HEIDELBERG, im April. Oberarzt Becker hat schlechte Sicht in den Atemwegen von Herrn Weber. "Überall trüber Schleim", spricht er in sein Headset, "und dieses bräunliche Pigment hier, das ist der ganze Teer vom Rauchen. Der fängt sich in den kleinen Lungenbläschen, und dann versucht der Körper verzweifelt, das Zeug wieder loszuwerden."Der Arzt hat ein Endoskop, ein fingerdickes biegsames Röhrchen mit einer winzigen elektronischen Kamera an der Spitze, über die Mundhöhle in Herrn Webers Luftröhre geführt. Er will wissen, wie es in der Lunge seines Patienten aussieht. Herr Weber, 44 Jahre alt, raucht seit 30 Jahren, im Schnitt eine bis anderthalb Schachteln pro Tag. Bei einer Röntgenuntersuchung wurde kürzlich ein Schatten auf seiner Lunge entdeckt. Die Kamera im Endoskop stößt jetzt auf ein rötliches Rinnsal. "Was immer da weiter unten wächst", sagt Oberarzt Becker, "es blutet schon spontan. Das wuchert offensichtlich so schnell, dass es oberflächlich aufreißt. Und hier, die Schleimhaut, die ist auch schon völlig zerrissen. Das ist die Zerstörung durch das Rauchen. Wir gehen jetzt weiter runter."Ein Reise in die AtemwegeZweimal pro Woche ist die Heidelberger Thoraxklinik ein Ort der öffentlichen Suche nach dem Tumor. 150 Schüler im Hörsaal werden dann per Live-Videoübertragung Zeugen einer Bronchoskopie, einer Lungenuntersuchung mit dem Endoskop. An diesem Morgen sind Hauptschüler des achten Schuljahres und Siebtklässler einer Realschule angereist, um in Herrn Webers Atemwege zu blicken.In Deutschlands größter Lungenfachklinik bekommen die Schüler unter dem knappen Motto "ohne kippe" eine hochprozentige Infusion aus Fakten und Abschreckung. Das Krankenhaus als außerschulischer Lernort - das ist ein neuer, radikaler Ansatz in der Raucherprävention, einmalig in Deutschland. Jahrzehnte gut gemeinter schulischer Aufklärung über die Gefahren des Tabakkonsums sind offenbar wirkungslos verpufft. Nirgends in Europa qualmen so viele Jugendliche wie in Deutschland. Tendenz: steigend. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Anteil der Raucher unter den 12- bis 15-Jährigen verdoppelt. Das Durchschnittsalter bei der ersten Zigarette liegt bei nur noch 11, 6 Jahren.Von den 14- bis 16-jährigen Hauptschülern, die auf der Großleinwand in Herrn Webers Lunge auf Karzinomsuche gehen, greifen mehr als die Hälfte regelmäßig zur Zigarette, schätzt die mitgereiste Lehrerin. "Und was hab' ich in den meisten Autos gesehen, mit denen die Schüler von ihren Eltern heute früh zum Treffpunkt gebracht wurden?", fragt sie. Die Antwort gibt sie selbst: "Glimmende Zigaretten. Die Eltern qualmen fast alle."Seit Juni 2000 wurden 27 000 Schüler, vor allem aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, durch das Konfrontationsprogramm der Klinik geschleust. "Wir sind das ganze Jahr schon komplett ausgebucht", sagt Michael Ehmann, an der Klinik verantwortlich für die Kooperation mit den Schulen. "Mittlerweile kommen die von ganz alleine, da brauche ich überhaupt keine Werbung zu machen."Ein besserer Ort zur Abschreckung vor dem Rauchen als die Heidelberger Klinik könnte kaum erfunden werden. Wenn die Schüler das Gebäude betreten, kommen ihnen ausgezehrte Graugesichter entgegen, etliche davon im Rollstuhl. Manche frisch Operierten saugen an der Sauerstoffflasche. In der Caféteria löffelt ein Mann im Rollstuhl, von heftigen Hustenanfällen unterbrochen, eine Erbsensuppe. "Ein Jahr nach der Erstdiagnose ist etwa die Hälfte unserer Lungenkrebspatienten gestorben", sagt Peter Drings, der Ärztliche Direktor der Klinik. "Nach fünf Jahren lebt nur noch jeder Achte."Vor dem Tauchgang in die Lunge des Patienten gibt es eine konzentrierte Dosis Klartext. Peter Drings und seine Leute wissen, dass zu viele Zahlen und Fakten an den Schülern abperlen wie Wasser an einem Duschvorhang. Die Information muss plastisch sein, knapp und konkret. "Euch wird ja erzählt, erst 15 Jahre Rauchen, dann 15 Jahre Nichtrauchen, und alles ist wieder gut", sagt Michael Ehmann den Schülern. Kurze Pause. "Scheiße, Pech gehabt", sagt er dann, "ist nicht wahr. Wir hatten vor kurzem einen Patienten hier, einen Vater von drei Kindern, der schon seit sechs Jahren nicht mehr geraucht hatte. Letzten Monat wurde er auf dem Bergfriedhof begraben."Ehmann fährt mit den Augen die Stuhlreihen entlang. "Das sind 140 Schüler hier", legt er nach. "Und ich sag' euch, dass mindestens 30, wenn nicht 40 von euch rauchen." Wieder macht er eine Pause. "Von den 40 gehen 20 durch die Tür da vorne raus. Die sterben nicht am Rauchen. Die haben Glück gehabt. Und die anderen 20, die gehen durch die Tür da drüben. Das sind die potenziellen Leichen." Aus den Reihen der Schüler ist unterdrücktes Husten zu vernehmen. Möglicherweise fühlt sich der eine oder andere plötzlich unwohl. Dabei ist der Vortrag erst die Vorstufe.Nächster Schritt im Eskalationsprogramm. Die Bronchoskopie. Sie bestätigt, was das Röntgenbild befürchten ließ: Herr Weber hat Lungenkrebs. "Dieses schmutzig-graue Gewebe im Zugang zum rechten Lungenoberlappen", diagnostiziert Oberarzt Becker, "das ist der Krebs. Und jetzt wollen wir genau wissen, was das für ein Krebs ist." Der Arzt führt eine Miniaturzange durch das Endoskop ein, die Schüler sind am Großbildschirm live dabei. OP-Schwester Yasmin betätigt den Griff. "Wenn sie zieht", erklärt Oberarzt Becker, "öffnet sich die Zange vorn wie bei einem kleinen Bagger. Damit gehe ich jetzt an den Krebs ran und zwicke ein Stück Gewebe ab." Der Greifer reißt ein Bröckchen Krebsgewebe aus dem Tumor, Blut fließt. Manche Schüler werden bleich oder gucken weg, einem wird übel, er läuft aus dem Hörsaal. Mittlerweile raucht er wieder", wird die Lehrerin ein paar Tage später sagen.Was bleibt, wenn sich der Schock des ersten Eindrucks verflüchtigt hat? Ein paar Mädchen aus der Hauptschulgruppe, erzählt eine Lehrerin, beschlossen noch am Tag des Klinikbesuchs, das Rauchen aufzugeben. "Der Akut-Effekt ist sicherlich da", bestätigt Klinikdirektor Peter Drings. "Wir haben schon Briefe von Schulklassen bekommen, in denen stand, dass vier oder fünf Schüler mit dem Rauchen aufgehört haben. Aber wie viele langfristig Nichtraucher geblieben sind und wie viele wir tatsächlich wieder vom Rauchen abgebracht haben, kann ich nicht sagen."Eine lokale Fernsehstation machte den Test. Der Sender versprach der 10. Klasse eines Gymnasiums nach der Veranstaltung in der Thoraxklinik eine Flugreise nach Mailand - wenn drei Monate lang keiner der Schüler eine Zigarette anrührt. Schon nach zwei Wochen war das Experiment beendet. Zwei Jungs hatten sich auf einer Fete zum Rauchen verführen lassen. Nach weiteren zwei Wochen gab ein Lehrer zu Protokoll: "Alles ist wieder beim Alten. Die vorher geraucht haben, rauchen alle wieder."In der RauchereckeIn Kürze wird ein Expertenteam der Berliner Charité mit einer wissenschaftlich fundierten Überprüfung beginnen. Es geht darum, welchen langfristigen Effekt die Präventions-Veranstaltung hat. Das Resultat interessiert naturgemäß auch die Sponsoren von "ohne kippe" - die Stiftung des SAP-Mitgründers Klaus Tschira, den Pharmakonzern Lilly und die AOK Rhein-Neckar. 60 bis 80 Testgruppen-Paare sollen überprüft werden - jeweils zwei Klassen ein und derselben Schule, von denen die eine in der Thoraxklinik war und die andere nicht. Peter Martus, der Leiter des Teams aus Mathematikern und Statistikern, sagt: "Wir werden die Rauchgewohnheiten per Fragebogen erfassen - in der Hoffnung, dass die Schüler ehrlich antworten." Zweimal, nach sechs Monaten und nach zwei Jahren, wird die Befragung wiederholt. In etwa drei Jahren weiß man also Genaues.Ohne Vorbereitung im Unterricht droht die Fahrt zur Thoraxklinik zum Klassenausflug mit Ekelkomponente zu verkommen. "So etwas mag durchaus unterhaltsam sein, hat aber keine nachhaltige Wirkung", sagt Jürgen Storrer, Erziehungswissenschaftler an der PH Heidelberg. Storrer arbeitet am pädagogischen Begleitkonzept des Unterrichts in der Klinik. Ab nächstem Jahr werden nur noch Klassen angenommen, die im Unterricht eine "Lungenexpertenausbildung" absolviert haben. Wer bei der Bronchoskopie dabei sein will, sollte wissen, wie eine Lunge aufgebaut ist und wie ein Endoskop funktioniert.Aber was geschieht, wenn die Schüler aus Heidelberg zurückkommen - in ihre Welt, in der viel und gern geraucht wird? "Was sehen sie, wenn sie am nächsten Tag wieder in ihre Schule kommen?", fragt Jürgen Storrer. "Die Raucherecke für die Schüler und das Raucherzimmer für die süchtigen Lehrer." Storrer hält wenig davon, allein die Raucher zu verteufeln. "Wir müssen die Nichtraucher stärken. Sie müssen raus aus der Ecke der Uncoolen." Er rechnet den Kindern oft vor, was sie sich im Gegensatz zu ihren rauchenden Freunden leisten können, wenn sie einen Monat auf Zigaretten verzichten: Handykarte, Bowling, Kino mit Popcorn.Wie viele seiner Siebtklässler rauchen, weiß Biologielehrer Andreas Bauer nicht genau. Am Tag nach dem Besuch in der Klinik, zurück in ihrer Realschule im pfälzischen Bad Bergzabern, sollen die Kinder ihre Eindrücke schildern. Bauer ist enttäuscht, weil einen Tag nach der Fahrt niemand mehr weiß, wie viele Menschen in Deutschland jährlich an den Folgen des Rauchens sterben. "Es sind 140 000", sagt der Lehrer schließlich. "Das entspricht täglich einem vollbesetzten Jumbo-Jet, der irgendwo über Deutschland abstürzt."Ob ihnen etwas aufgefallen ist, als sie einen Moment vor dem Klinikeingang standen, will der Lehrer wissen. "Ja", sagt ein Schüler, "da lagen ganz viele Zigarettenkippen." "Und da waren auch zwei Opas im Rollstuhl", fügt ein anderer hinzu."Und was war mit denen?", fragt der Lehrer. "Die haben geraucht." In Bademantel und Pantoffeln, Zigarette in der Hand, schlurfen todkranke Patienten vor der Klinik auf und ab. Rund um die Klinik stehen fünf Zigarettenautomaten, zwei davon in Vorgärten von Einfamilienhäusern, deren Besitzer dafür Geld von Automatenfirmen bekommen.Wenn in drei Jahren feststeht, ob es in den Schulklassen, die in der Thoraxklinik waren, tatsächlich mehr Nichtraucher gibt als in anderen, wird Herr Marx vielleicht schon nicht mehr leben. Zum Abschluss des Vormittags in der Klinik hat er den Schülern seine Raucher- und Patientenkarriere erzählt: 48 Jahre alt, neun Jahre geraucht, seit zehn Jahren Nichtraucher. Vor drei Monaten fing er an, blutig zu husten. Diagnose: Lungenkarzinom. Vor drei Tagen begann er eine Chemotherapie. "Es geht mir schlecht", sagt Herr Marx, "mir ist übel, ich fühle mich müde und elend."Manchmal wundert sich Klinikdirektor Peter Drings, wie viele Patienten bereit sind, vor die Schüler zu treten. "Sie müssen sich ja gleich zweimal outen, als Krebspatient und als derjenige, der sich diesen Krebs herangeraucht hat. Aber wenn ich sie anspreche, bekomme ich in den meisten Fällen ein Ja." Es gibt sogar Patienten, sagt Drings, die genau wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben - und sich trotzdem den Schülern stellen.So wie Herr Cremer, bis vor vier Wochen mit 60 bis 80 Filterlosen pro Tag Kettenraucher der schlimmsten Kategorie. Jetzt bleibt ihm nur die Hoffnung auf die Chemotherapie. "Vielleicht sollte ich mich mit einem Röntgenbild von meiner Lunge vor die Schüler stellen", sagt er. "Seht euch das an, Jungs und Mädels, das bin ich, da seht ihr meinen Krebs. Und ich flehe euch inständig an: Lasst es sein!"------------------------------Foto: Nirgends in Europa rauchen so viele Jugendliche wie in Deutschland - Tendenz steigend. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich der Anteil der Raucher unter den 12- bis 15-Jährigen verdoppelt.