Wie Sebastian Prüsener lernt, mit kleinen Zielen zu leben: Er hat was in der Hand

BERLIN. Sebastian Prüsener hoffte auf einen Anruf, er hoffte sehr. Er wäre im vergangenen Sommer so gern in die große Welt des Volleyballs aufgebrochen, mit seinen 28 Jahren. Er strebte nach Italien oder Polen, nach Griechenland oder in die Türkei. Er träumte von einem Vertrag, der ihm in einer kleinen Sportart großes Geld bescheren würde. Er dachte, seine Auftritte mit der deutschen Nationalmannschaft in der Weltliga würden ihm helfen. Seinen Vertrag bei den Netzhoppers Königs Wusterhausen ließ er auslaufen. Im November aber musste der Libero Prüsener erkennen, dass der Markt ihn nicht will: "Von den Angeboten her war es das schlechteste Jahr meiner Karriere. Das hat mich ein bisschen verwundert."Prüsener kehrte zu den Netzhoppers zurück. Jetzt quält er sich durch den Abstiegskampf der Bundesliga, er bekämpft Rivalen wie Gotha, Rottenburg und Bühl. Das hat er so noch nie erlebt. Morgen (19 Uhr, Arena Bestensee) will er mit seinem Team gegen den Moerser SC gewinnen und den siebten Tabellenplatz stabilisieren. Er arrangiert sich mit dem Alltag, mit kleinen Zielen.Nur ein Mal am Tag TrainingEr ist ja froh, dass die Netzhoppers ihn wieder genommen haben, sonst hätte er jetzt nichts. Er nimmt in Kauf, dass sein Klub mit einem Etat von 400000 Euro "weit entfernt von professionellen Bedingungen ist". Die Netzhoppers trainieren nur ein Mal am Tag, und sie müssen ihre Hallenzeiten mit Fußballern und Boxern abstimmen. Die meisten ihrer Spieler studieren nebenher und wohnen in Berlin, Prüsener auch.Er ist im fünften Semester, Sport und angewandte Trainingslehre an der Hochschule für Gesundheit und Sport in Lichtenberg. Warum? "Ehrlich gesagt nur, damit ich mal was in der Hand habe, was ich dann vorzeigen kann." Vor Jahren hat Prüsener mit seinem Bruder und einem Kumpel eine Firma gegründet, die Internetfernsehen macht und Imagefilme für Unternehmen produziert. Da will er irgendwann vielleicht einsteigen. Er weiß noch nicht, was wird. Ihm reicht erst einmal das, was ist: Er bekommt sein Gehalt jeden Monat pünktlich, das war bei den Netzhoppers nicht immer so. Auf die Frage, ob der Verein mittlerweile finanziell stabil sei, sagt Manager Michael Kahl: "Eine stabile Situation würde ich mir wünschen, auch um als zuverlässiger Arbeitgeber zu gelten." Nach wie vor kämpft er gegen Altschulden an, in anderthalb Jahren sollen sie getilgt sein.Ein Abstieg, ahnt Prüsener, würde dem Klub die Perspektive rauben: "In der zweiten Liga, denke ich mal, da wird finanziell fast gar nichts mehr sein." Er arbeitet dafür, dass es so weit nicht kommt. Er stützt sein Team, vor allem emotional. Manager Kahl sagt: "Er ist ein Motivator, er reißt die Jungs mit." Trainer Mirko Culic lobt Prüsener als "Teamleader, der uns Sicherheit gibt". Bleibt es dabei, oder erfüllt sich der Libero nun im nächsten Sommer seinen Traum? Prüsener muss warten. Hätte er einst nicht im Streit mit dem damaligen Bundestrainer Stelian Moculescu das Nationalteam verlassen, hätte er die Sommer nicht mit Beachvolleyball verbracht, dann hätte er vielleicht längst Karriere gemacht. Doch Prüsener sagt: "Ich bereue nichts. Ich trauere keiner Sekunde nach."------------------------------Foto: Zurück in Bestensee: Volleyball-Nationalspieler Sebastian Prüsener (l.).