POTSDAM. Vor einer Potsdamer Grundschule parkt ein dunkel verglaster schwarzer Opel. Hinten sitzt ein Junge, hämmert mit den Händen gegen die Scheiben und schreit: "Lasst mich raus, ich will hier raus!" Das Kind wird von einer Frau auf dem Nebensitz am Aussteigen gehindert. Vor der geöffneten Wagentür versuchen zwei Männer und eine Frau, ein weiteres Kind in das Auto zu bugsieren. Der Junge, der zwölfjährige Bill*, schreit und wehrt sich mit Händen und Füßen. Es gibt einen Menschenauflauf. Passanten, Lehrerinnen und Schüler hören, wie Bill laut die Handy-Nummer seiner Mutter in die Menge ruft und fleht: "Holt doch Hilfe, ruft meine Mutter an oder die Polizei! Clara, bitte, warum hilfst du mir nicht? Ich steige nicht in das Auto, niemals gehe ich ins Heim!"Clara* ist die Hortleiterin der Kinder. Sie steht daneben und ist zunächst wie paralysiert. "Noch nie habe ich mich so hilflos gefühlt", sagt sie später dieser Zeitung. "Alles sah aus wie Kinderraub. Ein Kind schreit um Hilfe und ich steh' da und darf nichts tun, nichts." Mehr als eine Stunde dauert das Geschehen an diesem Vormittag vergangener Woche. Dann erst ist die Mutter herbeitelefoniert, dann erst beendet die Polizei den würdelosen Übergriff auf Bill und seinen Bruder (9 ). Die Kinder gehen nach Hause.Die Aktion war der bisherige Höhepunkt eines Familiendramas. Der Vater hatte vor Gericht das alleinige Sorgerecht für die Söhne erhalten, nun will er sie vorläufig in ein Heim nach Elsterwerda (Elbe-Elster) bringen lassen, weg von der Mutter. Da er keine Gewalt einsetzen darf, scheitern alle Versuche am Widerstand der Brüder, obwohl der Vater Verstärkung von Jugendamt und Heimleitung mitbringt. Bei jeder Aktion seien "die Kinder doch von pädagogischen Fachkräften betreut" worden, verteidigt die Elsterwerdaer Heimleiterin Ina Dehmel den Vorgang. Der Jugenddezernent von Teltow-Fläming, Horst Bührent, der die Heimkosten teils übernehmen wollte, bedauert inzwischen das Geschehen: "Das Jugendamt konnte den Vater nicht von seinem Vorhaben abhalten, wir wollten daher vor Ort eigentlich deeskalierend wirken. Ja, es stimmt, das ist misslungen".Zeugen berichten, die Kinder seien höchst verzweifelt gewesen und allein gelassen, nicht einmal verbal beruhigt worden. Im Gegenteil, der Vater drohte dem Sohn: "Keiner kann dir helfen. Du steigst da jetzt ein! Wenn nicht, kommt ein Krankenwagen. Dann bist du eben krank." Der Mann vom Jugendamt griff nicht ein. Der Krankenwagen rückte an. "Zum Schutz des Kindes", behauptet die Heimleiterin.Schon in der Woche zuvor wollte der Gerichtsvollzieher "die Herausgabe der Kinder vollstrecken". Er gab sein Vorhaben gleich auf, als er feststellte, nicht die Mutter verweigere die Herausgabe, sondern die Kinder würden ihm nicht folgen, kündigten sogar eine Flucht aus dem Heim an. Zudem sei eine "zwangsweise Herausnahme aus dem Wohnumfeld durch die Gerichtsentscheidung nicht gedeckt" und diene nicht dem Kindeswohl.Nach der Trennung der Eltern 2004 besuchten die Brüder ihren Vater noch regelmäßig. Doch seit er Konflikte wiederholt mit Ohrfeigen schlichtete, so die Darstellung seiner Söhne, verweigern die Kinder Besuche bei ihm. Das war 2006. Es sei Schuld der Mutter, ihre Kinder nicht trotzdem zum Umgang mit dem Vater bewegt zu haben, entschied der Richter am Oberlandesgericht. Der Vorwurf heißt "fehlende Bindungstoleranz". Die Mutter ist eine promovierte Wissenschaftlerin, ihre Söhne gehören zu den Klassenbesten, sind aktiv im Sportverein - eigentlich glückliche Kinder. Nur eins wollen sie nicht: bei ihrem Vater sein. Rechtfertigt das den Entzug des Sorgerechts der Mutter? Ja, urteilt das Oberlandesgericht. Um mögliche spätere Schäden von den Kindern durch Vaterlosigkeit abzuwenden, müsse in der Entwicklung der Kinder jetzt ein "Bruch hingenommen werden".Nein, widersprechen das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof in drei Grundsatzentscheidungen. Allein mangelnde Bindungstoleranz begründe für Kinder keinen Umzug in einen anderen Haushalt. Die vage Vermutung, fehlender väterlicher Umgang beeinflusse die Kindesentwicklung negativ, rechtfertige keine solche Maßnahme. Der Wille des Kindes müsse berücksichtigt werden.Der Vater der Kinder äußert sich nicht. Er hat vor Gericht erneut die Wegnahme der Kinder beantragt. Die Mutter stellte Strafanzeige gegen die Beteiligten wegen Freiheitsberaubung. Die Brüder fürchten sich jetzt vor der Schule. Die Hortleiterin sagt: "Ich möchte nie wieder als Erzieherin, als Mutter, als Bürgerin, als Mensch in eine so ausweglose Situation gedrängt werden. Doch was sollen die Kinder sagen? Wem können sie je wieder vertrauen?"*Namen geändert.------------------------------"Das Jugendamt wollte eigentlich vor Ort deeskalierend wirken. Das ist misslungen." Horst Bührent, Jugenddezernent