Viel Kraft habe sie in diesen Sekunden nicht mehr verspürt, hat Catherine Freeman gesagt, als sie sich zaghaft der Haupttribüne näherte. Ein 400-m-Lauf hatte ihre Beine so wacklig wie Pudding gemacht. Trotzdem schleppte sich die frischgekürte Weltmeisterin durch das Olympiastadion. Der Beifall war nicht gerade überschwenglich, es wurde höflich applaudiert, man sieht ja dieser Tage so viele Sieger in Athen.Doch plötzlich wurden der Läuferin von der Tribüne, nur wenige Meter entfernt von den VIPs, den besonders wichtigen Menschen, zwei Fahnen entgegengereckt. Eine war die australische, die Zuordnung der anderen Flagge fiel auch weitgereisten Zuschauern offenbar nicht leicht. Der ehemalige Botschafter Juan Antonio Samaranch jedenfalls, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nahm umgehend sein Fernglas zu Hand, um genau zu beobachten, was zwanzig Meter vor ihm geschah.Die ermattete Freeman griff nach beiden Bannern, zuerst nach dem australischen, dann nach der Fahne der Ureinwohner des fünften Kontinents. Deren drei Farben wollte Cathy Freeman in den glücklichen Momenten nicht missen. "Es war eine Überraschung, diese wunderschönen Farben zu sehen." Jede ein Symbol. Schwarz für die Menschen, Rot für die Erde, dazwischen ein gelber Kreis, der für die Sonne steht, die über der Ortschaft Mackay in den Outbacks von Queensland, wo Freeman vor 24 Jahren geboren wurde, glüht."Heute abend", hat Cathy Freeman nach ihrem Wettkampf gesagt, "werde ich ein sehr stolzes Mädchen sein." Freeman ist eine besondere Siegerin. Eine Aboriginee, die, was immer sie tut, Neuland betritt. "Es ist wohl mein Los, ständig die erste zu sein."Am Rande notiert Ihr Volk, das unter den achtzehn Millionen Australiern etwa 300 000 Menschen zählt, hatte in Evonne Goolagong-Cawley 1974 im Tennis eine Wimbledon-Siegerin. Eine Weltmeisterin in der Leichtathletik gab es noch nicht. Auch war Freeman 1992 als erste Aboriginee in ein australisches Olympiateam gelangt. 1996 gewann sie in Atlanta hinter der Französin Marie-Jose Perec die Silbermedaille. Wieder war sie auf ihre Art die Nummer eins. Daß zwei weitere Aborigines hochdekoriert aus Atlanta zurückkehrten ­ der Hockeyspieler Choppy (Bronze) und seine Kollegin Nova Peris (Gold) ­ wurde eher am Rande notiert. Die Öffentlichkeit ist auf Cathy Freeman fixiert. Eine zarte Person mit schnellen Beinen und bezauberndem Blick.Zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Tennis-Wunder wird Freeman ganz anders als damals Goolagong-Cawley verkauft. Der Sport wurde ein Milliardengeschäft, und die Olympischen Spiele in Sydney stehen bevor. "Es wird Cathys Olympiade sein", sagte ihre Kontrahentin Marie-Jose Perec schon in Atlanta. "Es werden im Jahr 2000 Freemans Spiele, alle großen Marketingagenturen wissen das", erklärt der Aborigine Mark Ella, ein früherer Rugbyspieler, der im Sportmarketing sein Geld verdient. Natürlich hat sich das olympische Organisationskomitee (SOCOG) Freemans Dienste gesichert. Die Fluggesellschaft Quantas wirbt mit ihr, der Sportartikelgigant "Nike" sowieso.Das SOCOG führte im Herbst des vergangenen Jahres zudem ein neues Logo ein ­ drei Bumerangs, die einen Läufer symbolisieren ­, das etwa 100 Millionen Dollar Lizenzeinnahmen bringen soll. Ein Diebstahl aus der Aborigine-Kultur sei dies, protestierten die Wortführer der Ureinwohner daraufhin und riefen zum wiederholten Mal zu einem Boykott des weltgrößten Sportfestes auf. "Das Aborigine-Problem wird ausgeschlachtet. Der Sport und das SOCOG können nicht die Probleme von 200 Jahren lösen", sagte der australische Olympia-Funktionär John Coates.Sie will in den Busch Australien und seine Ureinwohner seien "zwei und dasselbe", sagt Cathy Freeman. Sie hat ihre persönliche Formel gefunden. Lebt in einer anderen Welt, in der sie "viele Probleme überhaupt nicht mitbekommt", dennoch weiß sie genau Bescheid. Kennt selbstverständlich die Zahlen, fast 50 Prozent der Aborigines sind arbeitslos. Das Völkchen wird von Alkoholismus und Kriminalität geplagt. Die Lebenserwartung liegt nahezu zwanzig Jahre unter der der weißen Bevölkerung. Gemeinsam mit ihrer Mutter Cecilia Barber, die in Brisbane als Sozialarbeiterin tätig ist, zog Cathy Freeman nach den Olympischen Spielen von Atlanta durch Schulen und sprach den Kids Mut zu, wie sie sagt. "Ich zeige den Kindern, daß jeder eine Chance hat." Natürlich ist Freeman auch für Politiker interessant. Warwick Parer etwa, der für die Minderheiten zuständige australische Minister, erklärte nach dem WM-Gewinn: "Cathy ist eine große Botschafterin Australiens, und sie wird eine große Botschafterin der Olympischen Spiele in Sydney sein." Schon meldet sich auch die andere Fraktion. "Es ist schade, wenn sich Leute, die an die Spitze gekommen sind, plötzlich nicht mehr für unsere Sache einsetzen", wetterte Charles Perkins, der stellvertretende Vorsitzende der Selbstverwaltungsbehörde der australischen Ureinwohner. "Was will Cathy eigentlich sein? Eine schwarz-weiße Person?"Was will sie sein? Was kann sie sein? Später, nach dem Sport, plant sie, "in den Busch zu gehen, um dort Zeit mit meinen Vorfahren zu verbringen. Ich möchte irgendwann zu meinen Wurzeln zurückkehren." Vorerst aber läuft sie die Stadionrunde, so schnell es geht. Das fällt nicht immer leicht. Heckenschützen lauern überall. Hatte nicht vor kurzem die unabhängige Parlamentsabgeordnete Pauline Hanson gefaselt, Aborigines würden ganz gern ihre Frauen und Kinder verspeisen? Warum wurde ausgerechnet Cathy Freeman als Fahnenträger für die Spiele in Sydney nominiert? Warum schert sie ihr Haar so stoppelkurz? Warum hat sie nie ein großes Rennen gewonnen? All dies wurde sie, vor der WM, daheim gefragt. "Es gibt viele Vorurteile gegen Cathy", sagte nun in Athen die WM-Zweite Sandie Richards (Jamaika), die ihr zur Seite sprang: "Aber sie kämpft dagegen an."Um sich optimal vorbereiten zu können und während der Meetingserie in Europa nicht ständig zwischen den Kontinenten hin- und herjetten zu müssen, hat sich die Athletin in London ein Haus gekauft. Anwesen in Melbourne und Brisbane besaß sie schon. Sie unterhält einen Manager, den Franzosen Nick Bideau, der kaum von ihrer Seite weicht. Natürlich, die Geschäfte gehen gut. Nach Atlanta wurden Einnahmen von einer halben Million Dollar pro Jahr prognostiziert. Für den Weltmeistertitel kamen in Griechenland 60 000 Dollar hinzu. Mit ihren Erfolgen hat sie nicht nur den eigenen Wohlstand gemehrt. Daß im Januar 1996 mit Unterstützung der Regierung (5,1 Millionen Dollar) eine Organisation gegründet wurde, die den Sport unter den Aborigines fördern soll, ist auch Cathy Freemans Verdienst.Sie hat sich nicht nur im sportlichen Wettkampf durchgesetzt. Vielleicht auch in den Minuten danach. Denn ihre Flaggenrunden sind hinlänglich bekannt in der olympischen Welt. Bei den Commonwealth-Spielen vor drei Jahren in Victoria (Kanada) sollte sie für die Ehrenrunde mit der Aborigines-Fahne von den eigenen Funktionären zunächst bestraft werden. In einer Zeitungsumfrage zeigte die überwältigende Mehrheit Verständnis für die Aktion. Trotzdem riet ihr vor den Olympischen Spielen in Atlanta das australische IOC-Mitglied Phil Coles, die Finger vom schwarz-rot-gelben Textil zu lassen: "Die olympische Charta erlaubt keine politischen Demonstrationen. Wenn du dich nicht dran hältst, wirst du disqualifiziert."Natürlich wurde ihr in Atlanta wieder die Fahne angeboten. Freeman griff aus Angst nicht zu. Aber auch dafür wurde sie kritisiert. "Sie hat uns den Rücken zugedreht", erklärte Charles Perkins. Diesmals nahm die Tennisheldin Evonne Goolagong-Cawley die Läuferin in Schutz: "Sie hat sich richtig verhalten. Ich durfte damals in Wimbledon auch nicht im schwarzen Dreß spielen."Liebhaber von Schnulzen In Athen schien es alles viel einfacher zu sein. IOC-Präsident Samaranch hat den Flaggenlauf nicht unterbunden, auch der Leichtathletikchef Primo Nebiolo nicht. Möglich, daß die beiden Rentner nun insgeheim bei den Australiern intervenieren, öffentlich werden sie es vermutlich kaum tun. Sind sie doch als Liebhaber schnulziger Momente bekannt. In diesem Sinne wurden sie von Cathy Freeman wahrlich erfreut. Als die Athletin am späten Abend auf dem Siegerpodest stand und die Hymne erklang, wurde auf den Großleinwänden im Stadion eine Schmuseszene eingespielt. In Superzeitlupe ließ sich Cathy Freeman da einen Fahnenstoff über das Gesicht gleiten und lachte dabei. Als sie dieses Einspiel sah, hat Cathy Freeman geweint. Es war die australische Flagge, und nicht die der Aborigines.