Wie gefährlich ist der Einsatz von Cadmiumtellurid? Die Bonner Solarworld macht gegen Konkurrenten mobil: Streit um Gift in Solarzellen entzweit die Branche

BERLIN. In der Solarindustrie ist ein heftiger Konflikt um den Einsatz eines Giftstoffes entbrannt - und die Branche, die sich selbst gern als Vorreiter umweltfreundlicher Energie feiert, steht damit vor einer Zerreißprobe. Einer der größten Hersteller, die Bonner Solarworld, wirft mehreren Konkurrenten vor, ein "hochgiftiges Schwermetall weltweit zu verteilen", wie ihr Kommunikationschef, Milan Nitzschke, der Berliner Zeitung sagte. Die Solarindustrie laufe Gefahr, ihren Ruf, saubere Energie zu liefern, zu verspielen.Grund für die scharfe Kritik ist der Einsatz von Cadmiumtellurid bei einigen Solarfirmen. Die chemische Verbindung aus dem hochgiftigen Schwermetall Cadmium und der ebenfalls toxischen seltenen Erde Tellur wird vor allem von First Solar verbaut. Die US-Firma verwendet den Stoff für ihre sogenannten Dünnschicht-Module.Gefahr bei HausbrandDie Dünnschichtmodule von First Solar erbringen zwar etwas weniger Leistung als die herkömmliche Technik, dafür liegt ihr Preis deutlich darunter. Am Markt sind sie höchst erfolgreich und weltweit im Einsatz. Auch in Deutschland sind tausende Anlagen mit First-Solar-Modulen aufgebaut. Neben First Solar und einigen kleineren Firmen arbeitet der weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells aus Sachsen-Anhalt mit Cadmiumtellurid. Die Q-Cells-Tochter Calyxo will noch 2009 mit der Serienproduktion von Dünnschichtzellen beginnen, in denen der Stoff enthalten ist.Wie gefährlich ist also Cadmiumtellurid (CdTe)? Fest steht: Die Bestandteile sind extrem toxisch. Das herausgelöste Cadmium aus wenigen First-Solar-Modulen würde ausreichen, einen Menschen bei Einnahme über den Mund zu töten - dies legen Tierversuche nahe. Allerdings: Als CdTe ist das Cadmium eine feste Verbindung mit dem Tellur eingegangen und dadurch wesentlich ungefährlicher. Dennoch heißt es bei einem Informationsdienst der Uni Würzburg, Cadmiumverbindungen seien "gesundheitsschädlich bei Berührung mit der Haut, beim Einatmen und Verschlucken". Die Firmen, bei denen der Stoff zum Einsatz kommt, sehen dennoch keine Gefahr. "CdTe ist unter normalen Umständen unbedenklich", sagt First-Solar-Sprecher Brandon Mitchener. Der Stoff sei in den Modulen fest eingeschlossen, es bestehe nicht die Möglichkeit, dass er in die Umwelt gelange. Es müssten auch keine Sicherheitsvorkehrungen beim Umgang mit den Modulen beachtet werden. First Solar verweist zudem darauf, dass die Module alle behördlichen Tests in den USA und Europa bestanden hätten. Bei Q-Cells beruhigt ein Sprecher: "Das ist eine sichere, absolut vertretbare Technik. Dies haben viele Studien belegt."Unabhängige Forscher haben zwar Bedenken, vermeiden aber eine Dramatisierung des Themas. Sabine Schlecht, Professorin für anorganische Chemie an der Freien Universität Berlin, sagt: "Alle Cadmiumverbindungen haben eine gewisse Gefährlichkeit." Problematisch sei vor allem, wenn das Cadmium aus CdTe herausgelöst werde. Dies könne etwa durch Säuren geschehen. "Ich halte deshalb zum Beispiel eine Hausmüllentsorgung für bedenklich." Bei den First-Solar-Modulen ist diese rechtlich sogar möglich. Die Firma bietet aber einen Recyclingservice an.Hauptstreitpunkt ist allerdings die Frage, was bei einem Hausbrand passiert, wenn CdTe-Module auf dem Dach installiert sind. Bei Temperaturen etwas über 1 000 Grad, die auch bei gewöhnlichen Bränden keine Seltenheit sind, schmilzt CdTe und gibt das Cadmium frei. Schon bei Temperaturen darunter, so die Chemikerin Schlecht, würden Cadmiumdämpfe in die Umwelt gelangen. "Das ist nicht ungefährlich", sagt sie. Insgesamt sei der Einsatz von von CdTe aber eine Abwägungsfrage. "Der gesellschaftliche Nutzen günstiger Solarenergie ist sehr hoch. Ich halte deshalb CdTe-Module für eine vertretbare Technik."First-Solar-Sprecher Mitchener hält die Gefahr bei Bränden ohnehin für beherrschbar: "In Untersuchungen mit hohen Temperaturen wurde das Cadmium zu 99,96 Prozent im geschmolzenen Glas eingekapselt." Jedoch fanden diese Tests unter Laborbedingungen statt. So wurden die Module horizontal in einen Ofen geschoben, es herrschten konstante Temperaturen.Zweifel an TestsSolarworld bezweifelt denn auch die Aussagekraft: "Es ist völlig unklar, wie die Module bei Brenntemperaturen über 1 000 Grad reagieren. Es besteht die Gefahr, dass dabei ein großer Teil des Cadmiums in die Umwelt gelangt", sagt Nitzschke. Die Studien seien in dieser Hinsicht unzureichend, es gebe schlicht keine wirklich belastbaren Erkenntnisse. "Man stelle sich vor, es kommt zu einem massiven Schadens- oder gar Vergiftungsfall - dann steht die ganze Branche am Pranger." Es gehe Solarworld bei der Kritik um diese Gefahr und nicht darum, unliebsame Konkurrenten zu schädigen.Für die Solarindustrie ist der Konflikt eine enorme Belastung. In einem von der Fachzeitschrift Photon dokumentierten Brief schlagen First Solar und Q-Cells gegen Solarworld zurück. Solarworld-Chef Frank Asbeck, der im BSW-Vorstand sitzt, habe kürzlich auf einer Verbandsversammlung eine "inakzeptable Hetzrede" gegen CdTe gehalten, heißt es in dem Schreiben. Die beiden Firmen drohen darin sogar indirekt mit dem Verbandsaustritt. Der BSW hält derzeit zu ihnen und betont, nach bisherigen Kenntnisstand sei auch CdTe ein geeignetes Halbleitermaterial zur Stromerzeugung. Bei neuen Erkenntnissen sei aber eine Neubewertung möglich.Asbeck denkt nicht ans Einlenken. Sein Sprecher sagt: "Herr Asbeck wird weiter sagen, dass er klar gegen Cadmiumtellurid ist. Er lässt sich nicht den Mund verbieten."------------------------------Neue TechnikAufstieg: First Solar, nun wegen des Einsatzes eines Giftstoffs in die Kritik geraten, ist einer der steilsten Aufsteiger der vergangenen Jahre und gehört inzwischen zu den größten Solarunternehmen der Welt. Die US-Firma produziert unter anderem in einer Fabrik in Frankfurt (Oder) Dünnschichtzellen. Sie sind deutlich günstiger in der Produktion als herkömmliche Silizium-Modelle. Dafür erbringen sie pro Fläche etwas weniger Leistung.Masse: First Solar peilt für 2009 die Produktion von Zellen mit einer Leistung von 1,1 Gigawatt an - doppelt so viel wie 2008. Das entspricht bei optimaler Sonneneinstrahlung einem großen Kohlekraftwerk.------------------------------Foto: Kontrolle eines Dünnschicht-Moduls im Werk von First Solar in Frankfurt (Oder)