RACAK/PRISTINA, 23. März. In Racak liegen noch die letzten Schneereste nach dem längsten Winter, an den sich die Dorfbewohner erinnern können. Aber schon hat die Sonne so viel Kraft, dass die Dorfstraßen sich in Schlammpfade verwandeln. Bei einer Gabelung im Ort versperren plötzlich ein Panzerwagen und mehrere Kfor-Jeeps den Weg. Finnische Soldaten nehmen die Personalien auf und geben sie per Funk durch. Schließlich wird bestätigt, dass die finnische Pathologin Helena Ranta ein paar hundert Meter hinter der Sperre seit dem Morgen ihre Untersuchungen der Racak-Tragödie fortsetzt. Zum dritten Mal ist Frau Ranta nun in den Kosovo gefahren. Schon im Herbst 1999 war sie unter großer Geheimhaltung nach Pristina gekommen. Offenkundig lässt sie der Fall nicht in Ruhe. Die Frage liegt nahe, wonach sie noch sucht. Denn für die Öffentlichkeit hatte sie ihren Auftrag als Rechtsmedizinerin mit der Pressekonferenz vom 17. März 1999 eigentlich beendet. Auch eine Antwort auf die Frage, wer sie mit den weiteren Untersuchungen beauftragt hat, wäre von Interesse. Auf derartige Frage gibt es an diesem Tag keine Antwort. Frau Ranta bittet um Verständnis, dass sie keinen Kommentar zur laufenden Untersuchung abgeben möchte, lässt sie per Funk mitteilen. Eine Stunde später ist sie nicht mehr in Racak. Fragen nach Waffen sind tabu"Hier starb Halim Beqiri", sagt ein auskunftswilliger Dorfbewohner, während wir uns einen Hohlweg am Dorfrand hochkämpfen. Er zeigt die Stelle, wo Halim Beqiri lag, dann auf die Hügel gegenüber: "Von dort haben sie ihn erschossen." Bis zu jenen Hügeln dürften es mindesten 500 Meter sein. Ein besonders trauriger Fall, Halim war erst 13 Jahre alt. Sein Tod war vielen Politikern Anlass, immer im Plural von "getöteten Kindern" zu sprechen. Im OSZE-Bericht erscheint Halim "als Junge (zwölf Jahre alt) Schuss ins Genick". Daraus machten Journalisten einen "Genickschuss". In den finnischen Berichten ist Halim der Fall "RA-13-7040F". Man stellte bei ihm einen tödlichen Schuss in den Rücken fest, der nicht aus der Nahdistanz abgefeuert wurde.20 Meter weiter erneut ein Halt. "Hier wurden der Vater von Halim und sein Onkel getötet", sagt unser Begleiter. Er zeigt wie beide starben, in dem er sich auf die Böschung legt und zu den Hügeln gegenüber schaut. Nur die Köpfe lugten über den Wall. So liegen auch Schützen. Beide starben durch einen Schuss in die Stirn, sagt der Mann.Schließlich gelangen wir auf den Hügel, wo die Leichen einer "Massenhinrichtung" gefunden wurden, die als grausame Bilder durch die Welt gingen. Nachträglich hat jemand vom Haager Kriegsverbrechertribunal die Fundstellen blau oder rot markiert. Nicht an einer Stelle, sondern verstreut über etwa hundert Meter lagen die Toten in diesem ausgetrockneten Bachbett.25 Mann, erzählt unser Dorfführer, hätten sich in einem winzigen Stall unterhalb des Hügels versteckt, seien aber von den Serben entdeckt worden. Die Mehrzahl dieser Albaner sei auf den Hügel gestürmt und dort anderen Serben in die Arme gelaufen, die sie getötet hätten. Was, wenn Männer bewaffnet gewesen waren? Für Dorfbewohner sind solche Fragen tabu. Für sie sind begreiflicherweise alle Toten von Racak Märtyrer.