BERLIN. Für Inge Viett war Mitte Januar - das heute so umstrittene Grußwort ihres früheren RAF-Kampfgefährten Christian Klar an die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin war erst einige Tage alt - ein öffentlicher Auftritt gebucht. Anders als Klar lebt Viett seit 1997 in Freiheit, nachdem sie die Hälfte ihrer wegen Mordversuchs verhängten 13-jährigen Haftstrafe abgesessen hatte. Im Januar sollte sie nun im Berliner Verlagsgebäude der Zeitung Neues Deutschland den "Deutschen Herbst" von 1977 und ihre Exiljahre in der DDR Revue passieren lassen. Kurz vor dem Termin aber sagte die inzwischen als Journalistin arbeitende 63-Jährige ab. In einem Schreiben an das Neue Deutschland begründete sie ihre Absage damit, dass sie in der Einladung "die Terminologie des Staatsschutzes" entdeckt habe. In ihrer - wie der "Spiegel" bemerkte - "im Ton ehemaliger RAF-Bekennerschreiben gehaltenen Suada" beklagte sie dann noch "aggressiven Klassenkampf von oben, neoliberale Manipulation und die Raubzüge der imperialistischen Staaten", dem sie drei Jahrzehnte lang mit "fiebrigem Suchen nach Mitteln, den mutierenden Moloch aufzuhalten", begegnet sei.Und jetzt hat Inge Viett sogar noch nachgelegt. Vergangene Woche veröffentlichte die linke Tageszeitung "Junge Welt" einen Text von ihr, mit dem die selbst ernannte "Aktivistin gegen Ausbeutung und imperialistische Kriege" nicht nur einmal mehr das "kapitalistische Machtsystem" und die bürgerlichen Medien mit ihren "Hofschranzen des Kapitalismus" attackiert, sondern auch - und das ist neu - den bewaffneten Kampf der "Rote Armee Fraktion" rechtfertigt. Der "politisch/militärische Angriff" sei damals "für uns (.) der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus" gewesen, schreibt Viett in ihrem Aufsatz "Lust auf Freiheit". Einen Fehler sieht die Ex-Terroristin darin nicht, sondern sie beklagt rückblickend nur, "dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären".Inge Viett gehörte Anfang der siebziger Jahre zunächst der Westberliner Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" an und organisierte unter anderem die Entführung des damaligen Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz. Ende 1977, nach dem blutigen Ende des deutschen Herbstes, schloss sie sich der RAF an, die zu diesem Zeitpunkt von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt angeführt wurde. 1983 floh Viett in die DDR, wo sie - von der Stasi mit neuer Identität ausgestattet - erst bei Dresden, dann in Magdeburg unterkam. Im Frühjahr 1990 wurde sie dann in der DDR festgenommen.Zusammen mit Klar, um dessen mögliche Begnadigung derzeit gestritten wird, Brigitte Mohnhaupt, die in den nächsten Tagen nach 24-jähriger Haft auf Bewährung entlassen wird, und der 1994 freigelassenen Irmgard Möller gehört Viett zu den sogenannten "vier Aufrechten" der RAF, die in den letzten Jahren keine Reue über ihre begangenen Taten äußerten. Sie ist aber auch die einzige dieses Quartetts, die sich häufiger zu Wort meldet, sei es in Artikeln oder in Diskussionsrunden und Talkshows.In ihrem jetzt veröffentlichten jüngsten Text verteidigt Viett den terroristischen Kampf von RAF und "2. Juni" als "Klassenkampf von unten". Vor vierzig Jahren habe es "eine kleine Schar von Menschen (gegeben), die entschlossen den Kampf gegen sie (die deutsche Elite - d. Red.) und ihr kapitalistisches Machtsystem aufgenommen hatten", schreibt sie. Inspiriert worden sei man dabei von den antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen. "Revolutionäre Gewalt hatte - zu Recht - eine moralische, befreiende Ausstrahlung", schreibt sie weiter. "Warum sollten wir nicht versuchen, aus der Revolte, die in den sechziger/siebziger Jahren doch eine ganz schöne Masse in den kapitalistischen Staaten ergriffen hatte, einen grundsätzlichen Angriff auf das System werden zu lassen?"Sie und ihre Kampfgefährten von der "Bewegung 2. Juni" hätten sich damals als "bewaffneter Arm der legal agierenden (.) undogmatischen Linken" in Westberlin gesehen, erklärt Viett. Die Entführung des Berliner CDU-Politikers Lorenz, mit der ihre Gruppe 1975 Gesinnungsgenossen aus dem Gefängnis freipresste, bezeichnet sie in diesem Zusammenhang als Beispiel dafür, wie "unser Konzept der fließenden Verbindung legaler und illegaler Zellen eine kurze Zeit wirklich fruchtbar funktioniert" habe.Zweifel an der Berechtigung des bewaffneten Kampfes lässt Viett in ihrem Artikel nicht gelten. "Die heutigen Fragen: Wieso habt ihr zu den Waffen gegriffen? Was und wer hat euch legitimiert? etc., möchte ich immer häufiger mit der Gegenfrage beantworten: Wieso haben nur wir - ein paar Hände voll - zu den Waffen gegriffen?", schreibt sie. Schließlich hätten seinerzeit "die noch existenten Alternativen zum Kapitalismus eine gewisse ideologische und materielle Rückendeckung" geboten, es habe gar "philosophische Horizonte und Häfen für unsere Anstrengungen" gegeben.Zwar wäre wohl auch mit Zigtausenden "die Schlacht" nicht gewonnen worden, räumt Viett in ihrem Aufsatz ein wenig resigniert ein. Aber den "Geistesheroen der Konterrevolution" würde es heute viel schwerer fallen, "den bewaffneten Widerstand als politische Verirrung und persönliche Verwirrung einiger ,Terroristen' aus seinem politischen, sozialen und geschichtlichen Bezug zu lösen".------------------------------Foto: Inge Viett im Jahr 2005. Sie wurde 1997 freigelassen.