Cyanobakterien haben nicht das beste Image. Schließlich sind die als "Blaualgen" bekannten Einzeller dafür berüchtigt, dass sie nährstoffreiche Seen im Sommer mit unappetitlichen und zum Teil giftigen Teppichen überziehen. Doch die mikroskopisch kleinen Organismen können viel mehr, als nur Badenden den Spaß verderben - zum Beispiel einen Benzin-Ersatz für Autos herstellen. Dieses Talent nutzen die Mitarbeiter der Berliner Firma Cyano Bio- fuels. In ihren Laboren in Adlershof verwandeln sie die Einzeller in winzige Fabriken für Biotreibstoff.Genau wie Pflanzen können auch Cyanobakterien mithilfe von Sonnenlicht das Kohlendioxid in der Luft zu energiereichem Zucker verwandeln. Bei dieser Fotosynthese bauen sie Biomasse auf, die sich zu Treibstoff verarbeiten lässt. Gegenüber klassischen Energiepflanzen wie Raps oder Mais haben die Einzeller mehrere Vorteile. "Cyanobakterien sind bei der Fotosynthese bis zu zehnmal schneller als Landpflanzen", erläutert Dan Kramer, einer der Gründer von Cyano Biofuels. Zudem braucht man für ihren Anbau keine großen Äcker, die dann vielleicht für die Produktion von Nahrungsmitteln fehlen. Cyanobakterien wachsen in wassergefüllten, durchsichtigen Behältern, die man problemlos auch in unwirtlichen Wüstengebieten aufstellen kann. Hauptsache, die Sonne scheint oft genug auf die Bioreaktoren und eine nahe gelegene Wasserstelle liefert den nötigen Nachschub. Wenn dann noch die Versorgung mit Nährstoffen und Kohlendioxid stimmt, steht einer reichen Bakterien-Ernte nichts im Weg.Durch Gärungsprozesse und Destillation lässt sich die gewonnene Biomasse dann in Ethanol verwandeln - also in Alkohol. Heute schon werden mit dem Hochprozentigen weltweit Millionen von Autos angetrieben. "Praktischer ist es natürlich, wenn die Cyanobakterien das Ethanol direkt herstellen", sagt Dan Kramer. Genau diesen Trick haben er und seine Kollegen ihren einzelligen Angestellten beigebracht.Die Idee hinter ihrem Erfolg stammt ursprünglich aus den USA. In den Neunzigerjahren entwickelten Mitarbeiter des in Florida angesiedelten Unternehmens Algenol Biofuels die Vision von lebenden Biosprit-Fabriken und suchten nach Partnern, die das Verfahren auf seine Machbarkeit prüfen sollten. Weltweit gab es allerdings nur eine Handvoll Experten, die sich mit Cyanobakterien auskannten, und so stießen sie auf eine Ausgründung der Berliner Humboldt-Universität. In der 2004 gegründeten Firma Cyano Biotech untersuchten Dan Kramer und zwei Kollegen, ob Cyanobakterien als Lieferanten für Arzneiwirkstoffe in Frage kommen.Ihr Know-how überzeugte die amerikanischen Blaualgen-Enthusiasten und so ging der Auftrag für die Machbarkeitsstudie nach Berlin. "Unsere Untersuchungen haben so gute Ergebnisse geliefert, dass wir im April 2007 eine zweite Firma gegründet haben", sagt Kramer. Das Unternehmen Cyano Biofuels hat mittlerweile etwa vierzig Mitarbeiter. Deren Forschungserfolge können sich sehen lassen: Im Labor liefern die Cyanobakterien anstandslos das gewünschte Ethanol. "Auch von Natur aus stellen sie Alkohol her, allerdings nur in geringen Mengen", sagt Kramer. Mit gentechnischen Methoden haben die Forscher nun dafür gesorgt, dass die Einzeller statt Zucker überwiegend Alkohol produzieren - wie genau sie das geschafft haben, bleibt Betriebsgeheimnis.Im nächsten Schritt sollen die Einzeller ihr Talent im großtechnischen Maßstab beweisen. In Mexiko will die Firma in den nächsten Jahren die bislang größte Cyanobakterien-Farm der Welt errichten lassen. Dazu wurde ein sonnenverwöhntes Wüstengelände in Meeresnähe gekauft, das mit 40 000 Hektar Fläche fast halb so groß ist wie Berlin. Wenn die Anlage in zehn Jahren fertig ist, wird dort ein Bioreaktor neben dem anderen stehen. Darin sollen die winzigen Arbeiter dann jedes Jahr eine Milliarde Liter Bio-Ethanol produzieren.------------------------------3 Milliarden Jahre leben Cyanobakterien schon auf der Erde - und gehören damit zu den ältesten Lebewesen der Welt.TECHNOLOGIEIn seiner Wohnung in der Kreuzberger Methfesselstraße schraubte Konrad Zuse 1941 den ersten Computer der Welt zusammen. Visionäre wie er sind noch immer gefragt, doch im stillen Kämmerlein braucht in Berlin kein Tüftler mehr zu hocken. Die Forschungslandschaft der Hauptstadt mit ihren vier Universitäten, sieben Fachhochschulen und mehr als siebzig Forschungsstätten ist so gut vernetzt wie in keiner anderen deutschen Region. 200 000 Studenten und Forscher aus aller Welt wissen das zu schätzen. Dank der exzellenten Forschungsbedingungen ist es sieben Jahrzehnte nach Konrad Zuses Erfindung möglich, einen Computer per Gedankenkraft zu steuern. Die Datenhaube (Foto links), die Forscher des Fraunhofer-Instituts FIRST in Adlershof entwickelt haben, misst Hirnströme - und soll in Zukunft körperlich behinderten Menschen ermöglichen, Arm- und Beinprothesen zu steuern.