NEW YORK, im Juni. Das Jahr 2002 war kein leichtes Jahr. Es gab Terrordrohungen, es gab Krieg, und dann streikten auch noch die Musiker. Viele Stücke wurden abgegesetzt, weil keine Zuschauer kamen, die Produzenten machten riesige Verluste. Milllionen von Dollar. Manche Stücke wie "The Miracle Worker" mit der Hollywood-Schauspielerin Hillary Swank in der Hauptrolle gaben schon vor der Premiere auf. Selten war der Druck so groß, selten gab es so viele Verlierer - am Broadway. Am Sonntag werden in New York die "Tonys" für die besten Theaterstücke und Musicals verliehen. Eine Art Oscar. Zuerst werden die Nominierungen bekannt gegeben. Nicht nominiert zu sein, bedeutet fast immer das Ende einer Show. Auch zwei Nominierungen sind zu wenig, es müssen schon fünf sein oder sieben oder dreizehn. Dann kann ein Musical überleben, dann wird es jahrelang am Broadway gespielt. Diese Geschichte erzählt von drei Menschen, die am Sonntag nicht gefeiert werden. Es ist die Geschichte von drei Verlierern.-Als der Vorhang zum letzten Mal fällt, stehen die Tänzer auf der Bühne und weinen. Der Regisseur bedankt sich bei jedem Musiker, Darsteller, Beleuchter und Kartenabreißer. Er sagt, er habe noch nie mit so einem guten Team zusammengearbeitet, er könne immer noch nicht glauben, dass es vorbei sei. Jetzt weint auch das Publikum.Es ist Sonntagnachmittag. "Urban Cowboy" ist ein Musical über junge Männer, die aus Texas kommen und lässig ihre Hüften schwingen, um die Mädchen zu beeindrucken. Aber sonst passiert nicht viel mehr in dem Stück, weshalb die New York Times fragte: "Wie trauen die sich, diesen Quatsch nach New York zu bringen". Es war eine grausame Kritik, es ist ein trauriges Ende. Aber Leonard Soloway weint nicht. Er öffnet die Tür zu seinem Büro am Broadway, lächelt freundlich und fragt: "Was wollen Sie wissen?" Soloway ist 75 Jahre alt, groß, weißhaarig, an seiner Hand glänzt ein goldener Siegelring. "Urban Cowboy" war sein zweiter Misserfolg in dieser Saison. Aber das scheint ihm nichts auszumachen. Wenn Investoren anrufen, die gerade ein paar Millionen Dollar in den Sand gesetzt haben, ruft er gut gelaunt in den Hörer: "Das war ein Schlag, oh mein Gott, aber ich fürchte, das hat mit Gott nichts zu tun." Der 21-jährigen Hauptdarstellerin, die getröstet werden will, sagt er: "Hi Darling, wie geht es dir, fliegst du zurück an die Westküste? Gut, das hast du dir verdient." Sie will noch länger reden, ihr Herz ausschütten, es war ihr erster Broadway-Auftritt. Es geht ihr nicht besonders gut. Aber Soloway hat jetzt keine Zeit. "Hör zu Liebling, ich fahre nach London, zu den Tonys bin ich wieder zurück. Dann rufe ich dich an, und wir gehen essen." Als er aufgelegt hat, sagt er, dass er normalerweise keine engen Kontakte zu den Schauspielern pflege. "Sie sind nicht meine Freunde." Leonard Soloway ist Manager. Ein Manager am Broadway. Theater ist für ihn keine Kunst, es ist ein Geschäft. Er sucht nach Investoren, mietet Theater an, macht Verträge und kündigt sie. Manchmal investiert er auch selbst, was ihn in seinem Leben schon viel Geld und zwei Häuser gekostet hat. Aber er kann nicht aufhören. "Es gibt kein anderes Geschäft, wo du 700 bis 800 Prozent Gewinn machen kannst." Soloway sitzt kerzengerade an seinem großen Schreibtisch, der voll gestellt ist mit Fotos von Theaterpremieren. Männer in Anzügen und Krawatten posieren neben Damen in Abendkleidern. Soloway steht immer mittendrin. Er macht seit sechzig Jahren Theater, er hat als Bühnenarbeiter angefangen, war auch mal kurz Schauspieler, ist dann aber schnell auf die andere Seite gewechselt, weil er gemerkt hat, dass er damit mehr Geld verdienen kann. Am Broadway kennt er alle Schauspieler, alle Produzenten, er hat viele Erfolge gehabt und viele Misserfolge, und er hat gelernt, dass es nur einen mächtigen Mann am Broadway gibt - und das ist der Kritiker der New York Times. Wenn der ein Stück lobt, kaufen die Reisebüros Tickets zu Tausenden, wenn er ein Stück verreißt, bestellen sie ab. Bei "Urban Cowboy", sagt Soloway, "haben wir dadurch eine Million Dollar verloren." Danach hätten sie Schluss machen sollen, sagt der Manager. Sofort. Es sei ein Fehler gewesen, wochenlang weiterzuspielen, zu warten und zu hoffen, auf die Tony-Nominierungen, auf Touristen, auf ein Wunder. "In diesem Geschäft darf man sich nicht von Gefühlen leiten lassen. Es erfordert viel Mut und viel Kraft, zu sagen, jetzt ist Schluss, aber man muss das können." Sechs Millionen Dollar haben die Produzenten von "Urban Cowboy" verloren. Soloway macht jetzt die Abrechnung. Er organisiert eine dreijährige Tour durchs Land, das Theater muss leer geräumt und weiter vermietet werden. Die Kulissen, all die Cowboyhüte, Papp-Pferde, die Bar und der Trailer, landen auf der Müllhalde und werden verbrannt. Findet er das nicht traurig?"Traurig?", sagt Soloway. "Das kostet mich noch mal hunderttausend Dollar." Am Abend der letzten Vorstellung, als die Darsteller auf der Bühne standen und weinten, hat Leonard Soloway hinter den Zuschauern im Dunkeln gestanden. Es war ein rührender Moment, vielleicht der beste in der ganzen Show. Plötzlich war der Broadway nicht mehr Glanz und Glamour, sondern harte Arbeit und Kampf und Verlust. Leonard Soloway aber hat sich geärgert und gehofft, dass es schnell vorbei ist. "So etwas", sagt er, "kann man vielleicht bei einer Studentenaufführung im College machen, aber nicht am Broadway."-Einmal hat ein Schauspieler vor Aufregung einen Herzinfarkt bekommen. Es war während der Pressevorführung von "On the Waterfront", der Abend, an dem sich alles entscheiden sollte. Da fiel Jerry Grayson, der einen Gangster spielte, einfach um. Ganz so ist es Michael Gaston nicht gegangen, als er vor ein paar Wochen in dem Stück "Ein Tag im Sterben von Joe Egg" das erste Mal am Broadway spielte. Aber aufgeregt war er auch, sagt er. Sehr aufgeregt. "Der Regisseur hatte mir gesagt, auf welchem Platz der New-York-Times-Kritiker sitzt, ich musste immer dort hinstarren. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Ich habe sogar eine Zeile vergessen. Es war schrecklich."Michael Gaston ist Schauspieler. Er hat ein paar Mal am Off-Broadway und als Nebendarsteller in Filmen gespielt. Sein Presseagent erwähnt gerne, dass er in "Far From Heaven" als Chef von Dennis Quaid zu sehen war. Es war zwar keine große Rolle, aber "Far From Heaven" wurde für den Oscar nominiert, Quaid ist ein Hollywoodstar und war mal mit Meg Ryan verheiratet. Das kommt immer gut an."Ein Tag im Sterben von Joe Egg" handelt von einem Paar, das ein schwerbehindertes Kind hat und sich vor Selbstvorwürfen und Selbstmitleid zerfleischt. Es ist ein ungewöhnlich ernsthaftes Stück für den Broadway. Gaston spielt darin einen Freund der Familie, einen reichen, mächtigen Industriellen, der zu den spastischen Anfällen des Kindes höflich lächelt und den Eltern in ihrer Not nichts Besseres zu sagen hat, als dass er im Kuratorium einer Einrichtung sitze, wo die Kinder rund um die Uhr betreut werden. Ob sie schon einmal diese Möglichkeit in Erwägung gezogen hätten. Gaston hat seinen ersten Auftritt erst nach der Pause, aber er ist am Broadway, die Kritiker lieben das Stück, es hat vier Tony-Nominierungen bekommen. Auch Michael Gaston gibt jetzt Interviews.Es ist Samstagnachmittag, die Matinee-Vorstellung ist gerade vorbei. Es gab Standing Ovations. Gaston schwitzt. Er rennt in seiner Garderobe auf und ab, bietet Wein an und Wasser und fragt, ob wir das Interview vielleicht im Auto machen können, die nächste Vorstellung sei um acht, vorher müsse er noch zu einem Geburtstag in Downtown, seine Familie warte auf ihn. Es dauert keine Minute, bis sich der Industrielle im dunklen Anzug in einen gehetzten New Yorker in Leinenhosen verwandelt hat. Er legt noch die Golduhr, die er für seine Rolle trägt, auf den Tisch, setzt sein Baseballcap auf, dann rennt er die Treppen hinunter und drängelt sich mit seinem roten Jeep durch den Verkehr.Dreimal hätte er es schon fast an den Broadway geschafft, sagt Michael Gaston. Aber immer kam irgendetwas dazwischen. Einmal sollte er neben Richard Harrison in "Henry IV." spielen. Aber Harrison durfte nicht in die USA einreisen, wegen Steuerschulden. Auch das zweite Mal scheiterte sein Broadway-Debüt. Wieder an einem Star. Marie Luise Parker hatte schon zugesagt, in "Desire under the Elms" mitzuspielen, sie waren mitten in den Proben, als Parker eine Hauptrolle in "Proof" angeboten wurde. Sie sagte zu, Gaston war wieder arbeitslos. Das dritte Stück, aus dem er rausfiel, war "On the Waterfront", und das, sagt Gaston, war in gewisser Weise Glück. Das Gangsterdrama machte sechs Tage nach der Premiere zu. Es zählt heute zu den größten und teuersten Theaterflops in der Geschichte des Broadways.Gastons Handy klingelt, seine Tochter ist am Apparat. Sie ist fünf. "Ich bin jetzt Bleeker Street, Ecke La Guardia, Schätzchen, sag Mommy, dass ich gleich komme." Er habe seine Familie in den letzten Monaten kaum gesehen, sagt Gaston. Acht Vorstellungen in der Woche, die Bezahlung ein Witz. Er müsse unbedingt noch mal mit der Gewerkschaft reden, sagt er und drückt wütend auf die Hupe, weil sich gerade ein Taxi in die Spur drängelt. Das Handy klingelt schon wieder. "Ich suche nur noch einen Parkplatz, Honey", ruft er.Einen Tag später wird in New York zum letzten Mal "Ein Tag im Sterben von Joe Egg" gezeigt. Das Stück muss schließen, weil der Hauptdarsteller, ein gefragter Stand-Up-Comedian, für eine andere Rolle proben muss. Zu den Tony-Verleihungen werden sich die Schauspieler ein letztes Mal sehen. Die beiden Hauptdarsteller sind nominiert. Wenn sie gewinnen, kann der Presseagent in Gastons Biografie schreiben, er habe an der Seite von Tony-Preisträgern am Broadway gespielt. Womöglich verbessert das seine Chancen bei seiner Suche nach einem neuen Job.Michael Kunze sitzt in einem französischen Restaurant in Manhattan. Vor ein paar Tagen ist er aus München gekommen, in München schien die Sonne, hier in New York regnet es, und auch sonst sieht die Welt nicht besonders gut aus. Am Broadway werben die Musicals jetzt mit der Zahl ihrer Tony-Nominierungen. "Hairspray" dreizehn, "Movin Out" zehn, "Nine" acht, "Gypsy" vier. "Der Tanz der Vampire" ist nicht mehr dabei. Nach sieben Wochen musste das Musical schließen. Es war der Flop der Saison, das schlechteste Musical am Broadway, schrieb die "New York Times", die noch immer mit Häme an den Misserfolg erinnert, der aus Europa kam. Wenigstens kann Kunze, der den Polanski-Film in ein Musical umgeschrieben hat, jetzt offen reden, erzählen, wie es war. Er kann sowieso nichts mehr verlieren. Vor einem Jahr habe er zu Hause in Deutschland gesessen und gewartet, sagt er. Er nahm an, die Produzenten würden ihn nach New York einladen und in die Arbeit am Musical einbeziehen. Ihn um Rat fragen oder wenigstens mitteilen, wenn sie das Drehbuch verändern. Schließlich hatte er die Rechte an dem Buch. Aber offenbar interessierte das niemanden. Niemand hat ihn angerufen, es war, als sei er gar nicht da und das Stück nicht seit Jahren in Europa ein Erfolg. Als er die neue Fassung das erste Mal las, war er schockiert. "Es war nicht mehr meine Geschichte. Alles war anders. Der ganze Charakter des Stückes, die Dramaturgie, und dann hatten sie diese Dialoge eingebaut, die es vorher gar nicht gab. Alberne, blöde Dialoge." Er wollte eine einstweilige Verfügung gegen das Musical erlassen, die Produzenten sagten ihm, das könne er gerne machen, aber wenn sie seine Fassung aufführen sollen, dann müsse er auch zehn Millionen Dollar hinterlegen, für den Fall, dass das Stück ein Flop werde. Es war Erpressung. Sie hatten ihn reingelegt. "Ich war naiv, viel zu naiv. Ich bin in ein Schlammloch gestiegen und habe gedacht, ich spiele mit kleinen Mäusen."Er trinkt seinen Wein, empfiehlt die Kalbsleber, die sei hier besonders gut. Er liebt New York, er sagt, dass es in keiner Stadt so viele kreative Menschen gebe, er habe hier gute Freunde gefunden, er nehme niemandem etwas übel. Es ist das erste Mal, dass er seit der Premiere wieder in der Stadt ist. Er versucht, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Aber es ist nicht einfach. Er hat "Gypsy" gesehen, das Musical, das hier als neuer Hit gefeiert wird. Dabei sei die Inszenierung doch "grauenhaft altmodisch, konventionell, der Stil einer Komödie am Kurfürstendamm", sagt Michael Kunze. Er versteht sie nicht, die Amerikaner, die "alles Moderne ablehnen" und sich "nach dem Geschmack eines einzelnen Mannes richten, dem Kritiker der New York Times". Und sie verstehen ihn nicht, den Deutschen, der ein klassisches Genre aufpeppen will. "Sie sagen mir immer, wir in Europa machen keine Musicals, sondern Europop."Vor ein paar Tagen war Michael Kunze in New York zu einer Gala für Broadway-Autoren eingeladen. Er saß zwischen all den anderen Schreibern und fühlte sich wie ein kleiner Junge, der das erste Mal in seine neue Klasse kommt. Er ist eben immer noch ein Außenseiter."Es erfordert viel Mut und viel Kraft, zu sagen, jetzt ist Schluss. Aber man muss das können. " Leonard Soloway, Broadway-Manager.AP/TINA FINEBERG "Wie trauen die sich, diesen Quatsch nach New York zu bringen?", schrieb der Kritiker der New York Times. Kurz danach wurde "Urban Cowboys" abgesetzt.