SALT LAKE CITY, 25. Februar. Ehre, wem Ehre gebührt. Die Botschaft des Tages, vielleicht sogar die wichtigste Nachricht der 19. Olympischen Winterspiele, durfte Arne Ljungqvist ausrufen. "Wir sind den Betrügern auf den Fersen", sprach der Medizin-Professor aus Stockholm. Erst seit Juni 2001 ist das Medikament Aranesp auf dem Markt. Ljungqvist selbst hat im Oktober "in Presseberichten davon gelesen", dass Ausdauersportler mit Aranesp ihr Blut verändern, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aranesp und seine Wirkstoffe stehen noch nicht auf der Dopingliste des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Die Betrüger mussten sich sicher fühlen. Doch Ljungqvists Fahnder schlugen zu.Ein Grund zur Freude Die Skilangläufer Johann Mühlegg, Larissa Lazutina und Olga Danilowa sind die ersten drei Sportler, die des Blutdopings mit Aranesp überführt worden sind. Die drei haben bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften insgesamt 25 Goldmedaillen gewonnen. Ein prächtiger Fang der Dopingjäger. Der attraktivste in der Geschichte Olympischer Winterspiele. Aber das Wort vom Skandal ist unangebracht - es ist bloß ein Grund zur Freude für all jene, die den internationalen Wettbewerb etwas fairer gestalten wollen. "Nach nur drei Monaten haben wir die Droge aufgespürt, das ist ein enormer Fortschritt", sagte IOC-Präsident Jacques Rogge. "Das ist die bedeutende Nachricht an alle, die glauben, dass wir den Betrügern nur hinterherrennen würden", formulierte sein IOC-Kollege Ljungqvist. "Wir haben eine Menge Geld investiert, jetzt werden wir belohnt", sagte IOC-Medizindirektor Patrick Schamasch. Und IOC-Generaldirektor François Carrard verkündete: "Alle Athleten sollen wissen: Wir handeln schnell und hart. " Für Ljungqvist ist der Nachweis von Aranesp ein persönlicher Triumph. Denn gemeinsam mit seinem Landsmann Bengt Saltin, der in Kopenhagen das "Muscle Research Center" leitet, hat er hart dafür gekämpft. Das Duo setzte sich in der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gegen harte Widerstände im Vorstand durch, dass in Salt Lake City auf Blutdoping nach der so genannten Sydney-Methode getestet wird. So wurden nun, wie bei den Sommerspielen 2000, Blut- und Urinproben der Athleten analysiert. Als Faustregel gilt für Nicht-Wissenschaftler: Die Blutanalysen erbringen den Anschein des Dopings, die Urinanalysen erbringen den juristisch haltbaren Beweis.Das Engagement Saltins und Ljungqvists hat manche Funktionäre gestört. So verlangte das holländische IOC-Mitglied Hein Verbruggen, Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, im Dezember von Wada-Chef Richard Pound, die aufmüpfigen Schweden aus der Wada-Forschungsgruppe zu verbannen. "Die beiden haben ihre Glaubwürdigkeit verloren", tönte Verbruggen und forderte, sie durch "neutrale Personen" zu ersetzen. Pound aber unterstützte Saltin und Ljungqvist. "Sonst wäre ich längst gefeuert worden", hat Saltin in Salt Lake City erklärt. Ljungqvist meinte nur: "Verbruggen ist dumm, er versteht nicht, worum es hier geht. " Es geht darum, die Unsitte des Blutdopings zu bekämpfen. Im Auftrag der Wada hat Beng Saltin deshalb zum Saisonauftakt im nordischen Skiweltcup im November 2001 in Kuopio (Finnland) 303 kombinierte Blut- und Urinproben genommen. Seither ist er alarmiert, weil er bemerken musste, dass die vielen Enttarnungen unter den Langläufern bei der WM 2001 in Lahti nicht die erhoffte abschreckende Wirkung hatten. Insgesamt 18 der Proben von Kuopio bewertete Saltins Crew als sehr auffällig. Zwar übertrafen die Hämoglobin-Konzentrationen im Blut nicht die zulässigen Werte - 16,0 Gramm pro Zentiliter bei Frauen, 17,5 Gramm bei Männern -, doch für Saltin waren auch Werte unmittelbar darunter interessant. Zudem ließen einige Urinanalysen auf Unregelmäßigkeiten schließen."Um Betrügern auf die Schliche zu kommen, können wir uns nicht nur an den Grenzwerten orientieren", sagte Ljungqvist am Sonntag. "Wir müssen uns auch mit den Proben befassen, wo die Werte zwei bis drei Prozent darunter liegen. " Genau das hat Bengt Saltin getan. Zu jenen Sportlern, die dadurch in den Fokus des Fahnders gerieten, zählten die beiden Russinen und Mühlegg. "Es gab einen klaren Verdacht gegen Mühlegg", sagte Saltin: "Er hatte ein klares Muster in seinen Blutwerten, das man nicht anders interpretieren konnte. " So folgte er dem Weltmeister durch den Winter und verglich die Ergebnisse von sechs Dopingproben: "Es gab Anzeichen für kontrollierte Sauberkeit. " Vergangenen Donnerstag schließlich ging Mühlegg bei einer überraschenden Trainingskontrolle in die Falle.Mühlegg muss wie die Russinnen auf die Unfähigkeit der Fahnder gesetzt haben. Dabei war es seine Dummheit anzunehmen, Aranesp (Darbepoetin) sei weder nachzuweisen noch werde nicht darauf getestet, weil es nicht explizit auf der Dopingliste des IOC verzeichnet ist. "Aber das ist egal", meinte Ljungqvist, "wir haben immer gesagt, dass die Liste nicht hundertprozentig ist. Außerdem weisen wir da mehrfach auf dem Erythopoietin (Epo) verwandte Substanzen hin. Auch die sind verboten. " Den Analytikern fällt zwar die Unterscheidung zwischen künstlich zugeführtem und vom Körper produziertem Epo schwer, Aranesp aber kann vergleichsweise leicht geortet werden: Unverwechselbare Aminosäuren und eine zusätzliche Zuckerkette im Molekül lassen keinen Zweifel zu. "Es gibt noch einen Vorteil für uns", erläuterte Ljungqvist: "Die Halbwertzeit von Aranesp beträgt rund eine Woche, die von Epo nur etwa acht Stunden. " Schwächen im System Obgleich des Blutdopings überführt, dürfen sich Mühlegg, Lazutina und Danilowa absurderweise weiter Olympiasieger nennen. Mühlegg gewann in Salt Lake City auch über 30 km und im Verfolgungsrennen. Lazutina holte schon zwischen 1992 und 1998 fünf Goldmedaillen, Danilowa drei. Bei all diesen Wettbewerben haben sie den Dopingtest überstanden. Was aber, wegen der Schwächen im System, nicht wirklich etwas beweist. Denn bis vor kurzem war Blutdoping nicht nachweisbar. Und heute passiert es ständig, dass Athleten zwar Epo oder andere Mittel verwenden, aber wenn ihre Blutwerte nicht mehr den Grenzwert übersteigen (darauf achten die Doper penibel), besteht keine Handhabe, die Urinproben zu analysieren.Frage an die Athleten Es ist ein verzwickter Kreislauf. Ob Mühlegg und die Russinnen in Salt Lake City auch weitere Wettkampftests trotz Aranesp-Einnahme glimpflich überstanden hätten, wurde Ljungqvist gefragt. "Fragen Sie besser die Athleten, Spekulationen sind nicht mein Hobby", antwortete er. Dabei weiß Ljungqvist genau, dass so etwas ständig passiert."Ich würde auch gern jeden Doper überführen", bekannte Ljungqvist, "aber das wäre eine Illusion. " Es macht keinen Sinn, ständig vergebenen Chancen nachzutrauern. Ljungqvist konzentriert sich auf das, was möglich ist. Drei Blutdoper sind überführt. Das ist ein Signal. Nun beginnt die juristische Auseinandersetzung. Das ist ein ganz anderes Feld.Der Doping-Skandal // Blutdoping: Die Skilangläufer Johann Mühlegg (Spanien), Larissa Lazutina und Olga Danilowa (Russland) wurden der Verwendung des Wirkstoffs Darbepoetin überführt. Das Mittel, erst seit Juni 2001 im Handel unter dem Namen Aranesp erhältlich, wird gewöhnlich bei Nierenkranken eingesetzt. Es fördert die Vermehrung roter Blutkörperchen und kann die Ausdauerleistungen von Sportlern erhöhen. Aranesp ist billiger und wirkungsvoller als das Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo), kann aber länger und leichter nachgewiesen werden.Strafmaß: Am letzten Wettkampftag war der Ausschluss von den Spielen eher eine symbolische Strafe. Nach positiver B-Probe werden die erwischten Athleten vom Internationalen Skiverband Fis zwei Jahre gesperrt. Mühlegg und Lazutina mussten lediglich ihre Goldmedaillen vom 50- bzw. 30-Kilometer-Wettbewerb abgeben. Danilowa wird der achte Rang über 30 km aberkannt. Mühlegg bleibt Olympiasieger über 30 km und in der Verfolgung. Danilowa bleibt Siegerin der Verfolgung und Zweite über 10 km. Auch Lazutina darf ihre Silbermedaillen (15 km, Verfolgung) behalten.Korrekturen: Olympia-Gold über 50 km erhält der Russe Michail Iwanow, Silber geht an Andrus Veerpalu (Estland), Bronze an den Norweger Odd-Björn Hjelmeset. Der Oberhofer Andreas Schlütter ist nun Vierter. Zur Olympiasiegerin über 30 km wurde nachträglich Gabriella Paruzzi aus Italien erklärt. Ihre Landsfrau Stefania Belmondo darf sich über Silber freuen, die Norwegerin Bente Skari über Bronze. Keine Änderungen gibt es in den anderen Wettbewerben, in denen das Doper-Trio Medaillen gewann."Aus technischer Sicht ist er Olympiasieger, aber moralisch ist das eine völlig andere Frage. Wer die Ziellinie als Erster überquert, ist ein Sieger, aber es wird nie ein Champion sein, wer die Regeln des Fairplay nicht akzeptiert. " IOC-Präsident Jacques Rogge zum Dopingfall Johann Mühlegg