Wie Musik, Kunst und das Internet halfen, das tunesische Regime zu stürzen: Das Ende des Bendirmans

An der Frage, was das Internet für die Entwicklungsländer bedeutet, scheiden sich die Geister. Aber seit diesem Januar wissen wir, dass es für die unterdrückte und erniedrigte Jugend Tunesiens eine Chance bietet, sich Gehör zu verschaffen. Sie sieht im Internet nicht ein kapitalistisches Ungeheuer, das auf ihre kulturelle Identität einstürzt, sondern ein Instrument, der Welt mitzuteilen, von was für einem Tyrannen sie beherrscht wurde.Ausgerechnet im internationalen Jahr der Jugend, das von Präsident Ben Ali initiiert und von der Uno übernommen wurde, schafften Künstler und Intellektuelle, Arbeiter und Arbeitslose es in kurzer Zeit, sich mit Menschenrechts- und Friedensgruppen zu vernetzen. So gaben sie ihre bedrohte wirkliche Identität zugunsten einer virtuellen auf. Sie wurden zu "anonymus" und knackten sogar die offiziellen Web-Seiten des Regimes. Die erste Facebook-Revolution, da YouTube bisher verboten ist, war auch durch das staatliche Zensurinstrument "ammar 404" (die tunesische Bezeichnung für die Meldung "not found", das sich für die Meldung "not found" eine zynische Anspielung auf den legendären Peugeot 404 erlaubte) nicht mehr aufzuhalten.Einen Hummer für jedenEs begann mit HipHoppern, die sich mit couragierten Texten von der Selbstzensur befreiten. Der Rapper Al-General lancierte mit seinem Song "Rais El Bled" eine Botschaft an den Präsidenten - er zählte die sozialen Missstände in Tunesien auf. Auf diese Botschaft reagierte General Ben Ali auf seine Weise: Ein bewaffnetes Kommando überfiel den Rapper Al-General nachts in seiner Wohnung, transportierte ihn direkt aus dem Bett ins Gefängnis.Den Ja-Sagern, die beständig die Trommeln für das Regime schlugen, gab man den Namen Bnadri. Das ist ein Synonym für "der das Bendir schlägt", Bendir ist eine Rahmentrommel. Mit diesem Bild spielte ein zweiter Künstler: Er nannte sich Bendirman (wie Superman), als solcher lebte er in "Bendirland". Sein Kostüm war lila - die Lieblingsfarbe des Diktators. Bendirman sollte nicht Menschen retten wie Superman, sondern jeden Tunesier in Besitz eines Bendirs bringen. Und braven Bürgern wurde von Bendirman ein Geländewagen der Marke Hummer versprochen, wie ihn auch die Herrscherfamilie besitzt.Die Revolution von Tunis trägt in vieler Hinsicht noch eher die Züge einer Revolte als einer echten Revolution. Ginge es aber nach den Massen in Tunesien, würde nicht nur Ben Ali verschwinden, sondern der gesamte Staatsapparat des alten Systems mit der Einheitspartei RCD, seit mehr als einem halben Jahrhundert an der Macht. Deshalb gehen die Forderungen über reine Wirtschaftsfragen hinaus und sind politischer denn je. Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass das tunesische Regime ein System der organisierten Wirtschaftskriminalität darstellte. Sieben Familien, darunter die Familie Ben Ali, hielten die Zügel in der Hand. Sie haben bestimmt, wer wo was macht und die dubiosen Routen der Güterzirkulation immer neu geordnet, so dass der große Teil des grenzüberschreitenden Warenverkehrs in Tunesien sich außerhalb der regulären Ökonomie vollziehen konnte.Viele Tunesier haben das gewusst und geschwiegen. Denn parallel zu diesen Machenschaften gab es eine aggressive und beharrliche Selbstdarstellungsoffensive. Ben Ali versuchte, sich gegenüber dem Westen als legitimer Anbieter sinnvoller und wünschenswerter Lösungen gegen die Ausbreitung des Islamismus darzustellen, was ihm in den 80er-Jahren auch gelungen war. Er schickte die gesamte Opposition von rechts bis links und von oben bis unten entweder ins Gefängnis oder ins Exil und ebnete sich auf diese Weise den Weg, einen der mächtigsten Polizeiapparate der Welt aufzubauen. Sabab, so hießen die Spitzel in Tunesien, die für 60 Dinar monatlich (etwa 30 Euro) manches Einzelschicksal auf dem Gewissen haben. Polizeiwillkür und Todesschwadronen gehörten zur Normalität des Alltags. Die Jasmin-Revolution Tunesiens, wie mancher sie bezeichnet wissen möchte, gilt mehr als bloß dem Abgang des Diktators. Sie gilt dem Überholten des Regimes insgesamt: "RCD dégage!", erklingt es überall. RCD, hau ab!Tunesien steht derzeit im Mittelpunkt der Weltereignisse und große Teile der Forderungen zeugen davon. Die Tunesier sind sich bewusst, dass sie dabei sind, Geschichte zu schreiben, vor allem in der arabischen islamischen Welt. Wie ihre Vorfahren im Jahre 1848, die als erste die Sklaverei abgeschafft haben und im Jahre 1868 die erste Verfassung errichteten, 1956 die Polygamie abschafften und 1973 die Abtreibung erlaubt haben, feiert man 2011 den Zusammenbruch einer Diktatur und genießt die Jasmindüfte der Freiheit.Die tunesische Flagge wird als Symbol des Widerstandes in Anspruch genommen, es knistert im Gebälk Jordaniens, des Jemen, Algeriens und - nicht zuletzt - Ägypten: "Vive la Tunisie libre!"-----------------------Noureddine Ben Redjeb, aufgewachsen in Tunis, arbeitet im Haus der Kulturen der Welt. Er ist Moderator bei reboot-fm 88,4, war früher im RBB bei radio multikulti.------------------------------Foto: Tunesien im Netz: Künstler, Intellektuelle, Arbeiter und Arbeitslose konnten sich in kurzer Zeit mit Menschenrechts- und Friedensgruppen vernetzen.