Wie es Multimillionär Thomas Kramer geschafft hat, seine Wahlheimat in Florida gegen sich aufzubringen: Der böse Deutsche von Miami Beach

"Er ist die Inkarnation des Bösen", sagt die Demonstrantin in Miami Beach und wedelt mit ihrem Schild "Stoppt Kramers Propaganda - Ja zur Demokratie". "Er" ist ein Deutscher: Thomas Kramer, Millionär, Mitglied der Münchener Schickeria und Noch-Schwiegersohn von Verleger Franz Burda. Innerhalb weniger Jahre hat sich Kramer in seiner Wahlheimat Miami den Ruf eines Deutschen erworben, "den viele Bürger zu hassen lieben", so die Zeitung "Miami Herald".Kramer war Anfang der 90er Jahre nach Miami Beach gekommen und hatte riesige Grundstücke am brachliegenden Südzipfel der Halbinsel gekauft. Dort wollte er einen mediterranen Wohnkomplex mit sechs Wolkenkratzern, Restaurants und Boutiquen bauen. Das Codewort: "Portofino" - benannt nach dem gleichnamigen Städtchen an der italienischen Riviera. Kostenpunkt für den Gesamtkomplex: 361 Millionen Dollar (umgerechnet rund 550 Millionen Mark).In Deutschland hatte Kramer damals gerade fürchterlich Schiffbruch erlitten: Ein Großbauprojekt in den neuen Bundesländern war gescheitert, Kramers Image als Finanzgenie und Wunderkind dahin. Burda-Tochter Catherine und Kramer - inzwischen im Scheidungs- und Erbkrieg - hatten heimlich geheiratet, doch der Burda-Clan verdammte den unerwünschten Schwiegersohn in aller Öffentlichkeit und drohte der widerspenstigen Tochter mit Familienausschluß. Miami Beach mit seinem milden Klima schien ein Ausweg zu sein. Doch schon bald wurde es häßlich. Kramer kaufte immer mehr Grundstücke und begann zum allgemeinen Entsetzen, einstige Miami-Beach-Schmuckstücke - darunter die Hotels "Ocean Haven" und "Leonarad Beach" - abzureißen. Zusammen mit einem Seelenverwandten, dem großmauligen US-Immobilien-Hai Donald Trump, wollte er Miami Beach mit Casinos beglücken. Der Plan scheiterte jedoch am Widerstand der Einheimischen. Beim Bau eines extravaganten Gebäudes auf der prominenten Washington Avenue setzte sich Kramer dann zur Empörung der Einheimischen kurzerhand über die zulässige Bauhöhe hinweg. Und als im letzten Jahr der erste von sechs Wohntürmen am Südende ihrer Insel stand, trauten die Einwohner von Miami Beach ihren Augen nicht: 44 Stockwerke hoch schraubte sich dort etwas Pastellfarbenes in einsame Höhen, das viele seitdem als "teutonisches Phallussymbol" verabscheuen - das höchste Wohngebäude südlich von Manhattan. Diverse Anzeigen wegen sexueller Belästigung und angebliche Auslassungen über Schwarze, Schwule und Kubaner besiegelten den schlechten Ruf des deutschen Millionärs. Im vergangenen November klingelten dann im Hauptquartier von Kramers Portofino Inc. die Alarmglocken. Eine Bürgerbewegung namens "Rettet Miami Beach" hatte die nötigen Stimmen für ein Referendum gesammelt. Gegenstand der Volksabstimmung: Eine Bestimmung, die den Bürgern von Miami Beach ein direktes Vetorecht bei Baugenehmigungen für überhöhte Gebäude auf Wassergrundstücken einräumt.In den Wochen vor dem Referendum entspann sich ein dramatischer Kampf zwischen David und Goliath. Die Initiatoren, mit einem Budget von spärlichen 17 000 Mark ausgestattet, verteilten Flugblätter und bearbeiteten potentielle Wähler per Telefon. Aus Furcht, daß die Bürger von Miami Beach einen Teil seiner Pläne per Abstimmung stoppen könnten, pumpte Kramer zweieinhalb Millionen Mark in eine Werbekampagne zur Stimmungsmache. Wenn Portofino gegen die Stadt klagen müsse, so würde das Miami Beach teuer zu stehen kommen, argumentierte er. Dann sei künftig weniger Geld für Schulen, Polizei etc. vorhanden. In Fernsehwerbespots ließ er Horrorszenarios darstellen: Ein Mann erleidet beispielsweise eine Herzattacke, seine Frau ruft panisch bei der Polizei an, erreicht aber nur eine Tonbandansage. Kramers simple Message: Kein Portofino, keine Polizei. Sogar der Bürgermeister von Miami Beach - obwohl Befürworter des Portofino-Projektes - kritisierte die "Angst-Strategie" der von Kramer finanzierten Propaganda.Vergangene Woche siegte David über Goliath mit 57,4 gegen 42,6 Prozent der Stimmen. "Miami Beach ist nicht käuflich", verkündeten die Sieger stolz auf ihrer Siegesfeier. Die Initiatoren des Referendums malen indes bereits an neuen Plakaten: "Kramer - hab' einen Rest von Anstand. Verlasse Miami Beach!" +++