Eine der korruptesten Organisationen der Welt trifft sich in einer der korruptesten Städte der Welt, um einen Nachfolger für seinen Führer zu finden, einen alten faschistischen Offiziellen. " So stand es vergangene Woche in der englischsprachigen Moskauer Zeitung "The Russia Journal". Das war kein schöner Empfang für den Klub des Juan Antonio Samaranch, die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die derzeit in Moskau ihre 112. Vollversammlung abhalten. Doch hat das "Russia Journal" diese Begrüßung nicht von ungefähr gewählt. Es kommt einiges zusammen, wenn sich das IOC ausgerechnet in Moskau trifft.In Russland, diesem Hort der Korruption, gibt es ein geflügeltes Wort für einen ganz besonderen Menschenschlag: Dieb, der das Gesetz befolgt. Was kann diese graue olympische Wirtschaftslobby besser beschreiben? Alles ist erlaubt, was nur nicht ausdrücklich verboten ist. Man hilft einander, wo man kann. Befolgt werden Gesetzesbuchstaben oder, noch lieber, deren Absence, aber niemals der einer Bestimmung zu Grunde liegende Sinn. Wenn es mal brenzlig wird, verfügt man über das nötige Kleingeld und entsprechende Kontakte - und ändert notfalls das Gesetz.Im IOC, in dessen Wirkungsbereich die Grenzen von kriminellen und legalen Verhaltensweisen verschwimmen, tummeln sich einige solcher "Diebe im Gesetz". Zum Beispiel Witali Smirnow und Schamil Tarpischtschew, die beiden Gastgeber dieser IOC-Session. Der 66 Jahre alte Smirnow gehört seit 1971 zum IOC, war sogar schon zwei Mal für vier Jahre dessen Vizepräsident und will nun in Moskau wieder in das Exekutivkomitee einziehen. Tarpischtschew, 53 Jahre alt, gehört seit 1994 dem exklusiven Zirkel an. Er hat seine beste Zeit als Olympier vielleicht noch vor sich. Denn er will die Olympischen Sommerspiele 2012 nach Moskau holen und würde dann der Cheforganisator dieser Spiele sein. Eine Funktion, die Smirnow bei der Olympiade 1980 in Moskau bereits ausgefüllt hat. Smirnow und Tarpischtschew - zwei Biografien aus der olympischen Spezialdemokratie.Schamil Anwiarowitsch Tarpischtschew empfahl sich einst als Tennisspieler für hohe sportpolitische Weihen. Bis heute agiert er als Kapitän des russischen Davis-Cup-Teams. Sein Lebensglück war, dass er 1988 im lettischen Kurort Jurmala den damaligen Moskauer Parteichef Boris Jelzin kennen lernte. Jelzin engagierte Tarpischtschew als seinen persönlichen Ausbilder. So nahmen die Dinge ihren Lauf. In Jelzins Clan machte Tarpischtschew eine atemberaubende Karriere. Der Sportfreund von eher schlichtem Gemüt amtierte ab 1994 als Chef des Komitees für Körperkultur und Sport im Range eines Ministers. Im Spätsommer jenes Jahres wurde er in Paris ins IOC kooptiert. Es ist verbürgt, dass sich Jelzin bei Samaranch für die Aufnahme Tarpischtschews eingesetzt hat.In seiner Autobiografie hat Jelzin den Tennislehrer Tarpischtschew als seinen einzigen Freund bezeichnet. Was tut man nicht alles für echte Freunde? Dem russischen Präsidenten fiel Grandioses ein. Er verschaffte Tarpischtschew 1993 mit dem Ukas zur Gründung eines Nationalen Sportfonds (NSF) etwas, von dem die meisten Menschen träumen: Die Lizenz zum Gelddrucken. Das Unterfangen war einzigartig und hatte offiziell natürlich nur das Ziel, die Entwicklung des Sports in Russland zu finanzieren. Tarpischtschews NSF durfte aus staatlichen Reserven Erz, Titan, Walzaluminium und andere Rohstoffe exportieren - die Differenz zwischen den heimischen Preisen in Rubel und dem Erlös auf dem Weltmarkt blieb beim NSF. Es war ein glänzendes Geschäft, zumal die Firma von Exportzöllen freigestellt war. Der Sportfonds importierte zugleich, ebenfalls zollfrei, in großem Stil Alkohol und Tabakwaren, und er handelte mit Bodenschätzen, die als "strategische Reserven" deklariert waren - im Klartext: Edelmetalle für den militärischen Gebrauch.Der NSF war eine märchenhafte Organisation, geleitet von einem ehemaligen Tennisspieler, der über keinerlei kaufmännische Ausbildung verfügte. Von Jelzins Gnaden stieg Tarpischtschew ungebremst zum größten russischen Alkoholimporteur auf. Im Volksmund wurde der NSF bald als Wodka-Fonds bezeichnet. Neben Tarpischtschew in der Zentrale saß Alexander Korschakow, Chef von Jelzins Leibgarde und damals die graue Eminenz im Kreml. Jelzin förderte Tarpischtschew, und dieser baute seine eigenen Seilschaften auf. Er holte einen gewissen Boris Fjodorow ins Boot, der sich bis Anfang der neunziger Jahre als Kleinunternehmer durchgeschlagen hatte. Dank Tarpischtschews Patronage bekam Fjodorow einen Job in der unglaublich effektiven Antikorruptions-Einheit des Kreml, wurde Direktor der Nationalen Kredit Bank und 1994, als Tarpischtschew sogar noch zum Sportminister aufstieg, übernahm Fjodorow die Führung des Wodka-Fonds.Der NSF kontrollierte bald neunzig Prozent des Handelsvolumens mit fremdländischen Genussmitteln. Diese Geschäfte wurden im Ausland misstrauisch begutachtet. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds musste Jelzin 1995 die gespenstische Steuerbefreiung zurücknehmen. Allerdings galt die Regelung noch ein Jahr, aus gutem Grunde: mit einem Teil des Erlöses aus dem NSF, der eigentlich dem russischen Sport zugute kommen sollte, wurde 1996 Jelzins Wahlkampf finanziert. Insgesamt mit mehreren hundert Millionen Mark. "Für einen Report über die Wahlkampffinanzierung bekäme ich einen Preis", erklärte damals ein russischer Journalist, "aber ich würde nicht lange genug leben, um ihn in Empfang zu nehmen. " Über die Höhe des Schadens, den das IOC-Mitglied Tarpischtschew mit dem Wodka-Fonds verursacht hat, gingen die Expertenmeinungen auseinander. Angeblich sollen es mindestens sieben Milliarden Dollar sein. Niemand weiß es genau. Russische Rechnungsprüfer rügten das Verhalten der Regierung, die die Skandalakten des Sportfonds unter Verschluss hielt. Wegen der "unsauberen" Vorgänge im Sportfonds empfahl die Kammer die Einleitung kriminalistischer Ermittlungen, auch gegen Boris Jelzin. Doch der Generalstaatsanwalt reagierte nicht. Wie viel Geld aus dem Wodka-Fonds auch in dunkle Kanäle geflossen ist - es war in jedem Fall mehr, als Jelzins Minibar vertragen konnte.Vonseiten des Kreml wurde schon 1996 Boris Fjodorow als Hauptverantwortlicher am Desaster des Sportfonds hingestellt. Man wollte der Öffentlichkeit wenigstens ein Opfer geben. Im Leben des Boris Fjodorow reihte sich plötzlich eine Merkwürdigkeit an die andere. Dem rasanten Aufstieg folgte der noch steilere Fall. Zunächst landete er im Mai 1996 wegen Drogenbesitzes im Knast - er behauptete daraufhin, der Inlandsgeheimdienst FSB habe ihm Kokain untergeschoben. Als Sportfonds-Chef wurde Fjodorow nun rasch von Korschakows Stellvertreter Waleri Streletzki ersetzt. Nach der Rauschgift-Affäre kaum auf freiem Fuß, wurde Fjodorow auf offener Straße mit einem Bauchschuss und zwölf Messerstichen niedergemetzelt. Wie durch ein Wunder überlebte er den Anschlag. Im Krankenhaus, an einem geheim gehaltenen Ort, sagte Fjodorow der "Komsomolskaja Prawda": "Natürlich werden sie mich umbringen. Ehrlich gesagt, manchmal bedauere ich es schon, diese Nacht überlebt zu haben. " Nach schwieriger Genesung meldete sich Fjodorow im Oktober 1996 im Fernsehmagazin "Itogi" zu Wort und erklärte, Streletzki habe von ihm 40 Millionen Dollar erpressen wollen. Das Geld sollte der Finanzierung von Jelzins Präsidentschaftskampagne dienen - das IOC-Mitglied Tarpischtschew fungierte inzwischen als Jelzins Wahlkampfchef. Drahtzieher der Erpressung seien Tarpischtschew und General Korschakow gewesen, sagte Fjodorow. Und fügte an, das Duo habe enge Beziehungen zu Mafiagrößen. Passend dazu veröffentlichte die Wochenzeitung "Nowaja Gaseta" die Abschrift einer Tonbandaufzeichnung, auf der Fjodorow Klage führte: Der IOC-Mann Tarpischtschew habe direkte Mafiakontakte. Er hätte mit den Irrsinnssummen aus dem Wodka-Fonds illegale Transaktionen durchgeführt.Boris Fjodorow, der vom Tarpischtschew-Intimus zum Tarpischtschew-Intimfeind gewandelte Sportfonds-Chef, lebte nicht mehr lange. Im April 1999 fand man ihn in seiner Moskauer Wohnung, wo er tagelang gelegen hatte: Herzschlag, hieß die Diagnose. Fjodorow war 40 Jahre alt. Schamil Tarpischtschew aber überstand die Wirren um den Wodka-Fonds ohne größere Blessuren. Zwar wurde er Ende 1996, nach anhaltenden Enthüllungen in den Medien, von Jelzin als Sportminister entlassen, doch zu diesem Zeitpunkt hatte er sich längst erfolgreich nach anderen Förderern umgesehen. Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow wurde nun sein Kompagnon. Tarpischtschew zählte zu den Hintermännern der von Luschkow gegründeten Vaterlands-Partei. In Luschkows Stab akquiriert, betreut und entwickelt Tarpischtschew eine Reihe von Großprojekten, meist Sport-Events wie das Grand-Prix-Finale in der Leichtathletik, die Weltjugendspiele, eine Formel-1-Strecke in Moskau, die Studenten-Universiade 2003, die Fußball-Europameisterschaft 2008, vor allem aber auch Moskaus Olympiabewerbung für 2012.Der öffentliche Ausweis, ein Mitglied des edlen IOC zu sein, war Tarpischtschew bei seinen dubiosen Geschäften stets von großem Nutzen. IOC-Mitgliedern öffnen sich viele Türen wie von selbst. Weitestgehend genießen IOC-Mitglieder, so oft sie auch mit Gesetzen in Konflikt gekommen sein mögen, diplomatischen Status. Das galt und gilt grundsätzlich auch für Tarpischtschew. Obwohl er einige unangenehme Momente verdauen musste: Zwei Mal, jeweils im Frühjahr 1997 und 1998, wurde ihm vom State Department die Einreise nach Florida verweigert. Damals klagte Tarpischtschew: "Ich nehme das als persönlichen Affront. Ich bin der Sportberater von Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow, ich bin zuständig für das russische Daviscup-Team, und dazu bin ich auch noch ein Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. " Protestnoten an Samaranch und den Internationalen Tennisverband brachte er gleich auf den Weg. Tarpischtschew vermutete, dass die Amerikaner ihn auf die schwarze Liste gesetzt hätten, weil er in zahlreichen Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen mit der Mafia in Verbindung gebracht worden war. So hatte der Sender "NTV" mehrere Berichte ausgestrahlt, die Tarpischtschew gemeinsam mit den mächtigen Metallhändlern Lew und Michail Chorny zeigten, mit mutmaßlichen Mafiosi. Er sei nur mit den Chorny-Brüdern befreundet. "Ich kenne sie seit meiner Jugend. Das heißt doch nicht, dass ich in ihre Geschäfte verwickelt bin. " Die Geschichten über Tarpischtschew und die Chorny-Brüder sorgten in Russland für großes Aufsehen. Es ging um die Macht im Kampf um Edelmetalle, und um die Kontrolle des lukrativen Handels. Die TV-Recherchen ließen darauf schließen, dass Tarpischtschew, als er noch direkt im Kreml agierte, den Chorny-Brüdern Sonderkonditionen gewährt hatte. Die Chornys saßen der Metallhandelsgesellschaft Trans-CIS Commodities vor, mit Sitz in Monte Carlo, die wiederum angeblich der Moskauer Kriminellen-Gruppe Ismailowski verbunden sei. Trans-CIS hätte 1993 während der Privatisierung die Kontrolle über die Aluminiumfabrik Krasnojarsk erobert. Tarpischtschew verschaffte den Chornys angeblich verschiedene Steuerbefreiungen, um das Aluminium billig exportieren und zu wesentlich höheren Weltmarktpreisen verkaufen zu können. Ein Milliardengeschäft. Für die Verbindungen Tarpischtschews interessieren sich längst auch Ermittler in der Schweiz, und die Staatsanwälte sind hervorragend informiert. Sie wissen sogar über familiäre Verstrickungen Bescheid: Tarpischtschew hat inzwischen eine Tochter der Chorny-Brüder geehelicht.Das IOC erteilt keine Auskünfte zu den vielen Vorwürfen gegen Tarpischtschew. Bekannt ist nur, dass Präsident Samaranch die Mitarbeit des Russen zu schätzen wusste. Bekannt ist aber auch, dass viele IOC-Mitglieder gar nicht genau wissen wollen, was Tarpischtschew so treibt. Mitunter macht Tarpischtschew auch Geschäfte mit Witali Smirnow, dem zweiten russischen IOC-Mitglied. Gemeinsam hat man etwa die so genannte Olympia-Lotterie betrieben. Der Erlös aus diesem Glücksspiel sollte, wie der des Wodka-Fonds, dem russischen Sport zugute kommen. Nun aber interessieren sich Ermittler in Amerika, der Schweiz, Russland, Zypern und sogar Deutschland dafür, wo das Geld denn eigentlich geblieben ist - und über welche Konten welche Summen geflossen sind.Partner in der Olympia-Lotterie sind zwei dubiose Geschäftsmänner: Der Zypriote Markos Shiapanis, der seit dreißig Jahren in Russland lebt und zum Smirnow-Clan gehört, sowie der Grieche Socrates Kokkalis, der seinen Reichtum - angeblich ist er Milliardär - mit diesen und jenen Geschäften angehäuft hat. Er besitzt auch, es geht schließlich um Sport, den Fußballklub Olympiakos Piräus. In der Athener Zeitung "Kathimerini" wird seit Monaten über die Machenschaften der diskreten griechisch-russischen Sportallianz berichtet. Dumm für Smirnow, dass sich auch ein Auszug eines auf seinen Namen laufenden Offshore-Kontos auf Zypern fand. Im Frühjahr 1998 waren auf diesem einen Konto (einem von vielen im Zusammenhang mit der Olympia-Lotterie) 1,3 Millionen Dollar aufgelaufen. Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen.Witali Georgjewitsch Smirnow, ein ehemaliger Wasserballer, wurde noch in der Sowjetunion zum Berufsfunktionär. Er diente unter anderem als Vizepräsident des staatlichen Sportkomitees "Goskomsport", als stellvertretender Sportminister der UdSSR, war Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, NOK-Chef der UdSSR und später Russlands. Schon an dieser Aufzählung ist zu erkennen, dass Smirnow den Zusammenbruch des Sowjetreiches schadlos überstanden hat. So richtig kann sich Smirnow ohnehin nicht mehr an die alte Zeit erinnern. "Das Olympische Komitee war schon vor der Wende eine unabhängige Institution. Unabhängig von Staat und Partei", behauptet er. Nach der Wende, so Smirnow, habe sich eigentlich nur die "Möglichkeit der Geldbeschaffung" verändert. "Floss dieses Geld früher aus staatlichen Quellen, so sind mit der Absage an den Kommunismus diese Quellen im damaligen Ausmaß versiegt. Mit unseren guten Kontakten versuchen wir deshalb, die notwendigen Mittel aus der Wirtschaft zu beschaffen. " Wenn die Mittel dann fließen, all die Sponsorengelder für russische Sportler, die Erlöse aus dem Lottospiel und dem ehemaligen Wodka-Fonds, dann ist Smirnow natürlich dabei.Auch im anrüchigen Zusammenhang mit Olympiabewerbungen wurde Smirnows Name mehrfach genannt. Zum Beispiel in Salt Lake City: Dort arrangierte Smirnow 1991 für einen russischen Eishockeyspieler eine kostenfreie medizinische Behandlung. Er kassierte unerlaubte Geschenke (unter anderem ein Browning-Gewehr), er besorgte einer Freundin ein Universitätsstipendium. Kleinigkeiten halt. Wofür Smirnow vor zwei Jahren vom IOC-Exekutivkomitee eine strenge Verwarnung ausgesprochen wurde, die allerdings ohne Folgen blieb. "Ich fühle mich in meiner Ehre verletzt", sagte Smirnow damals. Er wird Anfang August vielleicht schon wieder Grund haben, sich aufzuregen. Dann nämlich findet in Salt Lake City der Korruptions-Prozess gegen zwei ehemalige Olympiamanager statt. Einer der beiden, David Johnson, hatte schon vor Jahren zu Protokoll gegeben, ihm sei 1991 vor einer Abstimmung des IOC über einen Mittelsmann die Stimme Smirnows für 35 000 Dollar angeboten worden.Zu Smirnows Clan gehören eine ganze Reihe von Gestalten, die einen überaus schlechten Ruf genießen unter aufgeklärten Zeitgenossen in der olympischen Welt. Dazu gehört etwa der Kroate Goran Takac, der Sohn des offiziellen Samaranch-Beraters Artur Takac. Goran Takac verdient seit drei Jahrzehnten sein Geld mit der Beratung von Olympiabewerbungen. Er makelt für Smirnow & Co. diverse Sponsorenprogramme des russischen NOK. Er war selbstverständlich auch bei mehreren Olympiabewerbungen im ehemaligen Sowjetreich (Taschkent, Sotschi, St. Petersburg) engagiert, die - wenn man Staatsanwälten glauben darf - in Wirklichkeit gar keine Bewerbungen waren, sondern lediglich als Geldwaschanlage herhalten mussten. Über die Olympia-Bewerbungskomitees seien "Geld und andere Finanzinstrumente auf private Bankkonten in dritten Länder umgeleitet" worden, berichtete schon vor Jahren das "Wallstreet Journal". Der schwedische Staatsanwalt Christer van der Kwast formulierte es so: "Geld rein, Geld raus. Und alles unter dem Deckmäntelchen Olympia. " Es muss wohl eine Riesenballung von Zufällen sein, dass sich immer wieder verdächtige Spuren in der Nähe des IOC verlaufen. Gerade deshalb, sollte man meinen, erfordert der Umgang mit einflussreichen russischen Sportfreunden eine besondere Transparenz. Doch IOC-Präsident Samaranch will nicht einmal mitbekommen haben, wie sich das rege Geschäftsleben seiner russischen Bekannten schon direkt unter seinem Fenstersims abspielte. Dabei hätte nur ein wacher Blick aus seiner Residenz im "Palace"-Hotel von Lausanne genügt: Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, residierte lange Zeit Andrej Petelin, Direktor einer Firma mit anstrengendem Namen: IFMS AVSAYP Group S. A. Bei Petelin handelt es sich um den Schwiegersohn des IOC-Mitglieds Witali Smirnow. Seine Gesellschaft, die sich laut Handelsregister Aufgaben im Bereich der "Privaterziehung und der Organisation von Reisen und Aufenthalten zu touristischen Zwecken" verschrieben hat, legt ihren Arbeitsschwerpunkt auf Schweiz-Aufenthalte von reichen Russen.Smirnows Schwiegersohn Petelin betreibt noch eine zweite Unternehmung. Etwas fürs Herz: Die Fondation White Flag hat sich sportlich-humanitäre Hilfsmaßnahmen auf ihre blütenweiße Fahne geschrieben. Petelin fungiert als Präsident der Stiftung und wird vom Schwiegerpapa Smirnow, dem Vizepräsidenten, unterstützt. Aufopfernd kämpft da eine prominente russische Familie für den Sport und das Gute auf der Welt. Mitbegründer der Stiftung Weiße Fahne waren Andrej Petelin, der Veranstalter von Geschäftsreisen, der auch das Stammkapital von 250 000 Schweizer Franken in den Betrieb geschossen haben soll, sowie ein weiterer alter Bekannter: Tausendsassa Goran Takac. Der Olympia-Agent, der bezichtigt wurde, die Stimme von Petelins Schwiegervater Smirnow für 35 000 Dollar feilgeboten zu haben.Wenigstens kommt man zu Geld im olympischen Dunstkreis. Andrej Petelin, der Russe mit florierenden Geschäften am Genfer See, ist derselbe Petelin, der ein paar Jahre zuvor als Kostgänger der Olympiastadt Atlanta aufgefallen war. Konfrontiert mit entsprechenden Unterlagen musste Organisationschef Billy Payne einräumen, dass er Petelin bei der Einschreibung an der University of Georgia geholfen hatte. Jedoch habe man, um die Gunst des IOC-Mitglieds Smirnow zu erschleichen, keinen Cent in dessen Schwiegersohn investiert. Seinen Unterhalt in Atlanta erarbeitete sich der russische Gast angeblich selbst. "Wir sagten, ruf diese Person und jene Person an. Wir nannten ihm einen Namen im Ramada Inn, wo er einen Job als Toilettenputzer bekam", erklärte Payne. Neben der Hygienetätigkeit studierte Petelin von 1992 bis 1994 in den USA. Danach ging es rasch und steil bergauf, so dass er schnell eine Viertelmillion Franken beisammen hatte und sich davon eine wohltätige Stiftung gönnen konnte. Eine echt russische Tellerwäscherkarriere und ein erneuter Beweis gelebter olympischer Solidarität - Petelin hat erfolgreich beim einstigen Klassenfeind hospitiert.Mitunter ist auch IOC-Präsident Samaranch für die Stiftung Weiße Fahne aktiv. Etwa im Januar 1998, als die Stiftung die Moskauer Schule Nummer 45 mit nagelneuen Kettler-Sportgeräten ausstattete. Die anwesenden Journalisten wunderten sich sehr. Es gebe doch weitaus bedürftigere Moskauer Einrichtungen, empörten sich Augenzeugen - denn ausgerechnet diese Schule beherbergte den Nachwuchs von Superreichen, Kinder der vermeintlichen Creme der russischen Gesellschaft, auch jenen, denen man umfangreiche Mafiaverbindungen nachsagt. Die Schüler trugen Uniformen, die dem Vergleich mit Englands Nobelinternaten standhielten. Für den Nachwuchs der Moskauer Geldelite und die stolzen Erzeuger selbst war es ein unvergesslicher Tag: Überreicht wurden die karitativen Gaben schließlich vom IOC-Präsidenten, dem Marquis de Samaranch.Es war dies damals schon Samaranchs 23. Besuch in Moskau als IOC-Präsident. Selbstverständlich war wieder die ganze russische Familie zugegen. Witali Smirnow rühmte den Patron: "Wir lieben ihn von ganzem Herzen!" Der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nikolajewitsch rühmte Samaranch als "legendäre Persönlichkeit". Nach Gesprächen mit Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin und Bürgermeister Juri Luschkow sowie einem Mahl mit den anwesenden IOC-Mitgliedern krönte ein Besuch des Bolschoi-Theaters die Moskau-Tour. In der Zaren-Loge genoss Samaranch das Ballett Giselle, das eigens für ihn aufgeführt worden sein soll.Diese enge Vernetzung der IOC-Führung mit Moskauer Machthabern und ihren Geldmaklern erscheint insofern fragwürdig, weil einiges darauf hindeutet, dass über den russischen Sport und auf der olympischen Schiene eine gewaltige Menge Devisen unbekannter Herkunft in jene gut versteckten Waschtröge fließt, die Schweizer Wirtschaftsadvokaten zu zimmern pflegen. Die Gefahr ist doppelt groß, weil das IOC nicht von einem strengen Steuerland wie Schweden oder den USA aus operiert, sondern zufällig selbst in der lieblichen Steueroase Schweiz angesiedelt ist. Auf Schweizer Bankkonten liegen "sehr große" Summen schmutzigen Geldes aus Russland, hat schon 1999 Carla Del Ponte gesagt, die damalige Schweizer Bundesanwältin, heute UN-Chefanklägerin in Den Haag. Del Ponte sagte auch, woher das Geld stammt: aus Korruption, Geldwäscherei und Machtmissbrauch. Inzwischen sind die Namen zahlreicher Sportfunktionäre aus dem ehemaligen Sowjetreich den Schweizer Ermittlern bestens vertraut. Vergangene Woche wurden erst wieder Personen aus dem Umfeld des Smirnow-Schwiegersohns Petelin verhört. Das IOC aber schweigt. Immerhin fand das "Wallstreet Journal" einen Offiziellen, der anonym bleiben wollte, sich aber klarsichtig zur Situation äußerte: "Wenn eine Prüfung Beweise für russische Geldwäsche erbringen sollte, würde dies in einen Missbrauch der Spiele gipfeln, den niemand in der Welt erahnt hatte. Die wirkliche Macht vieler IOC-Mitglieder und Offizieller der Bewerberkomitees besteht in ihrem ungehinderten Zugang zu Regierungen und Unternehmen. "Der Sportfonds importierte zollfrei Alkohol und Tabakwaren in großem Stil und handelte mit Edelmetallen für den militärischen Gebrauch.Der öffentliche Ausweis, ein Mitglied des edlen IOC zu sein, war ihm bei seinen dubiosen Geschäften stets von großem Nutzen. IOC-Mitgliedern öffnen sich viele Türen wie von selbst.BERLINER ZEITUNG/HENDRIK RAUCH Der Turner, Wandmalerei in einer verlassenen russischen Kaserne bei Wiepersdorf.

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