Wie regiert man in diesen Tagen angemessen auf eine Stasi-Enthüllung?: Die letzte Akte

Existenzangst. Gerade ist das Wort Existenzangst gefallen. Es gehörte zu dem Satz "Ich habe Existenzangst", den Gisela Oechelhaeuser gesprochen hat. Nun herrscht Stille. Das Wort schwebt schwarz und schwer über dem Nordberliner Wohnzimmertisch der Prinzipalin, auf dem ein Ferrero-Plasteschälchen steht, aus dem ich mir eben eine goldene Rocher-Kugel gefischt habe. Aber es wäre unpassend, jetzt das Schokoladenpapier abzuwickeln, es könnte prosaisch knistern, und so schmilzt die Kugel langsam in meiner Hand, während wir schweigen. Der schmale Mann zwischen uns wagt nicht, seine Zigarette anzuzünden, er hält sie in der linken Hand, zusammen mit einem Streichholz, in der rechten wartet die Streichholzschachtel. Seine Augen sind groß und traurig. Auf der Bank neben ihm liegt die Stasiakte seiner Lebensgefährtin. Vier Jahre wurde die Intendantin des Berliner Kabaretts "Die Distel" von der Staatssicherheit als IM Gisela geführt. Ein daumendicker Papierstapel, laue 70er-Jahre-Geschichten in der steifen Sprache eines Feldwebels. Es läßt mich völlig kalt, aber wir sitzen hier fest, dornröschenhaft erstarrt in einer grotesken unwirklichen Begegnung, in Bernstein gegossen für die Nachwelt. Drei Laiendarsteller einer letzten Untersuchungskommission. Das Jüngste Gericht. Nur die Schokoladenkugel in meiner warmen Hand und die hunderter Marlboro Light von Gisela Oechelhaeuser leben noch. Der Rest ist fest und tot. Hinterm Panoramafenster blinkt der Pool in der Abendsonne. Nichts paßt weniger in diese Vorstadtidylle als das Wort Existenzangst. Aber es ist da. Irgend etwas ist schiefgelaufen.Vor neuneinhalb Jahren wurden die Zentralen der Staatssicherheit gestürmt, vor drei Wochen wurde Gisela Oechelhaeusers IM-Akte entdeckt. Sehr spät, ausgerechnet von der Super-Illu, und auch noch mitten im Krieg. Es sieht aus, als würde das hier eine Geschichte mit vielen Mißverständnissen werden. Die Erinnerungen verblassen, die Stasi ist lange tot, die Wut ist weg, Gauck ist aktenmüde. Er sucht nach einem neuen Job, heißt es. Nicht einfach. Nach allem.Ich treffe mich mit dem Behördensprecher Legner im Café Einstein Unter den Linden. Er wirkt locker und erzählt schnell, daß er früher bei der "taz" war. Er gesteht, daß Joschka Fischer nur Glück gehabt hat, daß es keine Stasi im Westen gab, weil er andernfalls mit Reden konfrontiert werden könnte, die ihn als Außenminister den Kopf kosten würden. Damit hat er mich in der Tasche. Fischer sähe ich jetzt gerne zittern. Ich erzähle ihm, wie mich ein Bernd vor zehn Jahren, genau hier in dem Café, das damals Kisch-Café hieß, anzuwerben versuchte, und Legner erzählt, daß es bei ihm das Schwalbennest im Nikolaiviertel war. Lustige Jugenderinnerungen. "Wir sind die Herren des Papiers", sagt Legner. "Wir können nur bedingt zum Mitleiden auffordern. Sehen Sie, in der Akte der Oechelhaeuser steht doch nur Kantinengewäsch. Die hat anschließend den Keller geheiratet. Dann hat sie es dem erzählt. Das war ein hoher Funktionär, die Stasi hat die Zusammenarbeit beendet, weil Keller zu wichtig war, jetzt soll sie sich für die Zeit davor verantworten. Mir tut sie leid, aber wir können nur zum verantwortungsvollen Umgang mit den Akten auffordern. Die DDR hat ihre Bewohner zu einer gewissen Mitleidlosigkeit erzogen", sagt Legner. Er hat abgespielt. Der Ball ist weg. Am Ende erzählt er von einem Hollywoodproduzenten, der sich für ihre Archive interessiere, für die Charaktere. Keine Namen, nur Charaktere. Filmcharaktere. Legner ist ein amüsanter Plauderer, und irgendwann weiß man gar nicht mehr, wer eigentlich die Linie durchs Land gezogen hat, die Schuldige von Unschuldigen trennt. Legner sagt, daß man in der Beliebtheitsskala der meisten Ostler um fünf Stufen nach unten rutscht, wenn man in der Gauckbehörde arbeitet. Komisch. "Wir haben kein überdurchschnittliches Interesse mehr an Stasigeschichten", sagt Jochen Wolff. Der Chefredakteur der Super Illu ist ein großer Bayer mit einer roten, knubbeligen Nase, die er seit Jahren in den ostdeutschen Wind hält. Wolff hat sich kaum getäuscht, die Auflage seiner Heimatillustrierten liegt bei 600 000 Exemplaren. "Wir können die Stasi aber nicht unter den Teppich kehren, das widerspricht unserem journalistischen Verständnis", sagt er. Neben ihm steht die stellvertretende Chefredakteurin Sabrina Stechel, meine Kommilitonin von der Karl-Marx-Universität Leipzig. "Wir wollen keine Ohrfeigen verteilen für Lebenswege, die anders waren", sagt sie ernsthaft. Andere Lebenswege. Ich möchte sie kneifen, an die Grundlagen des sozialistischen Journalismus erinnern und an gemeinsame Exkursionen ins Flachglaskombinat Torgau, aber es ist zu spät. Sie würde es nicht mehr verstehen. "Man darf diese Stasisache nicht überstrapazieren", sagt sie. "Es muß ein öffentliches Interesse geben. In diesem Fall liegt das zwischen Aktuellem und Show. Ein Jürgen Hart kommt vor, den man von seinem Hit ,Sing mei Sachse, sing kennt." Zur Titelgeschichte hat es nicht gereicht, auf dem aktuellen Umschlag kann man die schöne Schauspielerin Cosma Shiva Hagen sehen. Weil Jochen Wolff aber auf Nummer Sicher geht, hat er daneben noch ein Foto der volkstümlichen Sängerin Stefanie Hertel gequetscht und darunter geschrieben "Ganz jung. Ganz oben. Geht das gut?" Bestimmt. "Wir haben die Akte der Oechelhaeuser ja schon relativ lange", sagt Wolff. "Aber wir hatten im letzten Heft die Stasigeschichte von der Gaby Seyfert. Das war so eine Verkettung. Zweimal Stasi in einer Nummer geht nicht." Das alte Heft liegt auf dem Tisch. Die ehemalige Eiskunstläuferin Gaby Seyfert lächelt lasziv vom Titelbild. Eher Puffmutter als IM. Gaby Seyfert hat nichts zu fürchten. Normalerweise hätten sie wohl den Reporter Praschl zur Oechelhaeuser geschickt. Aber der war gerade in Mazedonien, um für den Text "Bewegende Bilder & Schicksale. Was Illu-Reporter im Kosovo erleben" zu recherchieren. Sicher hat die Super-Illu auch kein überdurchschnittliches Interesse an diesen Kriegsgeschichten, aber unter den Teppich kehren kann man den Krieg auch nicht. Da fiel die Wahl auf Dagmar Ziebarth, eine freie Mitarbeiterin. Sie verabredete sich mit der Oechelhaeuser am Karfreitag. Die Intendantin erschien, warf einen Blick in ihre Akte, verschwand wieder, spielte Kabarett und kam Ostersonntag noch mal, um sich mit der Akte fotografieren zu lassen. "Sie ist zwischen den beiden Terminen gealtert", sagt Dagmar Ziebarth. "Das Strahlende war weg." Die Journalistin trägt einen kurzen, dunklen Pony, schwarze Hosen, schwarze Augenrahmen und einen schwarzen Strickponcho, sie erinnert an eine kleine Fledermaus. Nichts superilluhaftes ist an dieser Frau. Sie ist voller Erinnerung und Leben. Ich sitze in dem Sessel, in dem sich die Oechelhaeuser mit der Akte fotografieren ließ. Ein buntgestreifter Sessel vor einer Bücherwand. Sie habe sich hier gleich wohl gefühlt, erinnert sich die Oechelhaeuser später. Zwischen Christa Wolf und Hegel. "Sie tut immer so, als spräche sie für den gesamten Osten", sagt Dagmar Ziebarth. "Aber ich bin nicht wie sie." Die beiden Frauen wurden im gleichen Jahr geboren, beide gezeugt im letzten Fronturlaub der Väter. Beide haben ihre Väter nie gesehen. Sie sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Beide Frauen wollten Schauspielerinnen werden, beide wurden abgelehnt. Beide traten erst mit 18 Jahren der FDJ bei. Das war es. Dagmar Ziebarth ist eine leise Frau. Sie hat lange Jahre als Kulturredakteurin für den "Morgen" geschrieben, nach der Wende hat sie Umschulungen gemacht, in einem Frauentheater gearbeitet und dann frei für die Super-Illu. Sie muß manchmal ein bißchen suchen, um einen freien Schreibtisch im Großraum der Super-Illu zu finden, aber es geht schon. Sie hat ein Buch über Artistenschule geschrieben. Ihr Mann war ein Prenzlauer Berger Hinterhoffotograf. Er ist 1992 gestorben, 1994 hatte er seine erste Ausstellung. Ihr Telefon wurde jahrelang abgehört, aber sie ist ohne Zorn. "Es ist nicht die Akte einer schlimmen Denunziantin. Sie war ehrgeizig, das hat man schon gesehen, aber sie hat ja auch gearbeitet. Ich glaube, die richtigen Anscheißer sind faule, untalentierte Menschen. Es hat mir jedenfalls keinen Spaß gemacht, ihr da gegenüberzusitzen", sagt sie. "Ich glaube, ich habe auch nicht viel mehr geschlafen als sie, weil ich ja wußte, was passiert. Da geht ein Leben wegen so einer Sache den Bach runter." Es muß eine eigenartige Begegnung gewesen sein. Die beiden Frauen haben es so gut gespielt, wie sie konnten. Es war nicht ihr Spiel, aber so, wie die Dinge lagen, schienen sie keine Wahl mehr zu haben. Jetzt, Ostern 1999. Am Gründonnerstag hat die Intendantin der Distel den Autoren Peter Ensikat angerufen, um ihm mitzuteilen, daß es eine Akte gibt. Sie sind Freunde. Sie sind auch zwei von vier Gesellschaftern der Distel GmbH. Ensikat sagte, daß sie sich keine Sorgen machen solle, solange es keine Verpflichtungserklärung gebe. Am nächsten Tag rief die Oechelhaeuser an und sagte: "Ich sitze vor meiner Verpflichtungserklärung." "Bist du spielbereit?" fragte Ensikat."Selbstversändlich", antwortete sie. Sie spielte noch ein paar Vorstellungen, dann trat sie zurück."Ich habe zuerst nur an den Betrieb gedacht", sagt Ensikat. "Ich dachte, alles bricht zusammen. Für viele war die Distel ja Gigi. Und ich habe mir natürlich auch große Sorgen um sie gemacht." Ensikat ist ein kleiner, unruhiger Mann. Er redet schnell, sucht ständig nach irgendwelchen Dingen. Er wirkt nervös und überfordert, aber man weiß nicht genau, ob er diese Wirkung nicht mag. Die Rolle des verhuschten Künstlers entschuldigt vieles. Er wisse gar nicht, was ein Gesellschafter so genau mache, sagt Ensikat. Um Geld habe er sich nie gekümmert. "Wir sollten vielleicht mal die Akte beantragen lassen", sagt er fragend. Er tanzt zwischen den Zeiten und den Rollen. Die Dinge hatten sich schon so fest gefügt. Getrennt in oben und unten. Schwache und Starke. Gute und Böse. Opfer und Täter. Die Nachricht kam so spät. Als Gisela Oechelhaeuser Ensikat bat, bei einem Interview im "Kulturweltspiegel" neben ihr zu sitzen, sagte er spontan zu. Eine Freundin war in Not. Am nächsten Tag raten die Kollegen ab. Er zieht seine Zusage erleichtert zurück. "Das wäre ja Psychoterror geworden", sagt er. Die S-Bahnen vor dem kleinen Hinterzimmer der Künstler an der Friedrichstraße donnern, die Frühlingssonne scheint auf die Reste eines späten Frühstücks. Erdbeeren und Käsestücken. Ensikat denkt sich nach 1990 zurück. "Ich spüre das Ensemble wieder", sagt er feierlich. "Wir hatten uns ja doch voneinander entfernt. Wir waren ja doch zunehmend in die dort oben und die da unten getrennt. Jetzt reden wir wieder miteinander." Das wäre auch eine Lösung. Aber sie würde ihn nicht lange erleichtern, und das weiß er. "Natürlich ist der Saal voller Mißverständnisse", sagt Ensikat. Vor der ersten Vorstellung nach der Enthüllung tritt Ensikat auf die Bühne und sagt: "Wir müssen nachdenken und natürlich weiterspielen." Das Publikum klatscht erleichtert. Schließlich haben sie die Karten bezahlt. "Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder Augen zu und durch. Oder wir zerstören ein gesamtes Leben", sagt Ensikat und hält den Kopf schief, als rechne er mit einer Anwort von mir. Gisela Oechelhaeuser schreibt inzwischen einen offenen Brief an ihre Freunde. Sie rudert im dunkeln. Sie sagt, daß sie sich nicht erinnern kann. Für die engsten, guten Freunde schreibt sie mit der Hand dazu: "Ich weiß jetzt, daß ich erpreßt worden bin." Sie ist ohnmächtig, wütend, selbstgerecht, weinerlich. Ensikat lernt Sabine Selle kennen, die die Rolle von Gisela Oechelhaeuser im Programm "Alle Brüder werden Menschen" spielen soll. Niemand glaubt, daß sie die "Gigi" wirklich ersetzen kann. Noch ist die Intendantin mehr Opfer als Täter. Noch hängt ihr Porträt in der Theaterkasse zwischen den anderen. Etwas höher als die anderen, um genau zu sein. Peter Brasch freute sich sehr, als sich das Fernsehen und die Presse bei ihm meldeten, denn sein Buch "Schön hausen" war soeben erschienen. Aber darum ging es nicht. Er war als Opfer gefragt. Gisela Oechelhaeuser hatte in ihrer Akte über ihn berichtet. Die Journalisten wollten den Ankläger, nicht den Autor. Irgendwie scheint Brasch auch Tage später nicht mehr von der Rolle runterzukommen. Es ist wie eine Droge.Er erzählt von der "Zunge", einem Klub, der "irgendwie" vom Zentralrat der FDJ unterwandert sei. Dort habe er die Oechelhaeuser schon vor einem Jahr getroffen, aber "da wollte ick noch keene Welle machen", sagt Brasch. "Damals in Leipzig war doch een Klüngel gewesen. Die Oechelhaeuser hat einen Westjournalisten rausgeschmissen, der was über uns schreiben wollte, sie hat mit dem Hart zusammengehangen, dessen Frau aus einer Stasifamilie kommt", sagt Brasch und versinkt immer weiter in einer unbekannten, unschuldigen Welt mit "Rudelbumsen" und "langen Tischen, an denen schon morgens gesoffen wurde". Er erzählt von seiner "Pankower Offenbarung". Als er kürzlich durch Pankow ging, habe er die Klingelschilder kontrolliert und festgestellt, daß dort Gysi, Brie, Maron und Regina Mönch vom "Tagesspiegel" wohnen. "Ick frage mich, wie die zu den schönen Wohnungen komen. Ick bin 43, wohne noch bei meiner Freundin ein, und im Telefonbuch komm ick och nicht vor. Ick will ja keene Gerüchte in die Welt setzen, aber die waren doch alle nicht sauber." Das wollten sie von ihm wissen. Er war die Illustration. Ein O-Ton. Für die Wut und die Empörung, die sich ja wohl irgendwo finden lassen mußten. Sprachlosigkeit gab es genug. Auf dem Schreibpult zwischen den beiden Fenstern zur Straße liegt ein Buch. Er hat das Super-Illu-Bild von Gisela Oechelhaeuser reingeklebt. Er hat ihr ein Hitlerbärtchen angemalt und auf ihren Schal geschrieben "I like Stasi".Hansjürgen Rosenbauer redet auf einen der Freischwinger in seinem großen, lichten Babelsberger Intendantenbüro ein. Dort hat Lutz Bertram gesessen, sein prominentester Stasi-Fall, und ihm die Taschen vollgehauen. Bertram war sein Schlüssel. Die Zuschauer sind mündiger, als man denkt. Aus den Akten kann man oft etwas über den Charakter des IM lernen. Die meisten warten, bis sie entdeckt werden. Es geht um Eitelkeiten, Geld, Macht und Rechthaben. Mehr Antworten gibt es nicht. Wir haben das Gespräch vor vier Jahren schon mal geführt. Aber was soll s. Rosenbauer redet auf den Stuhl ein."Im Westen wird das doch als eine Mischung aus Kindermord und Staatsverrat angesehen. Aus der Perspektive ist es nicht zu sühnen. Aber wir müssen ja hier irgendwie damit umgehen. Wir haben hier die Philosophie der zweiten Chance. Wer eine Zeit ins zweite Glied zurücktreten kann, darf weiterarbeiten. Wolfgang Martin arbeitet bei Antenne Brandenburg, Dörte Caspary wird nach ihrem Erziehungsurlaub bei uns arbeiten, und Lutz Bertram hätte auch seine Chance bekommen. Als Musikredakteur oder so. Aber er ist eben, wie er ist. Er saß hier später und erzählte mir, wie er den Sender retten würde. Er bot es mir an. Das ist Bertram. Na ja. Vorbei. Die Zeiten haben sich geändert. So eine Sendung, wie wir sie damals mit Bertram gemacht haben, würde heute als voyeuristisch empfunden werden. Das ist vorbei." Er findet auch noch ein paar gute Worte für Gisela Oechelhaeuser und die Sendung, die sie bis 1997 beim ORB gemacht hat. Aber er scheint doch froh zu sein, daß es ihn diesmal nicht getroffen hat. Er moderiert jetzt ihre Sendung. "Am Tag als " Beim nächsten Mal geht es um Guillaume. Alles ist deutbar. "Die Pointen liegen auf der Straße", sagt Ensikat. Hellmuth Henneberg, der sich die Sendung damals ausgedacht hat, ist in den letzten Wochen oft nach Archivmaterial gefragt worden. Schnipsel, die in Porträts montiert wurden wie Brasch. "Der ORB hat sowenig wie möglich über Gisela Oechelhaeuser gemacht", sagt Henneberg. "Dabei kannten wir sie am besten. Aber es gibt irgendwie kein Gefühl mehr, ob es gut ist oder nicht gut. Nur die Angst, daß man einen Ruf als Stasisender bekommen könnte." Niemand kann damit umgehen. Henneberg erzählt, wie erleichtert er war, als er damals nach der Überprüfung seinen "Persilschein" bekam. "Es ist völlig idiotisch, aber ich war wirklich erleichtert." Er ist nach Cottbus versetzt worden. Es ist kurz vor Mitternacht, wir sitzen fast allein im Foyer des "Holiday Inn express", der Kellner wartet, Henneberg erzählt, daß er in seinem Tagebuch oft ausführliche Beschreibungen von Menschen findet, die er komplett vergessen hat. Er glaubt daran, daß man Dinge vergessen kann, die einem einst wichtig waren. Er weiß nicht mehr, ob er seine Bereitschaftserklärung als Reserveoffiziersanwärter der NVA unterschrieben hat. Ich kann mich auch nicht mehr an eine Unterschrift erinnern. Der Kellner wartet. Walter Stützle bekennt sich ohne Umschweife und Aktenkenntnis zu Gisela Oechelhaeuser. Vielleicht liegt es daran, daß er gerade Staatssekretär im Verteidigungsministerium ist. "Das Thema liegt zurück", sagt Stützle. "Wir haben soviel vor uns. Außerdem habe ich als Westdeutscher überhaupt nicht das Recht, in einer ostdeutschen Biografie rumzuwühlen." Walter Stützle hat mit Gisela Oechelhaeuser damals die Sendung "Am Tag als " moderiert. Da war er noch stellvertretender Chefredakteur des "Tagesspiegel". "Ach", sagt Stützle, "das war so eine wunderbare Sendung, so eine wunderbare Zusammenarbeit. Ich habe viel gelernt." Er klingt nicht gerade glücklich da in Bonn, im Krieg. Stützle erzählt schnell und lang über politische Lösungen und große Anstrengungen, dann macht er ein Pause, seufzt und sagt: "Ich vermisse die Freiheit, persönlich zu formulieren."Der Krieg holt uns auch in der Hohenneuendorfer Veranda von Lothar Bisky ein. Er meldet sich auf dem Wurzelholzhandy. Bisky schaut ernst. Gysi ist gerade in Belgrad, er selbst fährt nächste Woche nach Griechenland. "Gysi macht um 23 Uhr ne Pressekonferenz in Düsseldorf", sagt Bisky und legt das Handy weg. Bisky hat mal ein Buch mit der Oechelhaeuser gemacht, kennt sie aber doch kaum, wie sich rausstellt. Er erzählt vom Stolpe-Untersuchungssauschuß. Von einem Mann, der sich an ihn wandte, um zu fragen, ob er sich offenbaren soll. Bisky verwies ihn an den Superintendenten, der schickte ihn zu einem Pfarrer, aber niemand wußte eine Antwort. So richtig kann ich nichts mit der Geschichte anfangen. Bisky raucht eine Karo nach der anderen, schaut ernst. Das Leben ist hart. Er hat Gislea Oechelhaeuser eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. "Man hat ja kaum noch Zeit füreinander", sagt er. Der Krieg und das alles. Draußen rollt ein silberfarbener BMW vors Gartentor. Sein Fahrer. "Wir müssen Schluß machen", sagt Bisky. "Ich muß nach Potsdam. Menschenkette." Am nächsten Tag fällt die Distelprobe aus, weil sie bei Bauarbeiten in der Nähe eine Bombe gefunden haben. Ein Schauspieler sagt: "Nachdem bekannt wurde, daß Gisela Oechelhaeuser bei der Stasi war, bombardiert die Nato die Distel." Es ist natürlich ein Witz, aber ein bißchen wichtiger fühlen sie sich jetzt schon. Ein leichter Wendewind weht durchs Theater. Als gäbe es noch was aufzuarbeiten. Sabine Selle lernt schnell. In den ersten Proben steht "Gigi" immer noch mit auf der Bühne. Ihr Partner Gert Kießling vermißt den "Sound der Anschlüsse". Aber die Distanz wächst von Tag zu Tag. In den Probepausen erinnern sie sich daran, wie Gisela Oechelhaeuser über die Caspary empört war. Gert Kießling denkt an den "moralischen Anspruch" des Kabaretts. "Die Nummer mit IM Gänseblümchen hat sie ja noch mit mir inszeniert", sagt er kopfschüttelnd. IM Gänseblümchen. Es ist fast, als spielen wir dieses Gespräch auf der Kabarettbühne. "Wir sind ja keine Charaktere, wir sind Typen", sagt Kießling. Gigi verschwindet von Tag zu Tag mehr, wird zu Gisela, zu "IHR". Jeder ist ersetzbar."Toll, wie Sie das gelernt haben. Gut, daß Sie nicht versuchen, sie zu kopieren", sagt Ensikat hoch zur Selle, die viel härter und erdiger spielt als die Oechelhaeuser."Ich bin ja nicht wie sie", sagt sie."Gott sei Dank nicht", sagt Ensikat. Zwei Tage später nimmt er das Bild der Oechelhaeuser von der Wand der Theaterkasse. Die Plakate werden durch neue ersetzt, auf denen die Selle zu sehen ist, die Vorstellung mit der Neubesetzung läuft reibungslos. Der Sound der Anschlüsse stimmt fast. Nach der Vorstellung sitzen sie noch in der Nolle zusammen. Erleichtert. "Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sie ersetzen konnte", sagt Ensikat in dieser Woche. Er war am Wochenende auf einer Geburtstagsfeier, wo seine Verwandten sich überhaupt nicht wunderten, daß die Oechelhaeuser "dabei" war. Und dann ist ihm eingefallen, daß er sie erst vor sechs Wochen in einer alten "Aktuellen Kamera" bei einem Kongreß für Unterhaltungskunst gesehen hat. Natürlich in der ersten Reihe. "Sie hat ja das Rotlicht gesucht. Das sind so Mittelpunktmenschen", sagt Ensikat.Er hat den Nagel in der Wand gelassen. "Aber im Augenblick scheint die Endgültigkeit der Trennung vorzuherrschen." Die Wortwahl sagt alles über ihn und die Situation. Die Sonne knallt in die S-Bahn-Bögen der Nolle. "Man kann es nicht sühnen", sagt Ensikat. "Es ist wie im Mittelalter. Wie bei Hexen." Gisela Oechelhaeuser redet langsam. Ihre Welt dreht sich in einer anderen Geschwindigkeit als die Welt dort draußen. "Die Distel gleicht ja einem Haufen aufgescheuchter Hühner, der sich aneinander wärmt", sagt sie, und ihr berühmtes Lachen breitet sich langsam aus. "Ich brauche Distanz und Klarheit. Ich habe ihnen freigegeben, ohne mich zu arbeiten. Die müssen sich ja nun ein zweites Mal für mich entscheiden." In ihrer Welt hat sie die Dinge in der Hand. Es ist eine Welt, in der es von "im Augenblick", "im Moment", "in dieser Sekunde" wimmelt. Eine Welt ohne Zukunft, eine Welt des Resümees. Eine Welt, vor die sie ein Max-Frisch-Zitat setzt: "Irgendwann erfindet sich jeder eine Biografie, die er für sein Leben hält." "Ich war ja jetzt gezwungen, mein ganzes Leben ablaufen zu lassen", sagt sie. "Und das Gute ist, ich habe für mein Leben, für mein ganzes Leben ein unglaublich gutes Gefühl. Sie könnten ganze Biografien damit füllen, was in der DDR nicht passiert wäre, wenn es mich nicht gegeben hätte. Wenn ich wo bin, kann es weniger schlecht sein." Ich wickle die Schokoladenkugel aus, esse sie, esse Mon Cherie und auch Ferrero Küßchen, stopfe mich mit Schokolade voll, nicke, schreibe, sie redet von der "Pissigkeit" der konspirativen Wohnung, in der sie sich mit dem "lächerlichen, kleinen Männchen" getroffen habe, "der nicht verstanden hat, was ich ihm erzählt habe". Sie sagt, daß man nicht zweimal durch den gleichen Fluß gehen darf. So geht es immer weiter zwischen Wut und Weinerlichkeit. Es war ihre Beichte. Am Schluß dankt sie mir.Es ist ein großes Mißverständnis, aber ich habe nicht das Recht, es aufzuklären. Ich habe auch keine Lust dazu.