Wie Heinz Zellermayer die Polizeistunde abschaffte: "Ich fand schon immer, dass das ein Unsinn war"

Herr Zellermayer, Sie werden am Sonntag 90 Jahre alt - und wenn ich es recht sehe, weiß die Jugend da draußen immer noch nicht, wem sie ihre nächtliche Freizügigkeit eigentlich zu verdanken hat...Ich erzähle es Ihnen gern noch einmal.Sie haben vor bald sechs Jahrzehnten die Polizeistunde in Berlin abgeschafft - wie kam denn das?Es war 1948. Ich hatte in der Ruine unseres alten Familienbetriebs, dem Hotel am Steinplatz, gerade wieder ein kleines Restaurant eingerichtet, mit neun Tischen. Natürlich ein reines Schwarzmarkt-Restaurant, aber dafür erstklassig...Wie das? Die Versorgungslage war doch extrem schlecht, es gab nur Lebensmittelmarken?Na ja, auf der Basis von Marken konnten wir kein Lokal führen: Zu uns kamen jeden Morgen die DPs, die Displaced Persons, die Zugang zu den reich bestückten amerikanischen Supermärkten für die Soldaten hatten. Die DPs fragten nur, was brauchen Sie? Und eine Stunde später war alles da.Fleisch, Kartoffeln, Gemüse?Alles vom Feinsten. Unsere Kunden waren damals die Kriegsgewinnler vom Schwarzmarkt, die es sich schnell wieder leisten konnten, essen zu gehen. Das lief so bis zur Blockade im Juni 1948, dann mussten wir erst einmal dicht machen.Zurück zur Polizeistunde: Wie kamen Sie dazu, diese in Berlin abschaffen zu wollen?Ich fand schon immer, dass das ein Unsinn war. Am Anfang gab es in den Westsektoren der Stadt sogar schon eine Sperrstunde um sieben Uhr abends, weil die Alliierten um die Sicherheit auf den Straßen fürchteten. Und im sowjetischen Sektor hatten die Gastwirtschaften immer eine Stunde länger auf. Auch als das später auf acht und neun Uhr im Westen verschoben wurde, haben die Russen stets noch eine Stunde draufgeschlagen, um uns im Westen zu ärgern.Das hieß...?Dass die Leute abends zum Trinken in den Ostsektor abwanderten. Das war natürlich schlecht für uns Gastronomen im Westen - und ich war damals schon Obermeister der Gastwirte-Innung.Was bitte ist ein Obermeister?Die nennen sich heute Präsidenten. Damals ging der klassische Handwerkeraufstieg aber noch vom Lehrling über den Gesellen und den Meister - zum Obermeister.Und die Polizeistunde?Also: Ich ging zuerst zu den Briten und den Franzosen, um ihnen die Abschaffung vorzuschlagen, bin aber abgeblitzt. Dann gab mir einer den Tipp, dass der US-General Frank Howley sehr aufgeschlossen sei und auch gern mal einen Whiskey trinke. Da bin ich dann hin, wir tranken einen Whiskey, er hatte Bedenken wegen der Sicherheit, wir tranken noch einen Whiskey und noch einen - und dann schlug ich vor, wir könnten es ja erst einmal 14 Tage lang versuchen. Wenn es nicht klappt, dann eben nicht. Das fand er ok.Wie modern: ein Gesetz mit Evaluationsfrist. Und dann?Dann habe ich noch am selben Tag allen Gastronomen Bescheid gesagt, dass es ab heute keine Sperrstunde mehr gibt. Auch den Polizeipräsidenten Johannes Stumm, den ich gut kannte, habe ich angerufen. Der meinte erst, er habe aber noch nichts Schriftliches darüber. Da sagte ich, es tut mir leid, alle wissen schon Bescheid - und legte schnell auf.Und die Berliner haben Sie seither gefeiert für diese weltweit einzigartige Dienstleistungsreform?Ach nein, davon war keine Rede. Das ist von einem Tag auf den anderen ganz normal geworden.Das Gespräch führte Jan Thomsen.------------------------------Foto: Heinz Zellermayer, geboren am 9. Oktober 1915, führte Restaurants und Hotels in Berlin, Paris, Wuppertal und auf Sylt - und war 20 Jahre lang Mitglied der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus.