Was mag Hellmuth Karasek bewogen haben, dieses Buch zu schreiben? Wollte er sich am "Spiegel" rächen, dem er über zwanzig Jahre lang gedient hat und der am Ende eines seiner Manuskripte für undruckbar befand? Oder wollte der zweite Mann aus dem "Literarischen Quartett" einfach mal erleben, wie es ist, wenn man mit Kübeln voll Häme und Spott übergossen wird nur, weil man ein schlechtes Buch geschrieben hat?Denn selten waren sich die Rezensenten so einig: Karasek erzählt viel, hat aber nichts zu sagen. Das Nähkästchen ist leer, keine Enthüllungen, keine Abrechnung mit dem "Spiegel". Statt dessen versucht Karasek über 400 Seiten interessantes Herrschaftswissen vorzutäuschen, indem er den ehemaligen Kollegen fast unästhetisch nah auf den Pelz rückt. Nach dem Motto: Wer sich erinnern kann, wie der Chefredakteur aus dem Mund roch, wird auch sonst eine Menge mitbekommen haben.Literweise KörpersäfteNun könnte man einwenden, all die Rezensenten, die seit einer Woche fast täglich über ihn herfallen, hätten nur auf eine Gelegenheit gewartet, dem barocken TV-Kritiker eins auszuwischen. Ihn einfach mal einen Langweiler schimpfen, obwohl er doch nichts mehr haßt als zu langweilen. Doch das Buch ist in der Tat überraschend schwach. Seine Protagonisten dünsten zwar literweise Körpersäfte aus, lebendig sind sie deshalb noch lange nicht. Karaseks Alter ego Daniel Doppler (unter diesem Pseudonym hat Karasek einst für den "Spiegel" Glossen verfaßt) stolpert wie betrunken durch die Gänge des Magazins und kämpft losgelöst von den Herausforderungen des Journalistenalltags mit seiner überbordenden Libido.Sein Chef, der an Erich Böhme gemahnende Chefredakteur Bernhard B. Schwab, ist vor allem ein eitler Partylöwe, der die schön blöde Jungredakteurin erst mit seiner "Wurstfigur" bespringt und anschließend heiratet. Ähnlich triebgesteuert verhält sich Verleger Albert Kahn, der es sich aber leisten kann, die Frauen seiner Untertanen zwecks Ausspannen auf diverse Landsitze zu entführen. Schon fragt sich das Hamburger Nachrichtenmagazin in dieser Woche bang auf dem Titelblatt: "Ist der ,Spiegel ein Saustall?"Laut Karasek ist es eine Strafkolonie für die besten aller Journalisten. Ein Magazin, das seine hochbezahlten Angestellten in goldene Käfige steckt, in denen sie von der Vorstellung gequält werden, für ihre mickrigen Zeilen viel zu viel zu verdienen. Und täglich droht die Schreibblockade. Journalistische Großereignisse wie der Waldheim-Rücktritt, die Aids-Hysterie oder die Barschel/Engholm-Affäre interessieren Doppler-Karasek nur am Rande, wichtiger ist ihm das Balzverhalten in der Redaktion: Sekretärinnen, Redakteure, Herausgeber sie alle mutieren zu Triebwesen, die wahlweise nach Schweiß oder Alkohol riechen; und der weiße Trüffel gar, den Karasek dem Chefredakteur knollenweise auf die Pasta hobelt, duftet nach zerwühlten Betten. Doch der Presse-Rossini kommt nicht in Fahrt, und so ist die Frage, wer mit wem schlief, schon nach wenigen Seiten so uninteressant geworden, daß man sich nach den wenigen Stellen im Buch sehnt, wo die zynischen Magazin-Journalisten mal nicht in die "dunklen Achselhöhlen" der Sekretärin linsen oder dem armen Hascherl aus der Werbeabteilung ihre "sibirischen Juxknüppel" verabreichen.Daß schlußendlich ausgerechnet Doppler in die Barschelaffäre hineinstolpert, ist schon recht abstrus. Denn bis dahin hat Karasek seinen Anti-Helden so oft schwitzen und geistig onanieren lassen, daß man ihm nicht mal mehr die Leserbriefseite anvertrauen möchte.Da ist Karasek ungleich produktiver. Während Daniel Doppler tagträumt, produziert sein Erfinder so fleißig Stilblüten, als wollte er von Marcel Reich-Ranicki mal so richtig rangenommen werden: Das Eidotter sieht aus wie "grünlicher Pavianhoden", aus Platzhirschen werden "Parkplatzhirschen" und wo die Sprachmühle gerade so schön rattert "die Ausnahmen bekommen die Regel". Angesichts Karaseks erstaunlichem Willen zur Selbstdemontage plädiert denn auch der echte "Spiegel" in seiner Rezension auf mildernde Umstände (vielleicht der Lohn dafür, daß Karasek nicht wirklich Unangenehmes ausgeplaudert hat). Einen "Schwitzbold" nennt Peter Brügge, der zu Karaseks Zeiten Reporter beim "Spiegel" war, den verunglückten Autoren fast liebevoll. Dessen "Gemenge aus Existenzangst, Opportunismus, Triebdruck und Stammtischhumor" sei zwar bekannt gewesen aber wohl nicht in diesem Ausmaß. "Die eigentliche Ausgräberarbeit der konstanten Nachrichtenbeschaffung wiederum kennt unser Austern schlürfender Kultur-Promi kaum", schreibt Brügge. Soll heißen: Der Mann hat eigentlich keine Ahnung.Armer KarasekSo wird der Selbstdarsteller begnadigt nur eins nehmen ihm die ehemaligen Kollegen übel: Daß er den Herausgeber Rudolf Augstein "zu einem gesichtslosen Pappkameraden flachgebügelt hat", der den Frauen seiner Mitarbeiter nachstellt, anstatt sich ums Heft zu kümmern. Und daß, obwohl Karasek Augstein lediglich "wie ein Hofnarr nahegekommen" sei.Armer Karasek. Da hat er mit seinen großen Jungs-Phantasien von bierseligen Skatrunden und verschwitztem Sex nun ausgerechnet den Unantastbaren besudelt. Dort, wo er selbst Herausgeber ist, hat man Karasek anscheinend die Gefolgschaft gekündigt. Ausgerechnet in der Kulturbeilage des "Tagesspiegel" erschien ein bündiger Verriß, in dem Karasek als "Schmock unter Schmöcken" bezeichnet wird. Und nun will man ihn, so scheint s, ganz abschieben: Als Moderator bei "Talk im Turm" sieht ihn der "Tagesspiegel" schon, womit Karasek nicht nur den jetzigen "Spiegel"-Chef Stefan Aust von der Kandidatenliste verdrängen würde, sondern auch das Erbe Erich Böhmes anträte. Alles hat ein Ende, nur die "Wurstfigur" hat keins.