In unserer Serie "Hart nachgefragt" drucken wir heute - mit freundlicher Genehmigung - ein Interview nach, welches das "Dreigroschenheft" mit Barbara Brecht-Schall, der Tochter und Nachlassverwalterin von Helene Weigel und Bertolt Brecht, führte. Heute vor 70 Jahren in Berlin geboren, aufgewachsen im Exil, spielte sie bis 1972 als Barbara Berg am Berliner Ensemble. Nach Helene Weigels Tod 1971 war sie bis 1990 beratendes Ehrenmitglied des BE.Wie geht es Ihnen momentan gesundheitlich?Comme cie, comme ca.Sie sind viel auf Reisen, wie muss man sich Ihr Leben heute vorstellen?Sehr viel zu Hause und sehr viel auf Reisen. Emsig. Gott sei Dank.Welche Rolle spielt Brecht jetzt im Jahre 2000 in Ihrem Alltag? Wer ist da wichtiger, der Vater oder Dichter? Können Sie das überhaupt trennen?Ich kann das kaum trennen, außer, dass das ne ganz persönliche Beziehung ist, aber lang, lang ist es her, dass er am Leben war. In meinem Alltag spielt er kaum noch eine Rolle, höchstens in meinem Arbeitsalltag.Macht der Nachlass nach Erscheinen der Großen Kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe noch Mühe?Weniger, viel weniger. Ich hätte gern noch eine historisch-kritische Ausgabe gehabt. Das wäre auch fast gelungen. Aber in diesem amusischen Land, wo Schulen und Theater ruiniert werden, damit die Reichen mehr Geld haben, braucht man darüber nicht reden.Weltweit gibt es ständig neue Brecht-Inszenierungen. In welchem Rahmen verfolgen Sie das Geschehen, und was für Inszenierungen schauen Sie an?Wenn ich irgendwo bin, wo Brecht gespielt wird, schau ich mir das an, aber sonst kenne ich Aufführungen nur durch gelegentliche Fernsehberichte.Gibt es junge Dramatiker oder Regisseure, die man heute in die Brecht-Tradition einreihen kann?Mit der Brecht-Tradition ist das so eine Sache. Ich hätte gerne, wenn man sagt, ein erstklassiger Regisseur ist in der Brecht-Tradition. Es gibt noch junge Regisseure, die sind unentdeckt. Ich schau mir zu wenig an, um dazu eine fundierte Meinung zu haben. Es gibt auch einige Dramatiker, die durch den Theaterschwund wenig gespielt werden.Wie sehen Sie momentan die Entwicklung des Berliner Ensembles? Gibt es Kontakte?Es gibt kühle Kontakte, wenn ihnen einfällt, sie möchten vielleicht gelegentlich mal ein Brecht-Stück spielen, weil die Leute es sehen wollen. Aber an und für sich lehnt man mich als Geschäftspartner ab.1998, zum 100. Geburtstag Ihres Vaters, gab es viele Aktivitäten. Fanden Sie, dass die beiden deutschen Brecht-Städte, Augsburg als Geburtsstadt und Berlin, diesem Anlass gerecht geworden sind?Nicht unbedingt.In vergangenen Interviews erwähnten Sie eigene dichterische Versuche. Schreiben Sie heute noch Gedichte?Kaum.Sie sind als Kind mit Ihren Eltern vor den Nationalsozialisten geflüchtet. Ihre Familie hat darunter gelitten. Sie selbst hatten dadurch eine komplizierte Kindheit. Wie empfinden Sie - auf Grund Ihrer pesönlichen Lebensgeschichte - die zunehmenden Aktivitäten und Tendenzen Rechtsradikaler zu gewaltsamen Handlungen, die besonders in der ehemaligen DDR vorkommen? Woher kommt das Ihrer Ansicht nach?Arbeitslosigkeit, Armut, Hoffnungslosigkeit führt zu so was. Oder: Von so was kommt so was, nehme ich an.Was haben Sie zu Ihrem 70. Geburtstag vor? Feiern Sie in der Familie?Selbstredend. Etwas ist kompliziert: Einen Tag vor meinem Geburtstag muss ich in Karlsruhe sein, zur "Räuber"-Premiere meiner Tochter. Deshalb muss ich meine Torten vorbacken und schnell zurück, um sie noch rechtzeitig mit Buttercreme versehen zu können.Was wünschen Sie sich zu Ihrem Geburtstag? Was wünschen Sie Brecht zu Ihrem Geburtstag?Brecht wünsche ich, dass er weiter so oft gespielt wird wie jetzt, aber nicht unbedingt, dass er so gespielt wird wie mitunter jetzt. Mir. , was soll ich mir denn wünschen? Pause. Dass man aufhört, über meine Eltern Lügen zu verbreiten.