten Aufzeichnungen meiner Mutter zu Tschernobyl entdeckt. Nach der Katastrophe erschien jeden Tag in der Süddeutschen ein Artikel mit der Überschrift "Radioaktivität - aktuelle Informationen", den sie ausschnitt, in die Kladde klebte und mit Datum und Notizen versehen hatte. Daneben fand ich ein paar Bücher, die kurz nach der Reaktorkatastrophe erschienen waren. Ich fing an zu blättern.Es sind Ausschnitte aus einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. Jeden Tag kündigte die Zeitung Info-Veranstaltungen an, informierte über ausverkaufte Magermilchbestände und kolportierte Gerüchte - wie man es eigentlich so gar nicht von ihr gewohnt war. Ein Beispiel: "Nachbarn des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß wollen beobachtet haben, dass kurz nach Bekanntwerden der ukrainischen Reaktorkatastrophe im Garten des Politikers in Sendling der Humus abgetragen und durch Torf ersetzt wurde. Beunruhigte Nachbarn habe Strauß mit der Auskunft beschwichtigt, er wolle ein Schwimmbad anlegen. Von einer Baugrube sei auf dem Sendlinger Areal allerdings bislang nichts zu sehen." Beim Lesen spürt man die Nervosität dieser Zeit.In München war die Angst größer als anderswo, das weiß ich heute. Das Voralpenland hatte besonders viel Strahlung abbekommen, die Tschernobyl-Wolke war in Form eines milden Frühjahrsplatzregens am 1. Mai 1986 auf die Stadt niedergegangen. Und in München gab es ein zahlenstarkes 68er-Milieu das sich weg von der politischen hin zu einer ökologischen Utopie orientierte. Meine Eltern gehörten dazu.Ich war gerade eingeschult worden, ein kleiner Siebenjähriger mit großem Schulranzen. Meine Familie und ich waren am 1. Mai beim Federballspielen im Englischen Garten von den Gewitterwolken überrascht worden, wir wurden klatschnass. Später am Abend verbreitete sich dann die Nachricht, dass es schon am 26. April einen Supergau im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl gegeben hatte. Mein Vater setzte sich mit meinem Bruder und mir an den Küchentisch, erzählte von unsichtbaren Strahlen und dass ich jetzt nicht mehr in den Sandkasten im Garten dürfe. Das Grafit-Uran-Gemisch, das im Reaktorblock noch brannte, versuchte er mir als Vulkan zu beschreiben.Ich fand es spannend und erschrak auch ein bisschen. Am nächsten Tag hockte ich trotzdem spielend im Hinterhof-Sandkasten und ließ mich von unserer Haushaltshilfe, die vom Balkon herunterrief, nur widerwillig vertreiben.Auch die Erwachsenen reagierten zunächst langsam. In den ersten Tagen herrschte Ratlosigkeit, erzählte mir meine Mutter, als wir uns bei einem Kaffee von der Räumerei in der alten Wohnung ausruhten. "Uns wurde erst ganz allmählich bewusst, was da überhaupt passiert war. Die Sowjets ließen ja kaum Nachrichten nach draußen dringen." Erst Mitte Mai, als die Strahlenwerte schon wieder sanken, kam Panik auf.Zu groß war die Diskrepanz zwischen den offiziellen Beschwichtigungen und den ebenso offiziellen Äußerungen der Besorgnis. Beispielhaft ist der Streit um die Strahlen-Höchstwerte für einen Liter Frischmilch. So trank Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann von der CSU vor laufender Kamera ein Glas Milch, um zu demonstrieren, dass der Grenzwert von 500 Becquerel völlig sicher sei. Dagegen prangerte Alois Glück, ein einflussreicher CSU-Landtagsabgeordneter, den Wert als fatal hoch an. Bayern folgte trotzdem dem Grenzwert des Bundes, während Hessen die Schwelle kurzerhand auf 20 Becquerel festlegte. Auch die Forscher waren sich uneins über die Folgen. Manche befürchteten zehntausende Tote in Deutschland, andere wiegelten ab und sahen keine Gefahr für die Bevölkerung.So kam es, dass die Deutungshoheit über Tschernobyl der Politik und den Behörden entglitt. Eine Gegenöffentlichkeit formierte sich, in Eigendruck wurden in München unzählige Faltblätter und Infobroschüren herausgegeben. Auf einem dieser Blätter, die ich in der Kiste meiner Mutter fand, ist die Zeichnung eines Mannes zu sehen, dem radioaktive Strahlen in die inneren Organe dringen. Unter dem Pfeil, der auf die Hoden führt, steht: Zeugungsunfähigkeit, schwere Schädigungen der Erbsubstanz. Nicht immer nahm man es mit den Tatsachen ganz genau. So steht in einer der Broschüren, die Strahlendosis sei zeitweise 100 000-fach erhöht gewesen."Wir haben ganz normal reagiert damals", erzählt meine Mutter, "weder panischer als andere, noch ruhiger." Normal, das hieß: Keine Frischmilch, auch keine Milchprodukte. Es wurde gehamstert, was das Zeug hält. Mein Vater konnte über eine Sammelbestellung noch günstig zwei Magermilchpulversäcke ergattern, meine Mutter H-Milch-Bestände von "davor". Die schlimmste Vorstellung für sie sei gewesen, dass sie sich mit mir und meinem Bruder nicht mehr auf die Erde legen konnte, erinnert sie sich. "Dass die Wiesen verseucht waren und wir uns in der Natur nicht mehr frei bewegen konnten." Sie trat den "Müttern gegen Atomkraft" bei. Mein Vater ließ den Sand im Hinterhof austauschen. Zwei Wochen nach Tschernobyl rollte er den beigen Sisalteppich aus der Diele zusammen und schmiss ihn in den Müll. Hauptgesprächsthema im Freundeskreis meiner Eltern war, wie man unverstrahlte Lebensmittel beschaffen konnte.Andere reagierten hysterischer und scheuten nicht den Vergleich mit Größerem. "Leben zu erhalten und zu schützen bedeutet nach Tschernobyl, wie in Kriegszeiten, mehr Arbeit für die Frauen", hieß es in einem Manifest, das kurz nach der Katastrophe in Buchform erschien. Eine Freundin meiner Mutter meinte einmal (oft weiß man nicht ganz genau, ob sie Witze macht oder es ernst meint), viele hätten auf ein Ereignis wie Tschernobyl nur gewartet, um der Welt zeigen zu können, dass sie, anders als die Eltern im Dritten Reich, wirklich auf das Unheil reagierten. Schon drei Tage nach Bekanntwerden des Unglücks waren in München jedenfalls die Geigerzähler ausverkauft. Später kursierten Baupläne, wie man die Wohnung hermetisch abschottet, als alleinige Luftzufuhr ein Rohr mit Filter in der Wand.Nicht nur die totale Autarkie wurde zur Option. Auch die Flucht schien vielen eine Möglichkeit, den Strahlen zu entkommen. Manche fuhren mit ihren Kindern den Sommer über in die USA, nach Mallorca oder Formentera. "Wenn wir genug Geld gehabt hätten, dann wären wir vielleicht auch gefahren", sagt meine Mutter. Ein ganzer Münchner Kindergarten verbrachte einige Monate im sicheren Portugal. Man munkelte damals sogar, dass Schwangere abtrieben aus Panik vor einem behinderten Kind, einen öffentlich gemachten Fall konnte ich allerdings nicht finden.Irgendwann reagierten auch die Behörden auf den öffentlichen Druck. Spielplätze wurden gesperrt, Ende Mai durften wir in den Pausen nicht mehr auf den Schulhof. Die Schulmilch fiel aus.Wir Kinder nahmen die Aufregung zu Beginn am gelassensten. "Du musst dir die Hände waschen, sonst bekommst du Krebs", sagte ein Freund zu mir nach dem Spielen im Freien. Aber was bedeutet Krebs für ein Kind? Auch mit der Nahrungsumstellung hatte ich keine Probleme. Dann gab es eben keine Pilze mehr.Einige Wochen nach dem Gau nahmen mich meine Eltern zu einer Filmvorführung mit. Zum ersten Mal - wir hatten keinen Fernseher - sah ich Bilder der Katastrophe. Es wurden Aufnahmen aus Prypjat, der Kleinstadt direkt bei Tschernobyl, gezeigt, die kurz nach der Kernschmelze entstanden waren. Wackelige 16-Millimeter-Bilder, deren Ränder weiß flackerten - die Strahlung habe das Zelluloid beschädigt, erklärte der Sprecher. Zu sehen waren gespenstische Szenen: Ukrainische Hausfrauen in Kittelschürzen bestaunten Männer mit weißer Schutzkleidung und Messapparaten, die durch die Straßen marschierten. Auch die Bilder von den Hilfsmannschaften, die aus Hubschraubern auf den zerstörten Block IV hinabgelassen wurden, um den Brand zu löschen, verstörten mich. Am unteren Bildrand war eine Uhr eingeblendet, auf der gezeigt wurde, wie viel Zeit sie hatten bis zu einer tödlichen Strahlendosis. Die Männer rannten über das Dach des Reaktors und wieder zurück, so schnell sie konnten. Aber ihre Uhr lief ab, bevor sie zurück waren.Vielleicht war das der Moment, an dem meine Besessenheit für nukleare Strahlen und atomare Katastrophen begann. Radioaktivität wurde für mich zur heimtückischsten Bedrohung, die ich mir vorstellen konnte. Mehr oder weniger heimlich verschlang ich in den nächsten Jahren alle Literatur zum Thema, die ich im Bücherschrank meiner Eltern finden konnte. "Erstschlag!" zum Beispiel, in dem Robert C. Aldridge ein Schreckensszenario entwarf, wie die USA Anfang der 80er-Jahre die Vorbereitungen für einen nuklearen Überraschungsangriff auf die Sowjetunion trafen.Als Zehnjähriger wusste ich dann, was ein MIRV ist - Multiple Independently Targetable Re-entry Vehicle - ein spezieller nuklearer Sprengkopf. Ich kannte die Explosionskraft einer Interkontinental-Rakete vom Typ Minuteman in Kilotonnen. Und ich wusste auch, dass wir bei einem Supergau in Ohu, dem nächsten Atommeiler, in München eigentlich gute Überlebenschancen hatten, weil der Wind meist aus dem Westen kommt.Jedes Mal, wenn es einen Probealarm gab - die gab es damals noch regelmäßig -, bekam ich eine Panikattacke. Als in Russland gerade gegen Jelzin geputscht wurde (ich war elf) und die Alt-Kommunisten Gorbatschow den Koffer mit den Codes für die Atomraketen abgenommen hatten, warf ich mich im Dachgeschoss der Wohnung meines Vaters auf den Boden, als auf einmal die Sirenen losheulten. Ich konnte kaum noch atmen.Irgendwann legte sich meine von Tschernobyl ausgelöste Paranoia wieder. Aber es dauerte lange, viele Jahre. Die öffentliche Aufregung klang schon nach wenigen Monaten wieder ab, als die Strahlenbelastung deutlich zurückgegangen war. Heute ist klar, dass Tschernobyl in Deutschland nur sehr geringe Schäden angerichtet hat.Ein paar Tage nach der Wohnung und den alten Kartons meiner Mutter war der Keller dran. In einem Schrank fand ich zwei Pappsäcke, der Inhalt war klumpig und steinhart. Ich nahm die Milchpulversäcke, die mein Vater nach Tschernobyl für uns Kinder gekauft hatte, schleppte sie zur Mülltonne und hievte sie über die Kante.------------------------------Foto Mitte Mai 1986: Die Tschernobyl-Hysterie erreicht den Höhepunkt, hier in Frankfurt.