DECANI, 27. Juli. Zwei Wege führen zum mittelalterlichen Kloster Visoki Decani, einem der schönsten Kulturdenkmäler der serbischen Orthodoxie im Kosovo. Der eine führt über die Landstraße. Vorbei an unzähligen Checkpoints der serbischen Polizei, an Sandsackburgen, aus denen Gewehrläufe ragen, und an stinkenden Kuhkadavern gelangt man in die von Artillerie fast völlig zerstörte Stadt Decani. Von dort führt eine Nebenstraße zum Kloster, das eine halbe Fußstunde vom Ortskern entfernt in einem Mischwald liegt.Es ist die reinste Idylle. Nichts scheint die klösterliche Ruhe zu stören. Kein Geräusch, nur das Zwitschern der Vögel und die Glocke, die die 21 Mönche zum Essen ins Refektorium ruft. Es ist, als ob die Zeit stillstehen würde.Der andere Weg führt über die Datenautobahn. Vor einem Jahr hat Bruder Sava im Internet seine Web-Seite eingerichtet: http://www.decani.yunet.com. Wer also den gefährlichen Weg nicht gehen mag, surft durch den Cyberspace und sieht die wunderbaren Fresken aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die in romanischem Stil gebaute Kirche, den Klostergarten, die Wohngebäude mit der langen Balustrade, von der man in die einzelnen Zellen der Mönche gelangt, und er sieht auch Bruder Sava in seiner Zelle. An der Wand hängen Ikonen, auf dem Tisch stehen zwei Computer und ein Scanner.Angst vor dem anderenDa steht nun also Bruder Sava in dieser abgeschiedenen Ecke des umkämpften Kosovo und aktualisiert seine Web-Seite. "Das mögen Sie komisch finden", sagt der 43jährige in perfektem Englisch und lacht etwas schräg, "aber bedenken Sie bitte, daß die erste serbische Drukkerpresse in einem Kloster stand." Die Zeiten haben sich geändert. Der Mann in seiner schwarzen Mönchskutte hat nun Computer, Telefon und Modem, um seine Botschaften loszuwerden. Und er informiert nicht nur über die paradiesische Klosteranlage, sondern auch über das Kosovo, seine Geschichte und seine aktuellen Probleme.Ein großes Problem ist der Umgang mit der Wahrheit. Gesicherte Informationen gibt es im Kosovo kaum. Daß es ein (serbisches) Media Center und ein (albanisches) Kosova Information Center gibt, weist vor allem darauf hin, daß beide Seiten die Medien als kriegsrelevante Faktoren erkannt haben. Da werden Gerüchte gestreut und Halbwahrheiten verkündet. Da wird auch Angst gezüchtet, vor allem die Angst vor dem anderen.Manchmal greift der "Cyber-Mönch" (Bruder Sava über Bruder Sava) dann zur Feder oder besser: Er haut in die Tasten. Etwa als das Informationszentrum der LDK, der von "Präsident" Ibrahim Rugova geführten größten Partei der Kosovo-Albaner, meldete, nach Angaben der UCK-Guerilla hätten serbische Paramilitärs im Kloster Decani Schutz gefunden. Aus der Zelle des Bruders Sava kam per e-mail umgehend das Dementi. Auch die Behauptung der unabhängigen albanischen Zeitung "Koha Ditore", der serbische Nationalistenführer Vojislav Seselj habe sich im Kloster mit Mönchen getroffen, wies der Gottesmann elektronisch zurück. Alles Hirngespinst, alles Lüge! Die Zeitung fand sich immerhin zu einer Wiedergutmachung bereit: Sie bot dem Mann der Kirche ein Interview an, in dem er seine Position darstellen konnte.Die serbische orthodoxe Kirche hat im letzten Jahrzehnt große Schuld auf sich geladen. Sie hat den Nationalismus gefördert und geschürt. Popen haben in Bosnien Gewehre serbischer Freischärler gesegnet. Der in Belgrad residierende Patriarch Pavle hat sich auf die Seite des Kriegsverbrechers Radovan Karadzic geschlagen, als der mit Milosevic in Konflikt geriet. Doch so monolithisch, wie es scheinen mag, ist auch die orthodoxe Kirche nicht.Bischof Artemije, der Vorsteher der Diözese von Raska und Prizren, zu der Decani gehört, wies jüngst in einem öffentlichen Schreiben darauf hin, daß "die Position der Kirche im Kosovo sehr oft von serbischen nationalistischen Extremisten und von staatlichen Medien des Mangels an Patriotismus und proalbanischer Positionen bezichtigt wird, nur weil sie die Forderung nach einem Dialog unterstützt und nicht die Politik des Kriegs und der Gewalt". Bruder Sava, der Sekretär des Bischofs, hat das Schreiben per e-mail verbreitet.Vor einer Woche hat der amerikanisch-serbische Geschäftsmann Milan Panic, der bei den serbischen Präsidentschaftswahlen einst glücklos gegen Milosevic antrat, in Den Haag ein illustres Treffen veranstaltet. Es kamen unter anderen Bischof Artemije, Momcilo Trajkovic, der Führer der "Serbischen Widerstandsbewegung", die vor zwei Jahren noch Milosevic zu einem härteren Kurs im Kosovo aufforderte, inzwischen aber für den Dialog eintritt, sowie Zoran Djindjic und Vesna Pesic, zwei Führer der serbischen Opposition in Belgrad, und der amerikanische Sonderbeauftragte Gelbard. Es war ein Treffen derer, die aus unterschiedlichen Gründen gegen eine militärische Eskalation im Kosovo eintreten.Das Treffen der VerliererEs war quasi eine Zusammenkunft der Verlierer. Denn der Dialog zwischen der serbischen und albanischen Führung findet nicht statt. Und auch im Alltag gibt es immer weniger Kontakte zwischen den beiden Volksgruppen. "Im früheren Jugoslawien mußte jeder Albaner serbokroatisch lernen", sagt Bruder Sava, der bei dem Treffen in Den Haag zugegen war, "aber jetzt wächst eine Generation heran, die die Sprache der serbischen Minderheit im Kosovo kaum mehr versteht, weil sie, nachdem ihr die staatlichen Schulen verschlossen wurden, ihre Ausbildung in der albanischen Untergrundschule hatte." Und welcher Serbe spricht schon albanisch?Schon viele Friedensappelle hat der Mönch von seinem Kloster aus in die Welt gesandt. Er gehört zu den wenigen Leuten im Kosovo, die die Fähigkeit der Empathie besitzen, die Fähigkeit, sich in die Lage des andern zu versetzen. "In den Balkankriegen 1912 bis 1913 befreiten die Serben das (bis dahin zum Osmanischen Reich gehörende) Kosovo", meint er, "für die Albaner war es keine Befreiung, sondern eine Besetzung."Und heute? Der Mönch hat Verständnis dafür, daß die Albaner nach all dem, was sie in den letzten Jahren durchgemacht haben, aufbegehren, auch wenn er die Gewalt der UCK ablehnt. "Das Kosovo ist für die Serben heiliges Land, es ist unser Jerusalem", sagt er dann ganz im Tonfall serbischer Nationalisten, und fügt sofort hinzu, "aber es ist auch das heilige Land der Albaner." Öffentlich hat er gegen die Zerstörung von Moscheen die meisten der Kosovo-Albaner sind Muslime Stellung bezogen.Und so gerät denn auch sein Protest gegen die Angriffe der UCK auf ein orthodoxes Kloster nicht in den Ruch schnöder Parteinahme fürs eigene Lager. Am vergangenen Dienstag hatte ein albanisches Kommando das Kloster Cosma und Damian 45 Minuten lang mit leichter Artillerie und Maschinengewehren beschossen. Neun Mönche, eine betagte Nonne und rund 30 serbische Flüchtlinge wurden abgeführt, nachdem der Abt die weiße Fahne gehißt hatte. Sie kamen erst auf Intervention des Roten Kreuzes frei.Bruder Sava sieht eine Lösung"Es ist viel von Ethnien, Blut und Mythen die Rede", meint Bruder Sava, der, anders als die meisten Mönche, eine solide universitäre Ausbildung hat, "aber haben in der historischen Schlacht auf dem Amselfeld nicht viele christliche Albaner in den serbischen Reihen gekämpft? War die Großmutter des heiligen Königs Stefan, Stifter und Patron der Klosterkirche von Decani, nicht Französin?"Die Angst vor ethnischer Vermischung ist Bruder Sava fremd. Seine Mutter ist halb Kroatin, halb Deutsche, sein Vater Serbe aus der Herzegowina. "Nein, das Problem des Kosovo ist nicht, daß es zwei Ethnien gibt", sagt der Mönch entschieden, "sondern daß es keine Demokratie gibt." Die Lösung des Konflikts liege deshalb nicht in der Vertreibung der einen oder der anderen, sondern in der Durchsetzung demokratischer Strukturen. Daß dabei Milosevic ein großes Hindernis ist, bestreitet er nicht. Der jugoslawische Präsident habe vor bald zehn Jahren seine Macht über eine antialbanische Mobilisierung der Kosovo-Serben aufgebaut. Nun bestehe die Gefahr, daß gerade diese Serben, deren Anliegen von den Politikern in Belgrad kaum je ernst genommen wurden, letztlich die großen Verlierer sein werden. Eine tragfähige Lösung könne es nur geben, wenn man statt auf ethnische Ausgrenzung auf demokratische Auseinandersetzung baue. Hat diese klösterliche Stimme der Vernunft eine Chance, sich im Gefechtslärm Gehör zu verschaffen? "Ich weiß", antwortet Bruder Sava, "wir können den Krieg nicht stoppen und alle Teufel aus der Welt vertreiben." Doch es sei seine christliche Pflicht zu helfen, wo er könne, und zwar unabhängig davon, ob in den Adern der Opfer albanisches oder serbisches Blut fließe.Hilfe vom KlosterEs bleibt nicht bei Worten. Täglich geht Bruder Sava durchs große Klostertor hinaus in die Stadt hinunter. Vorbei an der brachliegenden Tankstelle und am Panzerfahrzeug, das vor der Polizeistation auf dem Hauptplatz steht, schlägt er eine verwinkelte Seitenstraße ein, um die Albaner aufzusuchen. Rund 6 000 Einwohner lebten im eigentlichen Stadtgebiet, bevor die serbische Artillerie angriff, um den Grenzstreifen zum nahen Albanien zu säubern und den Waffenschmuggel zu unterbinden. Etwa 50 Albaner haben über drei Wochen in den Kellern ausgeharrt, bis das Schlimmste vorbei war.Sie leben nun alle zusammen in einem unzerstörten Häuserblock, keine hundert Meter von der Hauptstraße entfernt, die die Stadt durchschneidet. Alle sind sie in den Garten gekommen, um den ausländischen Gast zu sehen. Der Besuch ist kurz, draußen dämmert es bereits, und es ist lebensgefährlich, in der Dunkelheit übers Land zu fahren.Die Albaner getrauen sich nicht einmal tagsüber auf die Straße hinaus. Die Polizei habe sie ermahnt, sagen sie alle einmütig, zu ihrer eigenen Sicherheit in den Häusern zu bleiben. Irgendeinen Laden, wo sie etwas einkaufen könnten, gibt es in der zerstörten Stadt nicht mehr. Und so kommt eben Bruder Sava jeden Tag zu Besuch.Der orthodoxe Mönch bringt den Muslimen Lebensmittel und Medikamente, die er vor allem über das Rote Kreuz erhält und in seinem Kloster lagert. Die eine oder den andern fährt er auch mal ins Krankenhaus im 15 Kilometer entfernte Pec. "Bruder Sava ist ein Heiliger", sagt ein älterer Albaner in gebrochenem Deutsch zum Abschied, "wirklich ein Heiliger."