MOSKAU. Kurz vor Ostern erhielt die Moskauer Vertretung des Ölkonzerns British Petroleum überraschenden Besuch. Ermittler durchsuchten die Räume der BP Trading Ltd, ebenso wie die russisch-britische Tochterfirma TNK-BP. Die Herren in Zivil handelten, wie sich herausstellte, im Auftrag des Inlandsgeheimdienstes FSB. Man habe "substanzielle Belege für Industriespionage" gefunden, teilte der FSB mit, darunter Visitenkarten westlicher Militäreinrichtungen und des CIA. Der Spionage beschuldigt wird ein Angestellter bei TNK-BP, Ilja Saslawski, sowie dessen Bruder Alexander. Beide waren schon eine Woche zuvor vorübergehend festgenommen worden, angeblich beim Versuch, Industriegeheimnisse eines russischen Energie-Unternehmens zu erhalten.Ein Instrument der PolitikMehr ist nicht bekannt - außer dass die Brüder Saslawski oberflächlich perfekt ins Klischee des westlichen Spions passen. Sie besitzen neben der russischen die amerikanische Staatsbürgerschaft, haben in Oxford studiert, und Alexander Saslawski leitet den Absolventen-Verein des British Council, eines Kulturinstituts, das im Januar aus politischen Gründen seine Arbeit in Russland einstellen musste. Warum aber ließ der FSB nach der Verhaftung der angeblichen Spione so viel Zeit verstreichen? Und warum musste überhaupt die Konzern-Vertretung durchsucht werden, wo der verdächtigte Mitarbeiter bloß ein 29 Jahre junger Analytiker in einer Tochter-Firma war?Russische Medien mutmaßen, es werde ein Vorwand gesucht, um das britisch-russische Unternehmen TNK-BP unter staatliche Kontrolle zu bringen. Das würde gut in die Entwicklung der letzten Jahre passen: Der Einfluss privater, vor allem aber ausländischer Investoren auf die russische Energiewirtschaft ist stark beschnitten worden.Die Geschichte des Russland-Engagements von BP ist dafür ein klassisches Beispiel. TNK-BP, nach eigenen Angaben drittgrößter Erdölproduzent im Land, entstand im Frühjahr 2003. Die Vorgängerfirma TNK gehörte zu jenem Dutzend Unternehmen, in die Russlands Ölindustrie nach der Privatisierung der 90er-Jahre aufgegliedert worden war. Die Gaswirtschaft stand zwar weiter im Schatten des Ex-Gaswirtschaftsministeriums Gazprom, aber auch dort hatte man mit besonders lukrativen "Production Sharing Agreements" Investoren angelockt, um neue Felder zu erschließen. Das erste war "Sachalin II", eine Flüssiggasförderstelle im Fernen Osten, in die Royal Dutch Shell investierte. Eine ähnliche Möglichkeit bot sich 2003 dem Erzrivalen BP: Das Gasfeld Kowykta nördlich des Baikalsees wurde zum Herzstück des neuen Unternehmens TNK-BP, das BP damals auf paritätischer Basis mit der AAR-Finanzgruppe der russischen Oligarchen Viktor Wekselberg, Len Blawatnik und Michail Fridman bildete.Noch im selben Jahr geschah der Umschwung zur Renationalisierung der Energiewirtschaft. Wenige Monate nach dem Zusammenschluss zu TNK-BP verabschiedete das Kabinett eine Energiestrategie bis ins Jahr 2020. Das Papier nannte gleich im Anfangssatz den Energiesektor "ein Instrument für die Umsetzung von innerer und auswärtiger Politik". Im Oktober 2003 wurde der Chef der größten russischen Ölfirma und reichste Russe, Michail Chodorkowski, verhaftet - angeblich auch, weil er Anteile an einen amerikanischen Investor verkaufen wollte. Seither mussten mehrere ausländische Investoren ihre lukrativen Förderverträge neu aushandeln oder abtreten. So musste Shell seinen Anteil am Projekt Sachalin II zugunsten von Gazprom von 55 auf 27,5 Prozent halbieren, nachdem der Staat den Betreibern die Verletzung von Umweltbestimmungen vorgeworfen hatte. TNK-BP musste im Sommer vergangenen Jahres dem Verkauf seines gesamten 63-Prozent-Anteils am Kowykta-Gasfeld an Gazprom zustimmen.Diesmal lautete der Vorwurf, die im Lizenzvertrag ausgemachte Fördermenge sei unterschritten worden. TNK-BP stritt das nicht ab, verwies aber darauf, dass die nötigen Transportkapazitäten gar nicht zur Verfügung gestanden hätten, um das Gas zum Verbraucher nach China und Korea zu leiten. Das Pipelinenetz gehört - Gazprom.Am vergangenen Freitag billigte nun die Duma in zweiter Lesung ein Gesetzesprojekt, dass ausländische Investitionen in Wirtschaftszweige "von strategischer Bedeutung" beschränkt. Was in der Praxis ohnehin schon geschieht, wird also in Zukunft auch eine eigene Gesetzesgrundlage erhalten.------------------------------Große VorkommenÖl und Gas: Russland verfügt über sieben Prozent der bekannten Ölvorkommen der Welt und über ein Viertel der Gasvorkommen.Privatisierung: Die Ölindustrie wurde in den 90ern privatisiert, die Gaswirtschaft nicht. Dort dominierte bis heute das zu einem Konzern umgebildete ehemalige Gasministerium Gazprom.Verstaatlichung: Die Verhaftung des Öl-Magnaten Michail Chodorkowski 2003 und die Zerschlagung seines Yukos-Konzerns markiert den Anfang einer Rückverstaatlichung der Energiewirtschaft.Verträge: Förderabkommen mit ausländischen Investoren wurden seither neu ausgehandelt, um den Staatseinfluss zu stärken. Außerdem will Russland Zugang zu den Vertriebsnetzen in Europa.------------------------------Foto: Der russische Inlandsgeheimdienst FSB ließ die Zentrale von TNK-BP in Moskau durchsuchen.