Börse Istanbul, Ende Februar 2001: Nach einem offenen Streit zwischen Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer und dem amtierenden Ministerpräsidenten Bülent Ecevit verliert die türkische Finanzwelt das Vertrauen in das politische System. Binnen weniger Stunden stürzen die Aktienkurse um 15 Prozent ab, auch die Landeswährung Lira befindet sich im freien Fall. Für die Türkei beginnt ein Krisenjahr. Die Wirtschaft schrumpft, zahlreiche Menschen verlieren ihre Jobs. Börse Istanbul, Ende September 2004: Die Händler sind in Feierlaune, der Aktienindex ISE erreicht den höchsten Stand aller Zeiten. Der Grund sind gute Nachrichten aus Brüssel. EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen ist nach Gesprächen mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu dem Schluss gekommen, dass der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nichts mehr im Wege steht. Erdogan selbst sagt zufrieden: "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht." Die Botschaft der Börse und des Premiers lautet: Europa, wir kommen!Bremsfaktor BürokratieGut möglich, dass sich beide zu früh gefreut haben. Zwar gilt es auf politischer Bühne als ausgemachte Sache, dass die EU vom kommenden Jahr an Aufnahmegespräche mit der Türkei führen wird. Am Sonntag will Erdogan dafür noch einmal persönlich in Berlin werben. Am 6. Oktober wird Kommissar Verheugen den EU-Staats- und Regierungschefs Beitrittsgespräche empfehlen. Ob die Gespräche auch tatsächlich aufgenommen werden, darüber soll der Brüsseler EU-Gipfel dann am 17. Dezember entscheiden.Klar ist aber auch, dass die Türkei nach Europa noch einen langen Weg vor sich hat - politisch und wirtschaftlich. Das Land verfügt zwar über eine dynamische Marktwirtschaft. Neben einer gefestigten Demokratie und der Übernahme des EU-Rechts ist das eine Voraussetzung für einen Beitritt zur Union. Aber im Vergleich zu Europa ist die Türkei in weiten Teilen ökonomisch rückständig. Die Behörden gelten als korrupt, die Staatsfinanzen sind in einem desolaten Zustand. Während westtürkische Großräume wie Istanbul, Izmir oder die Touristenzentren boomen, ist der Osten des Landes bitterarm. Folge: Das Pro-Kopf-Einkommen erreicht nicht einmal das des EU-Neulings Lettland. "Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Verhandlungsprozess zwangsläufig auch zu einem Beitritt führen wird", sagt Barbara Böttcher, Europa-Expertin bei der Deutschen Bank. Zwar hätten Erdogan und seine islamisch-konservative AKP seit der Regierungsübernahme vor zwei Jahren beachtliche Reformen in Politik und Wirtschaft eingeleitet. "Man muss aber schauen, ob dieser Reformprozess auch über einen längeren Zeitraum anhält." Ohnehin steht nach dem Beginn von Verhandlungen nicht sofort ein Beitritt auf der Tagesordnung. Wenn überhaupt, wird der vielleicht in zehn oder 15 Jahren stattfinden.Dass die Türkei es schaffen kann, ihre Wirtschaft fit für Europa zu machen - daran bestehen unter Experten allerdings wenig Zweifel. "Wenn die Entwicklung so rasant weiter geht wie bisher, könnte das sogar bis zum Ende des Jahrzehnts machbar sein", sagt Marc Landau, Chef der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.Landau verweist auf die türkische Wirtschaftspolitik, die nach dem Krisenjahr 2001 zunächst der Ex-Weltbankmanager Kemal Dervis einleitete, bevor sie der AKP-Minister Ali Babacan fortführte: Der marode Bankensektor wurde saniert, die Zentralbank erhielt ihre Unabhängigkeit, während der riesige öffentliche Sektor beschnitten und die Staatsausgaben zurückgefahren wurden.Die Ergebnisse sind beachtlich. Die türkische Wirtschaft wächst in diesem Jahr voraussichtlich um sechs Prozent. Gleichzeitig sank die Inflationsrate erstmals seit mehr als 30 Jahren zeitweise unter die Marke von zehn Prozent. Anfang 2005 sollen diese Erfolge für alle Türken sichtbar werden. Dann streicht die Regierung sechs Nullen von den Banknoten. Aus einer Million Lira (0,54 Euro) wird dann eine neue Lira. Unter türkischen Unternehmern gilt es als ausgemacht, dass die Zukunft des Landes in Europa liegt. Aber auch die deutsche Wirtschaft ist im Grundsatz für einen EU-Beitritt der Türkei. Deutschland ist bei weitem der wichtigste Handelspartner des Landes. 1 200 deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort präsent. Konzerne wie DaimlerChrysler, MAN oder Bosch haben dort Werke gebaut.Demokratie, Übernahme des EU-Rechts, funktionierende Marktwirtschaft: Das sind die so genannten Kopenhagener Kriterien, die die Türkei erfüllen muss, bevor sie zur EU stoßen kann. Als Premier Erdogan gefragt wurde, ob er seine Reformpolitik auch fortsetzen wird, falls die EU dem Land keine Beitrittsverhandlungen anbietet, sagte er: "Das wären dann unsere Ankara-Kriterien."Mittlerweile erscheint sicher, dass Erdogan seinem Regierungsprogramm keinen neuen Namen verpassen muss. Dennoch hat er viel Arbeit vor sich. ------------------------------Grafik (4) Türkische Wirtschaftsstruktur. Die Landwirtschaft spielt in der Türkei eine bedeutende Rolle. Bruttoinlandsprodukt. Die Wirtschaftsleistung liegt weit unter dem EU-Durchschnitt.Inflationsrate Türkei. Die Teuerung in der Türkei geht in Riesenschritten zurück.Wirtschaftswachstum im Vergleich. Nach dem Krisenjahr 2001 wächst die türkische Wirtschaft wieder.------------------------------Foto: DaimlerChrysler lässt in der Türkei nicht nur Mercedes-Sterne fertigen. Sondern auch Busse und Lkw.