Auf dem Radarschirm von Meteorologen sind normalerweise Wolken, Regen, Schnee oder Hagel als charakteristische Flecken zu erkennen. Doch ab und zu blicken Fachleute irritiert auf eigenartige Radarechos, die wie von Zauberhand entstehen und wieder vergehen. So war es auch am 2. November vergangenen Jahres: Gegen fünf Uhr morgens zeichnete das Radar des Forschungszentrums Karlsruhe ein Echo über dem Rhein-Main-Gebiet auf, das sich streifenförmig nach Süden Richtung Neckar ausbreitete - nach etwa drei Stunden war es spurlos verschwunden.Als Ursache machten Meteorologen eine Militärübung aus, bei der Kampfjets sogenannte Düppel ausgestießen. Das sind haarfeine Glasfasern, die mit Aluminium beschichtet sind und Lamettafäden ähneln. Auf dem Radarschirm sind diese Partikel als Wolken deutlich sichtbar, denn sie reflektieren die Radarstrahlen sehr stark. Mit solchen Düppeln soll die Radaraufklärung des Gegners getäuscht und abgelenkt werden (siehe Grafik).Klage gegen UnbekanntÜber Scheinwolken dieser Art ärgerten sich die Meteorologen des privaten Wetterdienstleisters donnerwetter.de so sehr, dass die Firma mit Sitz in Bonn im Februar vergangenen Jahres Strafanzeige gegen Unbekannt stellte - wegen absichtlicher Irreführung der Öffentlichkeit, Verdacht auf Wetterbeeinflussung und Umweltverschmutzung. Aufgrund von Radarbildern am 19. Juli 2005 (siehe Foto) hatten die donnerwetter-Meteorologen im Norddeutschen Rundfunk nämlich vor Schauern gewarnt, die aus Nordwesten heranzuziehen schienen. Doch der angekündigte Regen blieb aus und so mancher Hörer beschwerte sich beim Sender, weil er seine Ausflugspläne unnötig geändert hatte.Mit ihrer Klage wollen die privaten Wetterdienstleister erreichen, dass das Düppel-Aussetzen künftig nicht mehr unangemeldet passieren darf. Die Entscheidung der Justiz steht bisher noch aus.Viele Radarexperten wundern sich über die Klage des donnerwetter-Teams. Seit Jahren sei bekannt, dass man jederzeit mit Düppeln rechnen müsse, sagt Klaus Beheng, der in Karlsruhe an der Universität und am Forschungszenrum arbeitet. Er hat zusammen mit seinem Kollegen Ulrich Blahak den donnerwetter-Prozess untersucht. Das Ergebnis: Bei den vermeintlichen Wolken handelte es sich ganz klar um Düppel-Ansammlungen. In Auftrag gegeben worden war das Gutachten von der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, die den Text nun im Internet publiziert.Für Fachleute seien Düppel oft leicht zu identifizieren, sagt Beheng: "Ist der Himmel wolkenlos, dann lässt sich ein Düppelecho leicht an seiner Streifenform und am Absinken erkennen."Wenn Düppel sich jedoch mit echten Wolken mischten, seien sie schwer sie zu erkennen, räumt Jörg Asmus vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach ein. Dann wisse man nicht, was Düppel und was Regentropfen sei. "Und selbst wenn die DWD-Wetterstationen im Bereich der Echos keinen Regen melden, sind wir nicht wirklich schlauer." Denn damit sei keinesfalls klar, dass die Radarechos auf Düppel hinwiesen. Es könnte sich dann auch um große Tröpfchen in den Wolken handeln oder um Niederschlag, der verdunstet, bevor er den Boden erreicht. Um Düppelwolken eindeutig zu identifizieren, braucht man nach Auskunft von Asmus ein Spezialgerät, über das der DWD aber nicht verfügt."In Deutschland gibt es nur ein einziges Radarinstrument, mit dem die Erkennung zweifelsfrei funktioniert - das Poldirad", bestätigt Klaus Beheng. Dieses Polarization Diversity Doppler Radar steht im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. Es strahlt Wellen ab, die nur in einer Ebene schwingen, zum Beispiel nach oben und unten. "Wenn die Düppel-Partikel die Radarwellen zurückwerfen, drehen sie diese Schwingungsebene. Anhand der zurückkehrenden Wellen kann das Poldirad dann die Düppelechos ermitteln", sagt Beheng. Dies gelingt jedoch nur in der Umgebung des Radargeräts, also in Bayern. Den Fall vom 19. Juli 2005 in Nordwestdeutschland, der die donnerwetter-Mitarbeiter erregt, hätte also auch Poldirad nicht klären können.Eine offizielle Bestätigung von Düppeleinsätzen erwartet Beheng von den Verantwortlichen nicht. Derartige Manöver werden seiner Erfahrung nach geheimgehalten. Tatsächlich gibt Major Holger Wilkens vom Pressezentrum der Luftwaffe in Köln-Wahn auf Nachfrage dieser Zeitung nur knapp schriftlich und allgemein Auskunft über die Genehmigung von Düppel-Einsätzen: "Sie sind grundsätzlich nur mit einer Ausnahmegenehmigung des Verteidigungsministeriums gestattet." Die gleiche Regel gelte auch für die Nato-Partnerstaaten, schreibt Wilkens weiter.Doch an diese Vorschriften halten sich offenbar nicht alle Kampfpiloten, die über deutsches Gebiet fliegen. In den vergangenen Jahren beobachteten die Karlsruher Meteorologen auch dann Scheinwolken, wenn, wie beispielsweise am 2. November, offiziell keine Militärübung stattfand. "Die beschriebenen Fälle können aus heutiger Sicht keinem militärischen Flugbetrieb über dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugeordnet werden", schreibt Major Wilkens dazu. An Spekulationen über sonstige Ursachen beteilige sich die Luftwaffe nicht.Keine UmweltschädenSolche "sonstigen Ursachen" sind immerhin denkbar, denn nicht nur das Militär setzt Düppel ein. Auch Meteorologen nutzen die fliegenden Fädchen zur Forschung: zum Beispiel vor kurzem in den USA, um auf diese Weise die Luftströmungen unterhalb von Gewitterwolken zu studieren. "Die Forscher haben von Flugzeugen aus Düppel gestreut und danach mithilfe des Radars analysiert, wie Gewitterwolken ihren Nachschub an Luftfeuchte erhalten", berichtet Beheng.Umweltschäden wie das donnerwetter-Team sie befürchtet, verursachen die Düppel aber erwiesenermaßen nicht. Schon vor sechs Jahren belegten Wissenschaftler um Richard Farrell von der kanadischen University of Saskatchewan in einer zusammenfassenden Auswertung früherer Studien, dass die Düppel ökologisch unbedenklich sind. Auch gesundheitliche Schäden sind offenbar nicht zu befürchten. Um in die Lunge zu gelangen, sind die haarfeinen Fäden mit 15 bis 25 Millimetern Länge und 0,1 Millimeter Dicke zu groß.Klaus Beheng schätzt, dass bei einem Düppel-Einsatz nur fünf Partikel pro Hektar niedergehen. "Wolken und andere Wettererscheinungen werden durch die Fädchen nicht beeinflusst", sagt er. Nur auf dem Radarschirm bereiten sie manchen offenbar Probleme.------------------------------Düppel - eine trickreiche GeschichteDas Militär nutzt seit fast siebzig Jahren Metallfäden, um die Radaraufklärung des Gegners zu täuschen. In den USA nennt man die Partikel Chaff (deutsch: Spreu), in England Window (Fenster); hierzulande heißen sie Düppel.Der Name Düppel kommt von dem gleichnamigen Berliner Ortsteil, wo die deutsche Wehrmacht die Verwirrtechnik im Zweiten Weltkrieg erprobten. Sie setzten die Methode bei der Bombardierung Londons ein. Auch die alliierten Streitkräfte nutzten den Trick: zum Beispiel 1943 beim Luftangriff auf Hamburg.Heutzutage können alle modernen Kampfjets Düppel ausstreuen. Meistens werden die Partikel mit kleinen Raketen in die Luft geschossen, wo sie sich schnell wolkenartig ausbreiten. (st.)------------------------------Grafik: Kampfpiloten können mit Metallfasern, sogenannten Düppeln, den Gegner verwirren. Wenn der eigene Jet vom Radar erfasst wird, setzen sie eine Wolke von Fasern frei. Diese ist auf dem feindlichen Radarschirm nicht vom Flugzeug zu unterscheiden.------------------------------Foto: Das Radarfoto vom 19. Juli 2005 zeigt langgezogene Wolkenechos über Südwestdeutschland - obwohl der Himmel dort an diesem Tag klar und wolkenfrei war. Meteorologen eines privaten Wetterdienstes vermuten, dass eine militärische Übung die Fehlechos verursacht hat.