Wie Rechtsradikale die Christen als Feindbild aufbauen: "Gebt der Bibel keine Chance"

Es hat einige Verwirrung gestiftet, daß bei dem jüngsten offensichtlich rechtsradikal motivierten Anschlag in Lübeck erstmals ein christliches Gotteshaus Gegenstand neonazistischer Gewalt wurde. Zwar ist der unmittelbare Anlaß klar: Der Pfarrer der Nachbargemeinde gewährt einer algerischen Familie Flüchtlingsasyl. Doch abgesehen von dieser naheliegenden Begründung spricht einiges dafür, diesen Brandanschlag im Zusammenhang zu sehen mit der in den letzten Jahren verstärkt antiklerikalen Ausrichtung der rechten Szene.Bereits seit längerem beobachtet der Materialdienst der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen eine "neuheidnische Renaissance" von rechts, die normative Vorstellungen der jüdischen und christlichen Tradition gleichermaßen bekämpfe. Als eine Art Katechismus des rechten Neuheidentums fungiert das Buch "Heide sein. Für einen neuen Anfang", das Alain de Benoist 1982 in der Schriftenreihe des Kasseler Thule-Seminars veröffentlichte. Mit dem Argument, daß die jüdisch-christliche Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen vor Gott letztlich der Grund für das "multikulturelle Übel" sei, wird der christliche Universalismus in eine Reihe mit den rechten Feindbildern wie Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus oder Liberalismus gesetzt. Denn: "Es gibt nur eine echte Frömmigkeit, die des Sohnes dem Vater gegenüber und weiter den Ahnen, dem Geschlecht, dem Volk gegenüber."Allein eine Rückbesinnung auf die Glaubenswelt des vorchristlichen Europa vermöge dessen "völkische Identität" zu retten, heißt es auch in einer anderen programmatischen Schrift des Thule-Seminars, das sich seit 1980 unter dem unverfänglichen Namen "Arbeitskreis für die Erforschung und das Studium der europäischen Kultur" damit beschäftigt, wie religiöse Ideen für politische Konzepte nutzbar gemacht werden können. "Gebt der Bibel keine Chance" lautet der Slogan, mit dem die Vereinigung 1995 auf Aufklebern für ihr Anliegen warb.Die Plattheit dieses Vorstoßes mag man mit der Orientierungslosigkeit der rechtselitären Kaderschmiede erklären, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein neues Feindbild suchte. Über das tiefsitzende antichristliche Moment im Weltbild von Benoist und seinen Jüngern vermag das nicht hinwegzutäuschen. Der religiöse Aspekt des Neuheidentums spielt dabei eine untergeordnete Rolle oder hat rein instrumentellen Charakter. "Deutschgläubigkeit", so heißt es in der Satzung der Berliner Deutschgläubigen Gesellschaft, "ist die volkhaft-religiöse Anerkennung der natürlichen Bindungen an das eigene gewachsene Volk."Eine solche Verquickung von (völkischer) Politik und Religion besitzt in Deutschland eine Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht und in den Kontext der bürgerlichen zivilisationskritischen Protestbewegungen gehört. Wie heute der vermeintlichen "Überfremdung" entgegengewirkt werden soll, galten die Bemühungen um die Jahrhundertwende der Suche nach einer germanischen Alternative zu der als krisenhaft empfundenen modernen Welt.Ausgehend von Paul Anton de Lagardes Forderung nach einer nationalen Religion wurden zunächst Bemühungen zur Germanisierung des Christentums unternommen, die auf die argumentative "Arisierung" Jesu hinausliefen. Nur der radikalere Zweig der Deutschgläubigen orientierte sich an der germanischen Götterwelt, die sich infolge der Mythenadaption Richard Wagners allgemeiner Beliebtheit erfreuten."Sigfried oder Christus?!" ­ vor diese Alternative stellte Otto Sigfrid Reuter, der Gründer der Deutschgläubigen Gesellschaft, die Leser seiner "Kampfschrift an die germanischen Völker zur Jahrtausendwende". Trotz der Popularisierung durch die auflagenstarke Zeitschrift "Der Volkserzieher", deren Herausgeber Wilhelm Schwaner mit seiner "Germanenbibel" 1904 einen Versuch zur völkischen Umdeutung des deutschen Kulturerbes unternommen hatte, blieb der Germanenglaube eine Strömung mit nur mittelbarer Breitenwirkung. Erst in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus gelang dem Neopragmatismus der Ausbruch aus dem subkulturellen Ghetto. Auch wenn machtpolitische Überlegungen Hitler bald zu einer Allianz mit den christlichen Konfessionen bewegten, blieb der Germanenglaube für die Ideologen um Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler wesentliches Element ihrer Weltanschauung.Heute, im Zuge der "neuheidnischen Renaissance", ist etwa der Sachsenhain wieder ein beliebter Wallfahrtsort der Szene. Himmler hatte die "Weihestelle" 1934 zum Gedenken an die 4 500 unter Karl dem Großen umgebrachten Sachsen in Verden/Aller errichten lassen. Hier habe mit der "gewaltsamen Ausbreitung des Christentums" vor über 1 000 Jahren jene europäische Fehlentwicklung eingesetzt, die schließlich zu unserer an universalistischen Idealen ausgerichteten modernen Zivilisation führte, beklagt Jürgen Rieger, Rechtsanwalt aus Hamburg und Leiter der "neuheidnischen Artgemeinschaft".Der eingetragene Verein, dessen Mitglieder sich zu einem "rassenbedingten, antichristlichen Kampf" bekennen, gilt als Schnittstelle zwischen Neuheidentum und Neonazi-Szene. Prominente Mitglieder der Artgemeinschaft pflegen enge Kontakte zum Asgard-Bund, einem völkisch-religiösen Ableger der militanten Kampfgruppe des inzwischen inhaftierten Neonazis Windfried Arnulf Priem.