Berlin - Als die Firma von Alexander Wolf in der Finanzkrise pleiteging, zählte seine Frau auf, was ihr in schwierigen Zeiten wichtig sei: Menschen, auf die man sich verlassen kann, bei denen das gegebene Wort gilt und die vor allem mutig sind, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn es gegen Widerstände geht. Die Worte seiner Frau setzten bei Wolf den Gedanken an eine Netzwerk-Community frei, die fortan aus Mitgliedern verschiedener Branchen bestehen sollte, aus Mitgliedern, die Charakter zeigen, begeisterungsfähig sind und sich keine Denkverbote auferlegen. Mit dieser Haltung startete er „AusserGewöhnlich Berlin“ im Jahr 2008.

Dreizehn Jahre später, inmitten der Pandemie, geht Wolf mit seinem Netzwerk voran und fordert die Berliner Wirtschaft auf, wieder zu öffnen und die Post-Lockdown-Phase einzuleiten, wie er es nennt. Die wöchentlichen Netzwerk-Treffen der Mitglieder finden seit kurzer Zeit wieder live statt. Bis zu 50 der insgesamt 250 Mitglieder haben sich dazu am Mittwochmorgen vor dem Tipi am Kanzleramt versammelt. Während gegenüber die steigenden Inzidenzen mit Sorge beobachtet werden dürften, herrscht auf der anderen Straßenseite Aufbruchstimmung.

Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter
Alexander Wolf hat das Netzwerk „AusserGewöhnlich Berlin“ gegründet.

Alexander Wolf begrüßt die Teilnehmer gegen 9 Uhr überschwänglich. Man wolle eine Renaissance des Berliner Lebens starten. „Wir zeigen, wie es gehen könnte. Wir quatschen nicht nur“, ruft er den Mitgliedern entgegen. Wer Wolf und die Mitglieder seines Netzwerks für Corona-Leugner hält, der irrt. Man wolle nur nicht mehr auf die Politik warten. Die Zusammenkunft ist nicht verboten, die Teilnehmeranzahl von 50 bei öffentlichen Veranstaltungen gesetzlich erlaubt.

Wolf orientiert sich für die Treffen am Tübinger Modell. Die baden-württembergische Stadt befindet sich momentan nicht im Lockdown. Wer dort shoppen gehen, ins Kino oder Restaurant will, muss einen tagesaktuellen negativen Schnelltest vorlegen und kann somit am öffentlichen Leben teilnehmen. Diesem Muster sollte man sich auch in Berlin anschließen, findet das Netzwerk. „Jeder darf öffnen, wenn er garantiert, dass sein Publikum negativ getestet ist“, fordert Wolf. „Wie er oder sie das organisiert, sollte man den Leuten dabei selbst überlassen.“

Für Wolf und seine Geschäftspartner haben Sicherheit sowie Hygiene- und Abstandsregeln oberste Priorität. Bereits bevor Wolf die Teilnehmer begrüßt hatte, mussten sich diese einer doppelten Testung unterziehen. Erst wurde jeder per Schnelltest geprüft, anschließend kam ein spezielles Testverfahren für die Augen zum Einsatz, die sogenannte Semic EyeScan Methode.

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Ein spezielles Testverfahren für die Augen kommt in den Plänen des Netzwerks zum Einsatz.

Dabei wird mit dem Smartphone ein Foto eines Auges gemacht und per App an eine amerikanische Datenbank geschickt, die während der Pandemie verschiedene Daten von Patienten gesammelt hat. Eine Covid-19-Infektion erzeuge wohl einen gewissen rötlichen Ton des Augapfels, den man erkennen könne, sagt Wolf mit dem Hinweis, dass er kein Mediziner sei, es ihm aber so erklärt worden sei. Ob diese Testmethode, die von einem Münchner Unternehmen entwickelt wurde, eindeutig ist, ist derzeit noch nicht abschließend gesichert. „Aber während Politiker dieses System noch nicht einmal in Erwägung ziehen, probieren wir es einfach aus“, sagt Wolf. Man teste schließlich doppelt.

Von den Berliner Behörden gab es vorab dennoch Kritik an den Veranstaltungen des Netzwerks, erzählt Wolf. Beim Gesundheitsamt und beim Senat habe man trotz der festgeschriebenen Teilnehmerzahl in der Verordnung eine Genehmigung einholen wollen. „In den Ämtern hieß es: „Wie, Sie wollen sich wieder treffen? Nein, das genehmigen wir nicht“, sagt Wolf. Er wurde darauf hingewiesen, in die Verordnung zu schauen. 

Paul Bischoff, Geschäftsführer der Firma MediMod, die sich in der Pandemie um die Beschaffung von medizinischen Verbrauchsgütern und Schutzausrüstung kümmert, ist Mitglied des Netzwerks. Stillstand sei für ihn nicht zu akzeptieren, sagt er. „Man darf die Wirtschaft nicht so beschränken, dass sie austrocknet. Ich bin sehr dafür, dass man Konzepte entwickelt und diese auch durchsetzt.“ Zumindest die Netzwerk-Community um Alexander Wolf hat nun ein Konzept à la Tübinger Modell in Berlin implementiert.