Lilli Pöttrich hat in beiden deutschen Staaten Karriere gemacht. In Westdeutschland absolvierte sie ein Jura-Studium und schlug danach die Diplomatenlaufbahn ein. Sie vertrat bundesdeutsche Interessen in den Botschaften in Bangladesh und in Paris. Gleichzeitig war sie unter dem Decknamen "Angelika" als Spionin für die DDR tätig. Die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der Auslandsnachrichtendienst der DDR, war auf die politisch engagierte Studentin aufmerksam geworden, damals in Frankfurt, da war sie gerade mal 22 Jahre alt. Pöttrich schrieb Personendossiers über Kommilitonen und Freunde. Sie wechselte nach Köln, weil die HVA das wünschte. Zum ersten Staatsexamen wurde sie geheim mit einem Orden geehrt.Später in Paris wurde sie für den Geheimdienst interessant. Sie arbeitete bei CoCom, dem Ausschuss, der verhindern sollte, dass die Länder unter sowjetischem Einfluss Zugang zu modernen Technologien erhalten. Pöttrich erstattete über ihre Arbeit der HVA Bericht.Der Historiker Heribert Schwan hat Lilli Pöttrich für die Dokumentation "Das Spinnennetz" über die Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes in Westdeutschland als Kronzeugin gewonnen. Es habe ihn viel Überredungskunst gekostet, erzählt Schwan auf der Präsentation seines Films in Berlin. Und weil sonst kaum ein früherer Spion reden wollte, wurde Pöttrich die Hauptprotagonistin. Aus der Dokumentation ist dadurch eher ein Porträt geworden.Konspirative TreffpunkteZusammen mit Schwan hat Pöttrich die Stationen ihrer Karriere wieder besucht: die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz, wo sie einst angeworben wurde, die Stätten ihrer diplomatischen Arbeit und die konspirativen Treffpunkte überall auf der Welt, wo sie der HVA Bericht erstattete. Sie erzählt ausführlich von den Methoden ihrer Spionage, zeigt, auf welche Weise sie sich in der U-Bahn versichert hat, dass sie nicht verfolgt wird, und wie sie mit ihren Vorgesetzten kommunizierte.Über den Kontext, in dem das Handeln der Spionin stand, erfahren die Zuschauer allerdings wenig . Was für eine Bedeutung hatten die Informationen, die sie lieferte? Warum hat die DDR diesen gewaltigen Aufwand getrieben? Der Film bleibt bei ermüdenden Aufzählungen von Namen, Decknamen und Funktionen stecken.Noch problematischer ist, dass Lilli Pöttrich auf viele Fragen zu sich selbst keine oder nur eine vage Antwort geben will. Das gibt ihr die Möglichkeit, sich ganz auf die praktischen Aspekte ihres glanzvollen Aufstiegs zu beschränken. Was für einen Vertrauensbruch es etwa bedeutete, Personendossiers über Freunde und Kollegen zu verfassen, davon ist kaum die Rede.Nach der Wende wurde Lilli Pöttrich enttarnt und zu zwei Jahren auf Bewährung und sieben Jahren Berufsverbot verurteilt. Heute arbeitet sie als "erfolgreiche Rechtsanwältin", wie es im Film heißt.Das Spinnennetz; 23.30 Uhr, ARD------------------------------Foto: Lilli Pöttrich, Ex-Agentin der DDR, erzählt ihre Geschichten.

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