Legal? Illegal? Ganz egal! Hausbesetzer, Coffeeshops, in denen Drogen verkauft werden, Prostitution, Euthanasie. Was in vielen Ländern als Verbrechen gilt, ist in den Niederlanden offenbar erlaubt. Aber das scheint nur so, denn auch nach holländischem Recht ist all das verboten. Es hält sich nur keiner daran. "Gedogen" - "Geduldet" heißt das Wort, das die Grenze zwischen "erlaubt" und "verboten" für die Holländer verschwimmen lässt. Geduldet wird, was vernünftig ist - egal was das Gesetz sagt.So hält man es für vernünftig, Hausbesetzer - man nennt sie hier Kraker - zu dulden. "Wenn wir ein Problem haben, müssen wir doch fragen: Wie lösen wir es? Und nicht: Wen verhaften wir?" sagt Hein de Haan, ein renommierter Amsterdamer Architekt. Das Gesetz gegen die Hausbesetzer sei kontraproduktiv, denn erstens widerspreche es dem Bürgerrecht auf ein Dach über dem Kopf, und zweitens sei eine hohe Obdachlosenzahl ein Armutszeugnis für jede Regierung. Der Schaden sollte so gering wie möglich gehalten werden, so de Haan, auch wenn dabei Gesetze ignoriert werden müssen.Anstatt die Hausbesetzer zu verfolgen - wie in anderen Ländern - versucht die holländische Regierung, sie unter Kontrolle zu bringen. In einigen niederländischen Städten wurden sogar Beratungen eingerichtet, um den Hausbesetzern Tipps in rechtlichen und technischen Belangen zu geben.Rits, einer der Krak-Betreuer im "Jongeren Informatie Punt" von Rotterdam, führt einmal pro Woche Wohnungssuchende in die Kunst des Hausbesetzens ein. Sein Krak-Crash-Kurs dauert kaum länger als eine halbe Stunde, denn die wichtigsten Fragen sind schnell geklärt: Wie finde ich ein leer stehendes Haus, wie komme ich schnell und unbemerkt hinein, und wie verhindere ich, dass ich genauso schnell wieder rausfliege. Phase eins ist leicht bewältigt, denn über den Besitzer eines Gebäudes gibt beispielsweise das örtliche Katasteramt bereitwillig Auskunft. Phase zwei erfolgt am besten bei Nacht und Nebel, schließlich geht es darum, unbemerkt in das Haus "einzubrechen". Phase drei erfordert dann Verhandlungsgeschick, selbstbewusstes Auftreten und Stehvermögen. Denn jetzt muss der neue Bewohner Polizei und Hausbesitzer davon überzeugen, dass er mehr Nutzen als Schaden bringt - als Schutz vor Vandalen und Brandstiftern zum Beispiel.Das scheint alles ziemlich einfach - man sucht sich ein leeres Haus, bricht ein und wohnt darin, ohne Miete zu zahlen. Die Realität sieht allerdings anders aus: Wenn es hart auf hart geht und die niederländische Polizei einen Kraker - höflich aber bestimmt - vor die Tür setzt, bleibt in der Regel nicht einmal Zeit, die Möbelpacker zu rufen. Ein Teil des persönlichen Mobiliars endet dann schon mal unter dem Trümmerhaufen des abgerissenen Gebäudes.Kraken sei ein "Full-Time-Job" und oft auch kostspielig, sagt Hein de Haan, der nebenberuflich als Tutor am Institut für sozialen Wohnungsbau der TU Delft tätig ist. Undichte Wasserleitungen, lebensgefährliche Elektroinstallationen, zerbrochene Fenster, fehlende Dichtungen. Wer tagsüber für seinen Lebensunterhalt sorgen muss, hat selten Lust, nach der Arbeit noch Löcher in der Wand zu verputzen und Leitungen zu verlegen, noch dazu mit dem Wissen, dass jeden Tag die Abrissbagger kommen können. Paul, seit Jahren eingefleischter Kraker, kennt diese Tücken des Hausbesetzens. Seitdem er sein Architekturstudium abgeschlossen hat und einem geregelten Beruf mit bis zu sechzig Wochenstunden nachgeht, sehnt er sich manchmal nach einer ganz normalen Mietwohnung. Derzeit lebt er aber noch in einem Krak-Haus. In seiner Zweizimmerbehausung sind die Mauersteine hinter dem abgebröckelten Verputz sichtbar, elektrische Leitungen hängen lose von der Decke, und beim Interview sitzen wir im wärmenden Schein eines Teelichts. Denn Pauls Nachbar - ein hart gesottener Kraker, der nicht nur keine Miete zahlen will, sondern auch Strom und Telefon kostenlos nutzen möchte, hat versucht, das öffentliche Stromnetz anzuzapfen. Dabei brannte wohl eine Sicherung durch, und Paul sitzt seither im Dunkeln. Er zuckt mit den Achseln. Stromausfall gehört zum Kraker-Alltag. Für die paar Gulden monatlich, die er mit dem Hausbesitzer - der Stadt Rotterdam - als "Verwaltungsgebühr" ausgehandelt hat, dürfe man halt keinen Luxus erwarten."Kraken", sagt Paul, "ist eine völlig andere Art zu leben und eröffnet einem täglich neue Perspektiven." Er zeigt aus dem Fenster auf ein ehemaliges Zuhause, nur einen Steinwurf von der jetzigen Wohnung entfernt. Es wurde von einem Abrisskommando dem Erdboden gleichgemacht. "In diesem Haufen von Schutt und Ziegeln liegen eine Menge Erinnerungen, eine Menge Ideen begraben", sagt er. So hatten Paul und seine Hausgenossen eine Art Tunnel quer durch die drei nebeneinander liegenden besetzten Häuser konstruiert - indem sie mannshohe Löcher durch die Trennwände schlugen. "In einem Abbruchhaus kannst du die Theorie, die du in den Architekturvorlesungen lernst, praktisch und experimentell umsetzen", erklärt Paul. In einem anderen besetzten Haus, in dem er einmal gewohnt hat, hatte ein Kollege im Keller ein Schwimmbecken installiert. Nachdem er dann noch Löcher in den Boden und in die Decke des Erdgeschosses geschlagen hatte, konnte er von seinem Bett im ersten Stock direkt in den Pool springen. "Ich könnte auch hier in dieser Wohnung machen, was ich will", meint Paul. "Das Haus wird ja ohnehin abgerissen. Wenn du in Abbruchhäusern wohnst, lernst du schnell, die konventionelle Idee von einem Heim mit vier Wänden in Frage zu stellen." Ob das Kraken deshalb bei Architekturstudenten und Künstlern so beliebt ist? "Die verfügen wohl über ein hohes Maß an Flexibilität", sagt Paul. Das sei eine Grundvoraussetzung fürs Kraken, denn langes Vorausplanen ist beim Hausbesetzen unmöglich. Paul erzählt von einem schnellen Umzug, den er und seine Mitbewohner absolvierten, als sie den Abrissbescheid bekamen. "Wir wussten, dass ein Gebäude ganz in der Nähe schon länger leer stand. Da aber alle Türen zugemauert waren, mussten wir über das Dach eines benachbarten Mietshauses einsteigen. Die Mieter im Nachbarhaus haben uns dabei unterstützt. Sie baten uns förmlich darum, hier einzuziehen."Hausbesetzer sind erstaunlicherweise oft gern gesehene Bewohner in einer Straße mit Abrisshäusern. "Würden wir hier nicht wohnen, wäre fast die gesamte Straße unbewohnt", erklärt Paul. "Unsere Nachbarn wollten nicht zwischen einer Baustelle und einem leer stehenden Haus wohnen. Das wäre dann der ideale Nistplatz für Junkies, Dealer und andere Kleinkriminelle gewesen. Wir helfen jetzt, die Straße ,sauber zu halten." Auch Hein de Haan spricht den Hausbesetzern eine soziale Rolle zu: "Kraker verhindern einerseits", sagt er, "dass gewisse Gegenden zu völligen Slums verkommen, indem sie fast verlassene Siedlungen revitalisieren, und andererseits bringen sie frischen Wind in kulturell verstaubte Nobelbezirke." Trotzdem werden die Hausbesetzer von einer Mehrheit der Bevölkerung eher geduldet als gewünscht. "Die Leute assoziieren die Hausbesetzerszene noch immer mit Junkies und Gesindel. Dabei sind wir diejenigen, die sie davor schützen", beklagt Betreuer Rits von der Rotterdamer "Jongeren Informatie Punt" die Beständigkeit der Vorurteile. Doch trotz ihres fragwürdigen Rufes gestehen die Niederländer den Hausbesetzern Freiheiten zu, die anderswo undenkbar wären. "Das ist wie mit den Bordellen und den Coffeeshops hier in Holland: Prostitution und Drogenkonsum wird es immer geben, auch wenn die Polizei dagegen vorgeht", sagt Willem, ein Design-Student. "Darum wird es einfach geduldet. So kann man die Probleme besser beherrschen, und der Staat spart eine Menge Geld." Aber warum werden dann die Gesetze nicht geändert? "Wozu der Aufwand? Wenn es auch so funktioniert", erklärt Willem die Grundidee des holländischen "Gedogen"-Prinzips - die stille Übereinkunft zwischen Bürgern und Gesetzgeber. Dass es funktioniert, darüber sind sich die Niederländer inzwischen weitgehend einig. Besonders Immobilienmakler und Hausbesitzer hatten von Anfang an heftig gegen die Duldung der Kraker opponiert. "Die Hausbesetzer machten uns viele Scherereien", erinnert sich Steffen Mailand, der drei Häuser besitzt. "Und niemand hatte den Mumm, Partei für uns zu ergreifen. Da war klar", sagt er, "wir mussten uns selbst etwas einfallen lassen."Doch der Einsatz von privaten Schlägertrupps in den frühen 80er-Jahren oder das Zumauern von Türen und Fenstern stellte sich bald als kontraproduktiv heraus. Die Not machte die verzweifelten Hausbesitzer aber erfinderisch und sie erkannten, dass man einen Brand noch immer am besten mit Feuer bekämpft. Um den Krakern den Eintritt in ihren Besitz zu verwehren, besetzten sie schließlich ihre Häuser selbst oder ließen sie besetzen. Verwandte und Bekannte, meist Studenten, wurden in die leeren Gebäude einquartiert und durften dort gratis wohnen, bis das Haus für anderweitige Zwecke gebraucht wurde. So wurde die Aktion "Anti-Krak" geboren.Was im familiären Kreis begann, entwickelte sich schnell zu einem gut organisierten Netzwerk, mit dem sich holländische Hausbesitzer gegen Kraker zur Wehr setzen. Es entstanden mehr und mehr Anti-Krak-Agenturen, denn die Nachfrage der Eigentümer nach vertrauensvollen und kooperationsbereiten "Untermieternö nahm ständig zu. Mittlerweile ist daraus in den Niederlanden ein florierender Wirtschaftszweig geworden, von dem neben den Hausbesitzern und den Billigmietern auch geschäftstüchtige Jungunternehmer profitieren. Die einzigen Leidtragenden waren von Anfang an die Kraker, die der neuen Entwicklung bald den Kampf ansagten. Allerdings umsonst. Denn der Erfolg der Anti-Krak-Bewegung konnte auch durch gezielte - meist gewalttätige - Störaktionen der frustrierten Hausbesetzer nicht gestoppt werden.Niels t Hart, Geschäftsführer der Anti-Krak-Organisation "Ad Hoc" in Rotterdam, erklärt das Prinzip, auf dem der Erfolg der Agentur basiert: "Wer bei uns Mitglied werden will und darauf hofft, mittels Anti-Krak ein billiges Zimmer zu finden, muss sich auf ein gezieltes Aussonderungsverfahren einstellen. In der Praxis heißt das, für uns kommen nur solche Bewerber in Frage, die von anderen, bereits etablierten Mitgliedern empfohlen werden. Nur in seltenen Fällen erhalten auch Bewerber "ohne Referenzen eine Chance - wenn sie beim Vorstellungsgespräch einen zuverlässigen Eindruck hinterlassenö. "Ad Hoc" und andere Anti-Krak-Agenturen verpflichten sich den Hausbesitzern gegenüber, dass die vermittelten "Untermieterö sorgfältig und achtsam mit den bewohnten Räumen umgehen und widerstandslos ausziehen, sobald der Besitzer das Haus für sich beansprucht. Als Gegenleistung kommt der Hausbesitzer für anfallende Betriebskosten, sowie die Strom- und Heizrechnungen der Bewohner auf. Ganz so billig wie konventionelle Hausbesetzer bekommen die Anti-Kraker ihre Wohnung dennoch nicht: Wer über "Ad Hoc" seine vier Wände bezieht, bezahlt einige hundert Gulden pro Monat an "Vermittlungsgebühren". Dafür wird dann allerdings auch einiges geboten. So kümmert sich "Ad Hoc" um etwaige technische Mängel oder Probleme mit der Heizung, den Strom- oder Wasserleitungen - mit einem hauseigenen und für die Bewohner kostenlosen technischen Dienst. Im Dunkeln muss hier niemand sitzen. Und wenn einmal der Auszugsbescheid ins Haus flattert, bemüht sich die Organisation, ihren Mitgliedern schnellstmöglich ein neues Dach über dem Kopf zu sichern. Sollte das nicht gelingen, was angeblich selten der Fall ist, steht man allerdings auf der Straße: Denn jeder Anti-Kraker verpflichtet sich per Vertrag, die zweiwöchige Ausziehfrist einzuhalten. Wer sich nicht daran hält, ist die Kaution los und wird für immer von der Bewerberliste gestrichen. Jan-Paul kennt derartige Probleme nicht. Er hat sich schon zum dritten Mal erfolgreich von "Ad Hoc" vermitteln lassen. Derzeit bewohnt der Architekturstudent mit zwei Freunden ein Vierzimmerhaus in Hillegersberg, das ist eine der nobelsten Adressen von Rotterdam. Das Anwesen verfügt über ein 50 Quadratmeter großes Wohnzimmer, eine voll ausgestattete Küche und einen Garten. "Mit Anti-Krak endet man nur in den seltensten Fällen in einer herkömmlichen ,Studentenwohnung ", definiert Jan-Paul den Reiz der in Europa einzigartigen Wohnidee.Bevor er in diese "Villa" zog, lebte er in einer 15-köpfigen Wohngemeinschaft, die sich 25 000 Quadratmeter in einem alten Bürokomplex teilte und später auf einem Hausboot. Als zukünftigen Architekten fasziniert ihn "die Herausforderung, in einem nicht fürs Wohnen bestimmten Gebäude zu leben". Verständlich: Sein Zimmer in dem alten Bürohaus war so groß, dass er und seine Kollegen regelmäßig Fußball darin spielten. Ins Badezimmer musste er mit dem Rad fahren. Ein befreundeter Maler hat sein Atelier gar in einer alten Kirche untergebracht, und wenn Jan-Paul seine Studienkollegen in Delft besucht, quartieren sie ihn in einer Gefängniszelle ein - sie bewohnen nämlich eine ehemalige Polizeiwachstube. Anti-Krak macht s möglich.Jan-Kees Alblas, Gründer der Anti-Krak-Agentur Bewaakt & Bewoond vermittelt seine Klienten derzeit in eine riesige Fabrikanlage in Leiden. Für wenig Geld verschaffte er einer wohnungssuchenden Studentin ein 50 Quadratmeter-Zimmer, keine fünf Gehminuten von der malerischen Innenstadt Leidens entfernt. Der beeindruckende Ausblick über das gesamte Fabrikgelände, in dem einst Teigwaren hergestellt wurden, ist im Preis inbegriffen. "Auch wenn wir mit den Krakern oft im Clinch liegen, sie haben uns all das eigentlich erst ermöglicht. Ohne ihre Initiative stünden viele Gebäude immer noch leer, und viele Menschen auf der Straße", sagt Jan-Kees Alblas. "Und ich würde meine Brötchen auf andere Weise verdienen." Es ist aber mehr als nur der Einsatz der Kraker, dem Alblas seine Karriere - oder Jan-Paul seine Wohnung - zu verdanken haben. Es ist das Prinzip des "Gedogen", des Duldens, das ihnen geholfen hat. Die Bereitschaft der Holländer, ein Gesetz zu ignorieren und stattdessen dem gesunden Menschenverstand zu gehorchen, um ein Problem rasch und nüchtern zu lösen. "So viele Häuser man auch besitzen mag", sagt Paul, "bewohnen kann man nur eines."BILDERBERG/MODRAK"Wenn du in Abbruchhäusern wohnst, lernst du, die konventionelle Idee vom Heim in Frage zu stellen. " Paul, Hausbesetzer Hertogenbosch, Niederlande - im jüngst besetzten Haus wird die Wand dekoriert. LAIF/HOLLANDSE HOOGTE/MARCUS PETERS