Dies ist die Geschichte vom Aufstieg des Hans-Georg Kammholz zum leitenden sozialistischen Schnapsbeschaffer, der eines Tages im Gefängnis endet. Und es ist die Geschichte einer Intrige, in der der leitende sozialistische Agentenführer Markus Wolf eine Rolle spielt. Denn Kammholz hatte ein Häuschen an der Ostsee. Genau so eins, wie die Kinder des Genossen Wolf es sich wünschten.Hans-Georg Kammholz stapft durch die Feriensiedlung in Dierhagen mit ihren geduckten weißen Bungalows und den glattgemähten Rasenflächen. Weder die Spätsommersonne noch die zwei Flaschen Pils können den Mann an diesem Morgen versöhnlich stimmen. Im Gegenteil, das Bier stachelt nur seine Empörung an. Vor einem kleinen Haus mit Reetdach hält er blinzelnd sein Schild in die Kamera. "Haus Windrose, Hans-Georg W. Kammholz", ist darauf eingraviert. "Mein Haus", sagt Kammholz, "eine Schande, wie diese Leute es verkommen lassen!" Er rüttelt am Jägerzaun und ruft: "Schäbige Lumpen! Die warten nur darauf, daß ich abkratze, aber sie werden sich täuschen." Hans-Georg Kammholz, 62 Jahre alt und herzkrank, läuft die Zeit davon. Daß er heute ohnmächtig vor und nicht zufrieden hinter dem Gartenzaun steht, hat mit Begehrlichkeiten zu tun, die viele Jahre zurückliegen. Damals war der Darß die "Riviera" der DDR. Hier bauten sich die Mächtigen ihre "Ferienobjekte" und Villen: Walter Ulbricht, Hermann Axen, Gerald Götting, Harry Tisch. Und manchmal kamen sie auf wundersame Weise an fremder Leute Häuser. Krimsekt und Kadarka Der Reihe nach. Mehr als vierzehn Jahre ist es her, daß Hans-Georg Kammholz aus einem prallen Leben ins Nichts fiel. In den 70er Jahren hat es der Arbeitersohn aus dem Prenzlauer Berg zum Abteilungsleiter Beschaffung beim "VEB Weingroßkellerei" in Berlin gebracht. Der Betrieb füllt Wein und Schnaps für Abnehmer im ganzen Land ab, 100 000 Flaschen am Tag. Kammholz muß die 200 dafür nötigen Artikel organisieren und vorrätig halten - vom Wein über die Kartons und Etiketten bis zu den Flaschen. Die Aufgabe löst er bravourös. Mal schiebt er hier was hin, mal holt er dort was her, er bucht Retourposten aus und schwarze Ware ein. Vor allem aber sitzt Genosse KammhoIz auf einem Zauberbrunnen, der nie versiegt. Denn in der Tauschwirtschaft sind Krimsekt und Rosenthaler Kadarka, der beliebte und immer knappe Rotwein aus Bulgarien, fast so wertvoll wie Bäderfliesen und Autoreifen. "Ich war der Pfiffigste in der ganzen DDR, konnte immer helfen, wenn was fehlte", lobt er sich selbst. "Die Reihenfolge war so: Zuerst kommt Kammholz, dann mein Vize Hinz, dann Honecker." Aber Kammholz ist außerdem patent. Er spart Material, indem er die Kartonmengen reduziert und die Flaschenkorken verkürzt, und er "veredelt" billigen Wein mit Zucker, denn "unsere Leute wollten was Süßes trinken". Dafür heimst er Neuererpreise, Medaillen und Tausende Mark an Gewinnbeteiligungen ein. Er ist das, was es eigentlich nicht geben darf: ein sozialistischer Manager. Seine Parteiorganisation wirft ihm das nicht nur einmal vor.Vom Geld, das wie der Wein in Strömen fließt, kann sich der gelernte Kaufmann bald allen Luxus leisten, der in der DDR zu haben ist: zwei Autos, Wohnwagen, Antiquitäten, West-Mark und jede Menge Frauengeschichten. In der Probierstube seines Betriebes bechert er mit Manfred Krug, Costa Cordalis und vielen anderen von Rang und Namen. Mit 46 Jahren findet er noch eine Freundin, die 25 Jahre jünger ist. Eine "dekadente Lebensweise, schämen sie sich", wird ihm eine Richterin später vorhalten. Doch wenn Kammholz davon erzählt, dann klingt es ziemlich stolz: "Ich war kein Kind von Traurigkeit!" Durch einen Tip kommt er 1977 an das Grundstück auf dem Darß: 750 Quadratmeter, nur fünf Minuten vom Strand entfernt. Kammholz kauft. Er organisiert sich einen der raren Bungalows vom Typ "Party", besorgt allerlei Baumaterial und richtet das Haus "maritim" ein - mit Buckeltruhen, antiken Schiffsglocken, Hellebarden und Steuerrad. Jetzt ist er ganz oben, auch beruflich. Seit 1980 leitet er beim "VEB Großhandel Waren des täglichen Bedarfs" die Abteilung für Reklamationen aus über tausend Restaurants, Kneipen und Bars in Ostberlin und Umgebung. Wieder verfügt er über riesige Kontingente an Alkohol. Doch in dem Gefühl "mir kann keener" geht er nun einen Schritt zuweit. Aufs Kreuz gelegt Es werden beispielsweise dreißig Kartons Cognac ausgeliefert, aber der Empfänger ist nicht da. Der Schnaps kommt zurück, keiner kümmert sich mehr darum. Man kann die Kartons jetzt wieder ins Lager bringen und neu zusammenstellen; man kann sie aber auch vernichten oder ausbuchen. "Da habe ich eben Wein und Schnaps, den niemand vermißte, unter der Hand weiterverkauft." Er bezeichnet sich zwar als "Gentleman-Gangster, wenn ick det so sagen darf", aber eigentlich sei er gar nicht kriminell gewesen. "Es haben doch alle Wasser gepredigt und Wein getrunken." Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Am 2. Oktober 1982 ist es vorbei mit dem Leben in Saus und Braus. Um fünf Uhr früh wird Kammholz aus dem Schlaf geklingelt - die Volkspolizei steht vor der Tür. Doch dann geschieht Merkwürdiges: Er kommt nicht in den "normalen" Knast; die Zellentüren schließen sich statt dessen im Stasi-Gefängnis an der Pankower Borkumstraße. Eine 10 Quadratmeter große Zelle, statt Fenstern nur Glasbausteine, keine Bücher, EinzeIhaft. Im Januar 1984 verurteilt ihn die berüchtigte "eiserne Gerda", Richterin Gerda Klabuhn, zu acht Jahren Haft - wegen "verbrecherischen Diebstahls an sozialistischem Eigentum". Alkoholika im Wert von 60 000 Mark soll Kammholz unterschlagen haben. Sein gesamtes Vermögen wird eingezogen, obwohl es ein Vielfaches der Schadenssumme beträgt. Man nimmt ihm auch Grundstück und den Bungalow in Dierhagen, um ihm "die Schwere seines Verbrechens bewußt" zu machen, wie die Richterin hervorhebt.Doch in Wirklichkeit geht das Gezerre um sein Anwesen los, kaum daß er hinter Gittern sitzt. Zunächst bekommt der damalige SED-Bürgermeister von Dierhagen den Zuschlag. Dann schalten sich im Frühjahr 1984 plötzlich "höhere Stellen" ein. Im Berliner Ministerium für Finanzen erscheint der persönliche Adjutant von Markus Wolf, Peter Feuchtenberger, und macht deutlich, daß die Kinder seines Chefs sich für das Haus in Dierhagen interessierten. Die nutzen zwar eigentlich das Haus ihres Vaters in Wustrow, unweit von Dierhagen, aber nur sporadisch. Da in Wustrow Wohnraum knapp ist, beschweren sich dort die Einheimischen; und deshalb soll ein neues Feriendomizil her.Wie am Schnürchen funktioniert nun die BefehIskette. Das Finanzministerium unterrichtet den Rat des Bezirkes Rostock, und der gibt die Anweisung an den Kreis weiter. Im Dezember 1984 erwerben die Wolf-Kinder Tatjana, Franz und Michael als "Kaufgemeinschaft Wolf" das Kammholz-Haus für den Spottpreis von 17 200 Mark. "Auf zentrale Anweisung", so ein Aktenvermerk, erhalten sie wenig später auch das Nutzungsrecht am Grundstück, das inzwischen Volkseigentum ist. Das war's. Präzise und professionell hat man Hans-Georg Kammholz aufs Kreuz gelegt. Die Nase voll Der Häftling, inzwischen im normalen Vollzug, wird 1987 vorzeitig entlassen, allerdings mit der strengen Auflage, nie wieder an die Ostsee zu fahren. Sein Leben ist zerstört, und wie als Symbol dafür findet er ein Auskommen beim VEB Bestattungswesen. "Da hatte ick endgültig die Nase voll", sagt Kammholz. Im September 1989 flüchtet er über Prag in die Bundesrepublik. Doch kaum fällt die Mauer, zieht es ihn wieder nach Berlin. Er schlägt sich als Vertreter für Staubsauger durch und nimmt den Kampf um Haus und Hof auf, die inzwischen 400 000 Mark wert sind. Wie eine Klette heftet sich Kammholz an die Fersen von Markus Wolf, den er noch immer korrekt "den Generaloberst" nennt - und nervt. Als der ehemalige Stasi-Vize 1995 im Berliner Renaissancetheater einen Vortrag hält, hält KammhoIz ein Plakat vor alle Kameras. "Markus Wolf!" steht darauf. "Sagen Sie es Ihren Kindern: Raus aus meinem Haus!" Er verteilt Flugblätter, veranstaltet Ein-Mann-Demonstrationen und beginnt - weil er dem Amt für offene Vermögensfragen nicht traut - auf eigene Faust zu ermitteln: Wie war das damals mit dem Verkauf des Bungalows? "Ich habe über 60 Recherchen durchgeführt", sagt er und zeigt sein penibel geführtes "Register". "Nur weil ich Druck gemacht habe, haben die vom Amt sich überhaupt bewegt - es blieb ihnen ja auch nischt anderet übrig." Und wirklich kehrt das Glück noch einmal zurück zu Hans-Georg Kammholz. Das Landgericht Berlin kassiert das Urteil der "eisernen Gerda" als "nicht rechtmäßig", und im Mai 1995 entscheidet auch das Vermögensamt zu seinen Gunsten: Der Kauf des Hauses durch die Wolf-Kinder sei "unredlich" gewesen. Doch die haben Widerspruch eingelegt, über den das Amt eigentlich Anfang Oktober entscheiden wollte. Der Rechtsstreit kann noch Jahre dauern. Viel Zeit, die Kammholz nicht mehr hat. Denn bei ihm läuft inzwischen alles auf das Ende zu. Von seinen Restitutionsansprüchen hat er schon 200 000 Mark verpfändet, und sein Arzt attestierte ihm eine "deutlich erniedrigte Lebenserwartung". Doch daran will Hans-Georg Kammholz an diesem Morgen nicht denken. Prüfend blickt er über den Jägerzaun. Es geht ein leichter Wind, der die Fichte vor dem Haus bewegt. "Die Tanne kommt natürlich weg" beschließt er, "und dann gibt's hier noch mal 'ne große Feier, so wie früher." +++